Wenn "New Work" krank macht "Hierarchie kann auch entlasten"

Macht es Menschen glücklicher, wenn sie ohne Chef arbeiten? Stephanie Porschen-Hueck erforscht Unternehmen, in denen Mitarbeiter das Sagen haben - und kennt die Schattenseiten.

Uwe Umstätter/ Westend61/ Getty Images

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Das sogenannte agile Arbeiten gilt vielen Arbeitnehmern als Lösung aller Probleme - man arbeitet selbstständig, ohne nervige Vorgaben vom Chef. Was ist da dran?

Porschen-Hueck: Das Arbeitssetting ist natürlich erst mal attraktiv, wenn man in großem Umfang selbstverantwortlich arbeiten kann. Wie groß dieser Umfang ist, kommt aber auf das spezifische Unternehmen an. Hinter jedem Versprechen steht deshalb die Frage: Wie wird es umgesetzt?

  • privat
    Stephanie Porschen-Hueck forscht zu neuen Entwicklungen in der Arbeitswelt am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. Schwerpunkt u.a.: Potenziale und Risiken agilen Projektmanagements und Arbeitens.

SPIEGEL ONLINE: Was kann dabei schiefgehen?

Porschen-Hueck: Agiles Arbeiten bietet auch Potenzial zur Selbstausbeutung. Wer sich stark mit seinem Unternehmen identifiziert und viel Verantwortung trägt, der ist auch bereit, viel zu geben. Das kann eine Zeit lang passen - und es wird natürlich individuell sehr unterschiedlich wahrgenommen, wann eine Grenze überschritten ist.

SPIEGEL ONLINE: Irgendwann ist es zu viel?

Porschen-Hueck: Wenn die Arbeit Spaß macht und man das Gefühl hat, wirklich etwas voranzubringen, dann wird eben nicht nach Stechuhr gearbeitet. Ich habe mal eine Untersuchung bei einem Hersteller für Spielesoftware durchgeführt, ein junges, nettes, agiles Team war das. Der Chef dort erklärte mir: Diese Art zu arbeiten, das kickt die Leute eben.

SPIEGEL ONLINE: Hört sich erst mal so an, als wären da alle zufrieden: der Chef, für den hoch motivierte Angestellte arbeiten, und die Mitarbeiter selbst, die ihre Kreativität ausleben können.

Porschen-Hueck: In bestimmten Momenten entsteht auch in so einem Unternehmen Druck, etwa wenn Software ausgeliefert werden muss und der Termin näher rückt. Und da kommt dann die Frage auf: Ist es fair, wenn diejenigen mit Kind immer um vier Uhr nach Hause gehen - und die anderen Mitarbeiter bis spät abends ackern? Beim agilen Arbeiten ist das öfter ein Aushandlungsprozess, denn es gibt nicht unbedingt jemanden, der so etwas einfach entscheidet. In so einem Fall kann Hierarchie auch entlasten. Und auch klare Regeln, auf die man sich berufen kann. Generell stellt sich die Frage, was unter agilem Arbeiten verstanden wird. Es wird zunehmend als Allgemeinplatz für flexibles Arbeiten verwendet. Ein agiles Framework strukturiert die Arbeit ja prinzipiell.

SPIEGEL ONLINE: Führen solche Situationen nicht automatisch zu Konflikten zwischen den Kollegen?

Porschen-Hueck: Konzepte zur agilen Arbeit enthalten meist Elemente, um gruppendynamische Prozesse zu begleiten und Konflikte zu lösen. Bei der weitverbreiteten Scrum-Methode etwa gibt es die sogenannte Retrospektive. Dafür treffen sich die Mitarbeiter eines Teams regelmäßig und blicken kritisch auf ihre erbrachte Leistung, fragen sich auch, was im Team gut lief und was nicht. Das kann prima sein, weil es Raum für echtes Feedback bietet. Dafür müssen die Mitarbeiter einander aber vertrauen - und es muss klar sein, dass nichts von dem Besprochenen nach außen dringt. Sonst kann so eine Einheit ganz schnell zum Schauplatz für interne Machtkämpfe werden.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die häufigsten Probleme, wenn ein Unternehmen agiles Arbeiten einführt?

