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Dezentrales Arbeiten Sind Segelboote die besseren Büros?

Fast alle Dax-Konzerne erlauben mittlerweile Homeoffice. Aber funktioniert dezentrales Arbeiten auch für Laboranten - oder auf einer Jacht im Mittelmeer?
Maren Wagener an ihrem Arbeitsplatz - sie lebt auf einem Segelboot im Mittelmeer

Maren Wagener an ihrem Arbeitsplatz - sie lebt auf einem Segelboot im Mittelmeer

Foto: Vast Forward

Weniger Vorgaben, mehr Freiheiten und mehr Verantwortung - unter dem Schlagwort New Work krempeln derzeit viele Chefs ihre Firmen um. Sie lassen ihre Mitarbeiter entscheiden, wo und wann sie arbeiten möchten, machen Gehälter transparent oder schaffen Hierarchien ab. Wie sieht New Work im Alltag aus? Das erfahren Sie in unserer Serie.

Das Rotklinkerhaus liegt an einem Kanal, ein hübscher Park ist direkt um die Ecke und die Innenstadt lässt sich in wenigen Minuten zu Fuß erreichen - die Lage des Hamburger Büros von Maren und Matthias Wagener könnte kaum besser sein. Trotzdem sitzt hier fast nie jemand.

Das Paar lebt seit 2015 auf einem Segelboot im Mittelmeer. Ihre IT-Firma leiten sie von Bord aus, die sechs Angestellten können arbeiten, wo sie möchten. Eine Projektleiterin pendelt zwischen Barcelona, Paris und der Côte d'Azur, eine andere zwischen Bremen und Berlin.

Ob zu Hause, im Coworking-Space, im Café oder auf einer Jacht - in vielen Branchen ist es mittlerweile nebensächlich, wo die Menschen sitzen, die die Arbeit erledigen. Hauptsache, sie haben einen mit dem Internet verbundenen Laptop.

Jeder dritte Wissenschaftler arbeitet im Homeoffice

Schon Anfang der Achtzigerjahre testeten die Landesregierung von Baden-Württemberg und Siemens die sogenannte "Telearbeit" und ließen Sekretärinnen zu Hause Texte abtippen. Anlässlich dieser ersten Tests wagte der SPIEGEL im Dezember 1983 die düstere Prophezeiung: "Nicht Spaß, Spiel, Spannung werden schließlich mit den Computern ins Wohnzimmer einziehen, sondern der verlängerte Arm von Büro und Betrieb."

25 der 30 Dax-Konzerne erlauben mittlerweile Telearbeit. Jeder zehnte deutsche Arbeitnehmer hat 2018 täglich oder mindestens die Hälfte seiner Arbeitszeit zu Hause verbracht, so das Statistische Bundesamt. Die Zahl der gelegentlichen Heimarbeiter dürfte noch deutlich höher liegen; der Branchenverband Bitkom geht zum Beispiel davon aus, dass schon vier von zehn Arbeitnehmern zumindest ab und an zu Hause arbeiten.

Am verbreitetsten ist Telearbeit laut Statistischem Bundesamt bei Wissenschaftlern. In dieser Berufsgruppe arbeitet rund jeder Dritte regelmäßig von zu Hause aus. Die geringste Homeoffice-Quote haben Handwerker, Anlagen- und Maschinenbediener - was wenig überraschend ist, denn nur die wenigsten Maschinen lassen sich wohl aus dem Wohnzimmer bedienen.

Der Chef soll erklären, warum sich der Weg ins Büro lohnt

Der Bäcker braucht einen Ofen, der Chirurg einen Operationssaal, der Schreiner eine Werkstatt, logisch. Dass bestimmte Jobs nun mal an bestimmte Örtlichkeiten gebunden und deshalb Homeoffice-untauglich sind, musste sich Arbeitsminister Hubertus Heil im vergangenen Jahr immer wieder anhören. Gleich zweimal hatte er versucht, einen Rechtsanspruch auf Heimarbeit durchzusetzen. Bislang vergeblich.

