"Oh shit"-Moment für Chefs Schlechte Zahlen? Rasten Sie aus!

Wenn die Firma schwächelt, soll der Chef die Ruhe bewahren, heißt es immer. Top-Manager Jeff Jordan findet das gefährlich. Sein Rat: ausrasten, aber mit Plan!

Wenn's in der Firma kriselt: Lassen Sie's raus!
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Wenn's in der Firma kriselt: Lassen Sie's raus!


Zum Autor
  • Robyn Twomey
    Jeff Jordan ist Partner der Investmentfirma Andreessen Horowitz. Er sitzt u. a. in den Vorständen von Airbnb, Lookout und Pinterest. Zuvor war er Präsident beim Bezahldienst PayPal und Geschäftsführer bei OpenTable, einem Anbieter für Online-Restaurant-Reservierungen. Seine Verkaufsplattform für Filme Reel.com musste er im Jahr 2000 schließen.
  • Jeff Jordans Blog
Früher oder später kommen die meisten wachstumsstarken Unternehmen an einen Punkt, an dem sie schwächeln. Sie wachsen langsamer oder manchmal auch gar nicht mehr. In fast allen Firmen, die ich beraten habe, starrten die Geschäftsführer irgendwann auf rückläufige Zahlen. Mir selbst ging es bei OpenTable, Ebay und Reel.com nicht anders. Selbst Giganten wie Amazon und Facebook kennen das Phänomen.

Manager der High-Tech-Branche tun alles, damit ihr Unternehmen so viel und so lange wie möglich wächst. Denn Investoren ist Wachstum wichtiger als alles andere. Trotzdem erleben die meisten Firmen Phasen, in denen die Wachstumskurve einbricht. Das kann langsam geschehen oder ganz plötzlich: An einem Tag wächst das Geschäft noch, am nächsten nicht mehr. Diesen Schluckauf in der Wachstumskurve nenne ich den "Oh shit"- Moment für Geschäftsführer.

In Krisenzeiten gibt es zwei Typen von Managern: Den ungewöhnlich ruhigen Chef, der stumm beobachtet, ob die Zahlen sich wieder ändern, und der fürchtet, dass das kleinste Anzeichen für Panik bei ihm die gesamte Belegschaft in Aufruhr versetzen könnte. Und dann gibt es den CEO, der komplett ausrastet. Er läutet die Alarmglocke so heftig, dass es im gesamten Gebäude und in den Ohren jedes einzelnen Mitarbeiters vibriert.

Welche Herangehensweise empfehle ich? Selbstverständlich das Ausrasten!

Warum? Weil plötzlich sinkende Zahlen ein erhebliches Risiko für die Firma darstellen. Im Laufe der Zeit bewegen sich die Wachstumskurven von Unternehmen meistens nur noch in eine Richtung: nach unten. Und hat die "Schwerkraft" angefangen, ihre Wirkung zu entfalten, ist es mühsam, wieder Fahrt aufzunehmen und die Zahlen zu steigern. Es gibt nur wenige Beispiele, bei denen das geklappt hat: Amazon konnte sich zwischen 2010 und 2011 wieder aufrappeln, auch bei OpenTable haben wir das geschafft. Aber Wachstum kommt nicht von ganz allein wieder.

Ein Geschäftsführer muss wissen, was zum Knick in der Wachstumskurve geführt hat. Nur dann kann er entsprechend reagieren und Fehler wiedergutmachen. Ja, er rastet aus - aber mit einem Plan, wie es weitergeht. Und so entsteht dieser Plan:

Vergessen Sie alles andere, und suchen Sie nach der Ursache.

Als sich bei Ebay die Zahlen verschlechterten, riefen wir den Notstand aus. Nichts war wichtiger, als die Ursache für den Wachstumsstopp zu finden. Meetings und Geschäftsreisen wurden abgesagt, eine Einsatzzentrale mit Bergen von Essen und Koffein wurde aufgebaut.

Beziehen Sie alle mit ein, die helfen können.

Es nützt nichts, die Situation zu verschweigen, damit die Belegschaft nicht den Glauben verliert. Früher oder später erfahren ohnehin alle davon (und nichts lässt Mitarbeiter so schnell die Hoffnung verlieren wie ein Chef, der die Augen vor der harten Realität verschließt). Außerdem profitieren Sie von den Fähigkeiten Ihrer Mitarbeiter. Eine gut organisierte Gruppe arbeitet schneller und effektiver als wenige Einzelne.

Suchen Sie wie ein Wahnsinniger nach der Ursache.