Porschen-Hueck: Der Druck, den der Einzelne auf sich selbst ausübt, ist hoch. Ein Mitarbeiter sagte mir einmal: Er fühle sich, als würde er die ganze Zeit mit einem gewissen Schwelbrand arbeiten - im Gegensatz zum herkömmlichen Projektmanagement, wo es zum Schluss zum großen Feuerlöschen kommt. Gerade Unternehmen, die die agile Arbeit erst einführen, sollten vorsichtig sein. Mitarbeiter können schlicht überfordert sein, sie brauchen Coaching - und Zeit, um sich auf die neue Situation einzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Macht agile Arbeit auf lange Sicht glücklicher?

Porschen-Hueck: Bisher werden agile Formate noch als positiver bewertet als Arbeit im hierarchischen Setting. Aber für die meisten Arbeitnehmer nimmt der Druck nicht ab. Konzepte zur agilen Arbeit sollen Mitarbeiter zwar entlasten, aber sie bergen eben auch die Gefahr der Selbstoptimierung - die Mitarbeiter nehmen den Marktdruck auf, so werden diese Ansätze letztlich zu einem neuen Instrument zur Leistungsintensivierung. Es kommt auch darauf an, wie die Gesamtorganisation aufgestellt ist. Häufig entstehen hier Belastungen durch widersprüchliche Anforderungen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat es für Mitarbeiter, wenn sie konstant dieser Belastung ausgesetzt sind?

Porschen-Hueck: Das äußert sich sehr unterschiedlich. Einige stehen so sehr unter Druck, dass sich die Krankheitsquote erhöht. Wenn das gekoppelt ist mit privaten Problemen, kann es auch zu schweren Erkrankungen wie Burn-out kommen.