Doch das Thema bleibt aktuell: Noch immer gibt es Firmen, die auch ohne zwingende Gründe Homeoffice ablehnen. 30 Prozent der Arbeitnehmer würden gern zu Hause arbeiten, dürfen aber nicht, so eine Studie des Arbeitsministeriums. Und Management-Vordenker wie Peter Kreuz gehen noch einen Schritt weiter: "Wenn ein Chef will, dass seine Mitarbeiter ins Büro kommen, muss er ihnen einen Grund dafür liefern", sagt er. Nur, wenn das Büro eine Arbeitsumgebung biete, die anregend sei, Vernetzung und Ideen fördere, sei es gerechtfertigt, den Weg dorthin auf sich zu nehmen.

Dass es beim Thema Homeoffice oft mehr Spielräume gibt als gedacht, zeigt ein Beispiel aus dem Pharmakonzern Bayer. Führungskräfte haben dort schon länger die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Aber kann das auch für Laboranten funktionieren? Diese Frage brachten Personalabteilung und Betriebsrat auf. Denn um Versuche auszuwerten oder zu dokumentieren, muss man nicht zwingend im Büro sitzen.

Helmut Haning leitet das Bayer-Forschungszentrum in Wuppertal, das für einen Pilottest ausgewählt wurde. "Ich war sofort Feuer und Flamme, weil ich es selbst sehr schätze, meine Zeit flexibel einteilen zu können", sagt er. "Zu meiner Überraschung waren die ersten Reaktionen der Mitarbeiter sehr verhalten."

Eine Stechuhr hat auch Vorteile

Im Bayer-Werk in Wuppertal wird die Arbeitszeit elektronisch erfasst. Morgens loggen sich die Mitarbeiter ein, abends aus. Das bedeutet maximale Kontrolle, für alle: Auch Überstunden können nicht unter den Tisch fallen.

Wer von zu Hause aus arbeitet, muss selbst dafür sorgen, dass die Arbeitszeit eingehalten wird. "Hinter der flexiblen Zeiteinteilung steht auch eine andere Erwartungshaltung", bestätigt Haning. "Der Arbeitgeber erwartet, dass die Aufgaben erledigt werden, in welcher Zeit, ist nachrangig. So zumindest funktioniert das Arbeitszeitmodell von Führungskräften."

Homeoffice verwischt die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit - zu diesem Ergebnis kommen sowohl eine Studie der Krankenkasse AOK als auch eine noch unveröffentlichte Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Für diese hat Arbeitszeitforscherin Yvonne Lott Befragungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ausgewertet. Ihr Fazit: Ob Angestellte Homeoffice als Befreiung oder als Belastung empfinden, hängt in hohem Maße von der Unternehmenskultur und den Vorgesetzten ab.

Studie der Hans-Böckler-Stiftung

Die besten Erfahrungen mit Homeoffice machen Angestellte, wenn ...

  • ... sie ganze Tage und nicht nur einzelne Stunden zu Hause arbeiten.

  • ... ihre Firma auch Aufstiegsmöglichkeiten für Teilzeitkräfte anbietet.

  • ... Homeoffice in der Firma vertraglich geregelt ist.

Bei Bayer meldeten sich für den dreimonatigen Test 35 Freiwillige. Wann und wie oft sie im Homeoffice arbeiten, war ihnen überlassen. "Von einmal in drei Monaten bis zu einmal pro Woche war alles dabei", sagt Haning. Häufiger habe niemand das Angebot genutzt, was sich aber auch durch die Arbeit ergebe, denn Versuche müssen natürlich weiterhin im Labor stattfinden.

Das Ergebnis war so positiv, dass nun alle Mitarbeiter des Wuppertaler Forschungszentrums nach Absprache mit den Vorgesetzten auch von zu Hause aus arbeiten dürfen. Andere Bayer-Standorte wollen nachziehen.

"Im mittleren Management läuft der Überzeugungsprozess noch, aber die kritischen Stimmen werden leiser", sagt Haning. "Arbeit im Homeoffice ist keine Arbeitszeit zweiter Klasse, sondern genauso effektiv."

