Notfallsanitäter singt über Job Der Krankenwagenbelademeister und sein Frust

Er ist als Erster beim Patienten, darf aber nicht mal Schmerzmittel geben: Der Notfallsanitäter Felix Haehne prangert auf YouTube seine Arbeitsbedingungen an. Und landet einen Überraschungserfolg.

Viraler Hit aus YouTube: Der "Krankenwagenbelademeister"
Felix Peter / YouTube

Viraler Hit aus YouTube: Der "Krankenwagenbelademeister"

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Das Lied, das der Mann in der rot-gelben Sanitäterjacke singt, klingt fröhlich. Er spielt dazu auf seiner Ukulele und lächelt in die Kamera. Doch der Song, der auf YouTube bereits knapp 100.000 Klicks sammelte, hat einen ernsten Anlass.

Felix Haehne, von Beruf Notfallsanitäter, singt darin über seine Frustration mit seinem Job. Als Sanitäter sei er meist als Erster am Einsatzort - und habe trotzdem oft das Gefühl, Patienten nicht angemessen helfen zu dürfen. Eigentlich war das Lied nur als Scherz unter Kollegen gedacht. Doch dann ging das Video in den sozialen Netzwerken viral.

Die Debatte hinter dem Song wurde kürzlich vor dem Bundesrat verhandelt. Ein Gesetzentwurf sollte die Kompetenzen von Notfallsanitätern neu regeln. Doch am Ende scheiterte der Entwurf. Die Bundesregierung kündigte an, in den Dialog treten zu wollen - und hinterließ viele verärgerte Sanitäter.

"Ich würde gern das anwenden, was ich in meiner dreijährigen Ausbildung gelernt habe. Bevor der Notarzt nicht da ist, darf ich dem Patienten aber noch nicht einmal Schmerzmittel verabreichen", sagte Haehne dem SPIEGEL. Im seinem Lied betitelt sich Haehne deshalb auch ironisch als "Krankenwagenbelademeister" - weil seine Hauptaufgabe oft darin bestehe, den Patienten in den Rettungswagen zu laden.

In Deutschland arbeiten rund 40.000 Notfallsanitäter und Rettungsassistenten, weitere 20.000 sind bei den Feuerwehren angestellt. Im Jahr 2014 wurde die Ausbildung der Notfallsanitäter reformiert und ausgebaut. Sie dauert seitdem statt zwei ganze drei Jahre.

Das Problem, auf das Haehne aufmerksam machen will: Die Kompetenzen von Notfallsanitätern sind in Deutschland nicht klar geregelt. Zwar sind sie verpflichtet, lebensrettende Maßnahmen durchzuführen. "Wir arbeiten in Deutschland aber in einem rechtlichen Graubereich", sagt Marco König, erster Vorsitzender des Berufsverbands Rettungsdienst e.V. Mehrere Gesetze machten widersprüchliche Angaben dazu, welche Berechtigungen Sanitäter im Ernstfall haben.

Tausende Verstöße gegen geltendes Recht - jeden Tag

Denn medizinische, invasive Eingriffe dürften per Gesetz nur ausgebildete Ärzte durchführen. Ein Notfallsanitäter müsse deshalb immer die Bestätigung eines Arztes abwarten - und beispielsweise dem verunglückten Motorradfahrer mit dem gebrochenen Bein nicht ohne weiteres schmerzstillendes Morphin spritzen.

Gerade auf dem Land dauere es aber oft, bevor der Notarzt am Einsatzort sei. "Natürlich verabreicht ein Notfallsanitäter auch selbstständig Adrenalin, wenn ein Patient einen Herzstillstand erleidet. Wir verstoßen deshalb bei unseren Einsätzen mehrere Tausend Mal am Tag gegen geltendes Recht", sagt König.

Über dieses Dilemma singt auch Sanitäter Haehne, der in Niedersachsen arbeitet. "Der Notarzt kommt 'ne halbe Stunde später. Und bis dahin unterhalten wir uns nett hier am Bett", heißt es in dem Lied. Ein bisschen überspitzt sei diese Darstellung schon, sagte Haehne dem SPIEGEL. Zwischen zehn und fünfzehn Minuten warte er aber häufiger, bis der Notarzt vor Ort sei. Ähnliches habe er auch von Kollegen gehört.

Ein Witz unter Kollegen

Eigentlich sei sein Lied nur als Witz unter Kollegen gedacht gewesen, so Haehne. Doch die hätten es so gut gefunden, dass er das Video schließlich auf YouTube veröffentlicht habe. Mit der Menge an Reaktion habe er nicht gerechnet. Auch auf Twitter erhielt das Lied viele Likes. Moderatorin Dunja Hayali bedankte sich bei den Notfallsanitätern für ihren Einsatz.

Haehne hofft, dass es bald gesetzliche Klarheit darüber gibt, welche Maßnahmen er ergreifen darf. "Solange sind meine Kollegen und ich im ständigen Zwiespalt. Wir wollen die Patienten möglichst gut versorgen, aber am Ende nicht selbst vor Gericht landen."

Im Video: Rettungssanitäter in Frankfurt - Zwischen Messerstecherei und Überdosis

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