insgesamt 17 Beiträge
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Leser161 04.06.2019
1. Hierarchie ist geil
Ich mach mein Job. Der Kollege macht sein Job. Da haben wir die Verantwortung und entscheiden. An Berührungspunkten reden wir. Wenn wir uneins sind fragen wir den Chef. Zusätzlich hält uns der Chef die Kunden vom Hals. Meine Arbeit fühlt sich dadurch erfolgreicher und effizienter an, als in Unternehmen wo alles so flach ist, wo ich auch schon gearbeitet habe. Da red jeder rein, aber am Ende hat keiner die Verwantwortung. Hierarchie bringt allen was.
marty_gi 04.06.2019
2. Theater
Egal ob neue oder alte Modelle - die sollten sich (inklusive der Forscherin hier) alle mal anschauen, wie ein Theaterstueck entsteht, das zu einem bestimmten Premierentermin auf die Buehne gebracht werden muss. Wie da jeder seinen eigenen Part eigenverantwortlich einstudieren muss bzw. zum Gesamtwerk beitraegt - denn es sind ja nicht nur Schauspieler, sondern auch Requisite, Buehnenbild, Licht, Ton, Schreinerei usw. Das ist alles sehr agil, war es schon immer und wird es immer sein. Und dennoch hat letztlich (nahezu) immer einer das letzte Wort, fast schon diktatorisch. Also eine perfekte Mischung aus Agil und Hirarchie. Und das funktioniert seit Jahrhunderten. Ist zwar auch nicht immer alles Gold, aber ziemlich effektiv. Wieso man da immer wieder an alten und neuen Modellen in der Arbeitswelt rumexperimentiert und -studiert wird mir ein Raetsel bleiben.
m82arcel 04.06.2019
3.
Agiles Arbeiten und insbesondere Scrum bedeutet eigentlich nicht das Fehlen von Hierarchie. Richtig umgesetzt ist teilweise gar das Gegenteil der Fall. Dass jeder tut, was er/sie will und wie lange er/sie will ist auf jeden Fall nicht das gleiche wie richtig umgesetztes agiles arbeiten. Ich persönlich bevorzuge klare, aber eher flache Hierarchien, bei der nicht für jede winzige Entscheidung erst X fachfremde Abteilungen einbezogen werden müssen, aber es im großen und ganzen doch klare Vorgaben, Ziele und Termine gibt. Das ist aber eben auch agil möglich, sofern man Agilität nicht als Vorwand zur Einsparung jeglichen Projektmanagements missbraucht.
Leckerschmecki 04.06.2019
4. Agil ist mehr als Hierarchie
Agilität ist so viel mehr als die Frage wie viel Hierarchie es braucht. Am Ende merken immer mehr Unternehmen und Mitarbeiter, dass Arbeitweisen und Strukturen von gestern, heute immer weniger funktionieren - Stichwort VUCA. Unternehmen und Mitarbeiter die sich nicht asap anpassen, werden immer schneller abgehängt werden.
muunoy 04.06.2019
5. Projektmanagementmethoden vs. Hierarchie
Zitat von m82arcelAgiles Arbeiten und insbesondere Scrum bedeutet eigentlich nicht das Fehlen von Hierarchie. Richtig umgesetzt ist teilweise gar das Gegenteil der Fall. Dass jeder tut, was er/sie will und wie lange er/sie will ist auf jeden Fall nicht das gleiche wie richtig umgesetztes agiles arbeiten. Ich persönlich bevorzuge klare, aber eher flache Hierarchien, bei der nicht für jede winzige Entscheidung erst X fachfremde Abteilungen einbezogen werden müssen, aber es im großen und ganzen doch klare Vorgaben, Ziele und Termine gibt. Das ist aber eben auch agil möglich, sofern man Agilität nicht als Vorwand zur Einsparung jeglichen Projektmanagements missbraucht.
Leider geraten hier die Begrifflichkeiten durch die Art der Interview-Führung durcheinander. Agile Projektmanagementmethoden bedeuten in der Tat nicht die Abwesenheit von Hierarchien. Insbes. in SCRUM gibt es schließlich den Product Owner und den SCRUM Master. Und was ist eigentlich Hierarchie? On top von allem steht ja zumeist der Endkunde, der in einem nach SCRUM geführten Projekt womöglich noch den Product Owner stellt (habe ich schon erlebt!). Dann wird es richtig stressig. Agile Projektmanagementmethoden verfolgen vereinfacht gesagt einen rekursiven Produktenwicklungsprozess (daher gibt es auch die Möglichkeit der im Interview angeführten Retrospektive). Das kann Vorteile haben, muss es aber nicht. In vielen Projekten ist das herkömmliche Wasserfallmodell agilen Projektmanagementmethoden überlegen. Insbes. in einem stark reguliertem Umfeld. Mit der Frage nach Hierarchie hat das zunächst einmal wenig zu tun. Ich arbeite freiberuflich im IT-Bereich. Häufig als Projektleiter oder auch als Interims-Manager. Ab und zu übernehme ich aber auch rein funktionale, fachliche Aufgaben bei meinen Kunden. In dem Fall verlange ich einen teilweise deutlich geringeren Stunden- oder Tagessatz, ganz einfach, weil Positionen mit Team- und Ergebnisverantwortung definitiv stressiger sind. Nicht unbedingt wegen der Arbeitsbelastung, sondern wegen des Drucks und dem Umgang mit schwierigen Mitarbeitern. Und die Arbeit im Team ist auch nur dann besonders schön, wenn man heterogene Teams hat, wo die diversen Team-Rollen gut ausgefüllt werden können. So brauche ich in sehr anspruchsvollen Projekten durchaus jemanden, der die Rolle des Clowns übernimmt (ja, ist wirklich besonders in der storming&norming Phase wichtig). Und wenn die meisten MA das Wort TEAM als Abkürzung für "Toll, ein anderer machts" interpretieren, macht es auch keinen Spaß. Da kann ein Projekt noch so agil sein.
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