Podcast "Arbeitspioniere: Gelebte New-Work-Modelle"
Maren (Mitte) und Matthias Wagener, Gründer und Leiter der Agentur Vast Forward, im Gespräch mit Sandrina Lorenz

Maren (Mitte) und Matthias Wagener, Gründer und Leiter der Agentur Vast Forward, im Gespräch mit Sandrina Lorenz

Foto: Lukas Schürmann/ manager magazin

Für die zweite Folge unserer neuen Podcast-Reihe "Arbeitspioniere" hat Sandrina Lorenz unter anderem mit Maren und Matthias Wagener gesprochen - sie haben ihre Firma dezentral organisiert.

Diese Erfahrung haben auch Maren Wagener und ihr Mann gemacht. Ihre Firma bietet Projektmanagement- und Programmier-Dienstleistungen für Agenturen an. "Als wir 2015 aufs Schiff gezogen sind, war eine unserer größten Sorgen, unseren Kunden könnte unsere physische Präsenz fehlen", sagt Maren Wagener. "Aber das war völlig unbegründet - die meisten interessiert gar nicht, wo wir sind, solange wir ihre Probleme lösen."

Ein Selbstläufer sei das dezentrale Arbeiten allerdings auch nicht: "Wenn man sich nicht jeden Tag im Büro sieht, ist die Gefahr groß, dass man das Zusammengehörigkeitsgefühl verliert."

Um sich trotz Distanz als Team zu fühlen, legt das segelnde Unternehmerpaar viel Wert auf Kommunikation. Zu festgelegten Zeiten gibt es Videochats, montags um 10 Uhr beispielsweise "den Montagsplausch". "Da tauschen wir uns hauptsächlich über das Wochenende aus", sagt Wagener. "Zu 80 Prozent geht es um private Themen, und das soll auch so sein. Es ist quasi der Plausch, der sonst im Büro an der Kaffeemaschine stattfinden würde."

Mittwochs um 10 Uhr trifft sie ihre Mitarbeiterinnen zum Skype-Yoga. Jede rollt dort, wo sie gerade ist, ihre Yogamatte aus. "Per Videochat können wir uns alle sehen, und die Trainerin kann auch darauf hinweisen, wenn eine Haltung nicht richtig ist. Das funktioniert erstaunlich gut", sagt Wagener. 150 dieser Yoga-Sessions haben schon stattgefunden.

Vertrauen statt Kontrolle sei ihr Leitspruch, sagt Wagener. Diesen einzulösen, sei ihnen am Anfang selbst schwergefallen. "Als Chefs will man ja über alles informiert sein und alles unter Kontrolle haben", sagt sie. "Aber so kann dezentrales Arbeiten nicht funktionieren."

Fazit

Allein die Möglichkeit, außerhalb des Büros arbeiten zu können, erhöht Zufriedenheit und Produktivität der Mitarbeiter. Vor allem für Angestellte, die täglich lange Anfahrtswege haben, bedeutet Homeoffice ein Zugewinn an Lebensqualität. Wichtig ist allerdings eine klare Homeoffice-Regelung, am besten sogar vertraglich festgelegt. Wenn dezentrale Arbeit nur in Ausnahmefällen oder nur stundenweise gewährt wird, steigt die Gefahr, dass sich die Mitarbeiter unter Druck gesetzt fühlen.

Tipps für Firmen, die Homeoffice einführen wollen

  • Schaffen Sie vorab Klarheit: Wer darf wann im Homeoffice arbeiten? Wer entscheidet darüber im Einzelfall? Und wie und wann müssen Heimarbeiter erreichbar sein?

  • Überlegen Sie sich auch für die Kommunikation Regeln: In welchen Fällen werden E-Mails verschickt, wann sind Telefonate oder Chats besser? In Chats kann vieles schnell falsch verstanden werden. Wie soll dort der Ton sein? Wie schnell werden Antworten erwartet?

  • Auch im Homeoffice will jeder Einzelne wahrgenommen werden und Bestätigung erhalten. Organisieren Sie gemeinsame Chats, bei denen transparent wird, wer woran arbeitet.

 

 

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