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Bernd Slaghuis

Tipps vom Karrierecoach Mein Chef will New Work, aber lässt mich nicht machen

Bernd Slaghuis
Ein Gastbeitrag von Bernd Slaghuis
Marinas Chef hat sie in eine New-Work-Taskforce gesteckt: Die Firma soll moderner und innovativer werden. Aber ein Budget dafür gibt es nicht. Wie soll sie da etwas erreichen? Unser Coach weiß Rat.
Foto: Niels Blaesi / DER SPIEGEL

Marina, 43 Jahre, fragt: »Mein Chef will, dass unsere Firma innovativer wird, und hat deshalb eine New-Work-Taskforce einberufen, und zu dieser gehöre auch ich. Allerdings habe ich den Eindruck, New Work ist für ihn nur ein Schlagwort und er hat gar kein Interesse an ernsthafter Veränderung. Mein Vorschlag, externe Experten einzuladen, die für uns einen Vortrag über New Work halten, hat er direkt abgelehnt: Das sei viel zu teuer, wir sollten erst mal Bücher lesen und Videos zu dem Thema schauen. Was soll ich tun?«

Zum Autor

Bernd Slaghuis ist Karrierecoach und hat seit 2011 in seinem Kölner Büro  mehr als tausend Angestellte und Führungskräfte bei ihren nächsten Schritten im Beruf begleitet. Er betreibt den Karriere-Blog »Perspektivwechsel«  und ist Autor des Buchs »Besser arbeiten«. Haben Sie eine Frage an den Coach? Dann schreiben Sie eine E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de – Stichwort Bernd Slaghuis 

Liebe Marina,

ich verstehe Ihren Frust darüber, dass Ihr Chef Sie ausgerechnet bei diesem Thema ausbremst. Sie beide haben offensichtlich eine unterschiedliche Vorstellung von New Work sowie dem Weg dorthin. Bevor Sie Experten zu Vorträgen einladen oder für Ihren Chef ein Buch lesen, sollten Sie zuerst ein gemeinsames Verständnis von New Work entwickeln und über gegenseitige Erwartungen sprechen.

New Work lässt sich nicht wie ein Windows-Update einführen

Gewinne ich bei meiner Arbeit Einblicke in Unternehmen und sehe, wie sie New Work verstehen, dann habe ich wie Sie, Marina, oft das Gefühl, es geht mehr um die Hochglanzfassade als um echte Veränderung. Ich sehe die stylishen Open Spaces mit vielen bunten Klebezetteln für den kreativen Austausch. Die Dachterrasse wird zur After-Work-Lounge umgestaltet, vegane Snacks gibt es frei Haus für alle. Es werden alle Hierarchien abgeschafft und Entscheidungen demokratisch im Team diskutiert. Wer der super New Worker sein möchte, führt nicht nur die Viertagewoche bei vollem Gehalt ein, sondern gewährt Mitarbeitenden so viel Urlaub, wie sie möchten . Homeoffice war gestern, Workation  ist jetzt in, um als Arbeitgeber für die Gen Z hip zu sein. Arbeiten, wo, wann und wie jede:r will. Und klar, Gendern ist wie Duzen bei New Work selbstredend.

Auch wenn ich mich hier über solche Auswüchse lustig mache, bin ich absolut kein Gegner des New-Work-Konzepts – ganz im Gegenteil. Unsere Arbeitsräume und unsere Zusammenarbeit müssen sich weiter verändern. Doch es war etwas grundlegend anderes, das der Sozialphilosoph und Begründer der New-Work-Idee Frithjof Bergmann bereits Anfang der Achtzigerjahre im Sinn hatte: »Arbeit, die man wirklich, wirklich will.«

Es geht um mehr Selbstverantwortung und Sinn, um gesunde Formen der Zusammenarbeit sowie um zukunftsgerichtete Lern- und Entwicklungsstrukturen. Wirkliches New Work greift tief in die DNA und Kultur einer Organisation ein. Es verändert die Haltung von Menschen und in der Folge ihr Verhalten. Damit ist auch klar, dass sich New Work nicht mal eben wie das nächste Windows-Update einführen lässt – insbesondere nicht durch eine kämpferische »Taskforce«. Doch ich vermute, Ihr Chef ist da anderer Ansicht – und das frustriert Sie.

Gemeinsame Ziele statt New-Work-Buzzword-Bingo

Finden Sie heraus, was New Work für jeden von Ihnen bedeutet. Was verbinden Sie hiermit, und was verspricht sich Ihr Chef konkret hiervon? Innovativer zu werden kann schließlich vieles sein: Geht es um einen schnelleren Produktentwicklungsprozess, um mehr Kreativität  oder eine gesündere Führungskultur? Woran werden Ihre Kolleginnen und Kollegen oder Ihre Kunden konkret bemerken, dass sich etwas positiv verändert hat? Diese und andere Fragen sollten Sie klären, bevor Sie als Projektgruppe auf Anweisung Ihres Chefs brav Bücher lesen und Videos schauen.

Arbeit, die Sie wirklich, wirklich wollen

Ihr Chef möchte mehr New Work – beginnen Sie bei sich selbst mit mehr Selbstverantwortung. Suchen Sie den Austausch mit ihm, und sprechen Sie über Ihre Wahrnehmung und darüber, warum es Ihnen wichtig ist, dass er Ihnen in diesem Projekt mehr Freiraum gibt. Sprechen Sie mit ihm und dem Team über Ihre Vorstellung von New Work, und interessieren Sie sich auch für andere Sichtweisen. Wo sind Sie einer Meinung, wo gibt es Unterschiede, wie finden Sie gemeinsam Lösungen für die Umsetzung?

Ich gehe noch einen Schritt weiter: Was müsste für Sie dort geschehen, damit Ihre Arbeit insgesamt stärker mit Ihren eigenen Wert- und Zielvorstellungen einhergeht? Gibt es etwas, das für Sie dagegenspricht, offen auch über solche Themen mit Ihrem Chef oder den Kollegen zu sprechen, anstatt mich als Coach um Rat zu fragen? Was kann ein erster Schritt sein, damit Sie mehr Sinn im Projekt New Work und vielleicht auch in anderen Ihrer Aufgabenbereiche erkennen? Sie werden überrascht sein, was Sie alles mit Leichtigkeit selbst gestalten können, und wie es Ihnen wirklich, wirklich wichtig wird.

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