Wachstum stagniert nicht ohne Grund. Meistens hat sich etwas verändert, vielleicht auch außerhalb des Unternehmens. Hat Google vielleicht an seinem SEO-Algorithmus geschraubt oder Facebook die Kriterien für den NewsFeed überarbeitet? Oder funktioniert das eingebundene Bezahlsystem gerade nicht? Ihre Aufgabe ist es, das Problem zu finden und zu lösen oder die Verantwortlichen zu identifizieren.

Das Problem ist so lange selbst verschuldet, bis jemand das Gegenteil beweist.

Ich habe aufgehört mitzuzählen, wie oft die Ursache für einen plötzlichen Wachstumseinbruch komplett in der Hand des eigenen Unternehmens lag. Das ist das bestmögliche Szenario: Interne Probleme lassen sich auch intern lösen. In meinen früheren Firmen gab es oft Probleme nach einem Rollout der Website. So etwas lässt sich zum Glück leicht beheben. Wenn Sie das Problem einmal erkannt haben, dann sorgen Sie dafür, dass es nicht wieder auftaucht.

Gehen Sie systematisch vor.

Bei Ebay nannten wir diesen Prozess "das Zwiebelschälen". Arbeiten Sie sich Schicht für Schicht nach unten ins Detail: Wann ist das Problem aufgetaucht? Ist es plötzlich oder schrittweise aufgetaucht? Betrifft es nur die Website oder auch die App? Was macht die Konkurrenz? Gibt es Beschwerden von Kunden?

Teilen Sie sich auf und gehen Sie an die Arbeit.

Sobald Sie ihre Einsatzzentrale eingerichtet haben, sollten Sie alle paar Stunden ein Meeting abhalten. Lassen Sie zunächst das Kernteam brainstormen, welche möglichen Ursachen infrage kommen. Dann werden die Aufgaben verteilt. In regelmäßigen Abständen sollten alle zusammenkommen, über ihre Fortschritte berichten und weitere Schritte planen - so wird die Zwiebel Schicht für Schicht geschält, bis die Ursache gefunden ist.

Entwerfen Sie einen Plan B.

Wenn die Start-up-Götter Ihnen wohlgesonnen sind, werden Sie die Ursache finden und das Problem beheben können. Ansonsten ist es gut, einen Plan B in der Tasche haben. Und der beinhaltet auch eine Strategie zum Verkauf der Firma - bevor alle Welt merkt, dass Sie eine Firma loswerden wollen, die ums Überleben kämpft.

Als Amazon 1999 ins DVD-Video-Geschäft einstieg, war schnell klar, dass dies Reel.com bedrohen würde. Also haben wir einen Alternativplan zum Verkauf der Plattform entwickelt. (Leider war die Firma tot, bevor sie verkauft werden konnte. Reel.com stellte im Juni 2000 die Geschäfte ein.)

Ein ähnliches Problem wie plötzlich einbrechende Wachstumszahlen sind Konkurrenten, die dabei sind, die eigene Firma abzuhängen. In den meisten Branchen bleibt am Ende nur ein Sieger übrig. Wenn es um die Existenz des eigenen Unternehmens geht, ist das immer ein guter Anlass, um den "Oh shit!"-Leitfaden durchzuspielen.

Die besten Geschäftsführer werden schnell Herr der Lage. Sie entschuldigen sich nicht und akzeptieren auch keine Entschuldigungen. Sie gehen davon aus, dass die Firma die Kontrolle über ihr Wachstum hat - selbst wenn es momentan nicht so ist -, und sie arbeiten wie verrückt, um an den Erfolg anzuknüpfen. Solche Geschäftsführer sitzen in den meisten Fällen in den erfolgreichsten Unternehmen.

Geben Ihre Zahlen also Grund zur Sorge, dann rasten Sie aus. Rasten Sie ruhig auch schon früher aus. Sie können sich doch ohnehin kaum zusammenreißen, und Sie haben meine vollste Unterstützung - und jetzt hoffentlich auch einen Plan.

Dieser Artikel erschien zuerst bei re/code. Übersetzung: Anna-Sophie Schneider



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Sibylle1969 27.10.2015
1. So, so
Eine Firma, die nicht mehr wächst und die Ursachen dafür nicht in der Hand hat, soll also dafür sorgen, dass jemand anderes sie kauft. Es liegt in der Natur der Welt, dass ALLE Wachstumsvorgänge irgendwann zum Stillstand kommen oder sich zumindest verlangsamen müssen.
e-ding 27.10.2015
2. ...
Ach Gottchen! Wer sich aufgrund von "schlechten" Quartalszahlen, zeitlich überzogenen Projekten oder eine falsche Nummer hinter dem Komma, in Aufregung versetzen lässt, sollte lieber etwas kürzer treten. Schlechte Zahlen resultieren oftmals aus un-s.m.a.r.t.en Zielsetzungen. So what?
C. Schmidt 27.10.2015
3.
Bei Reel.com hat er also versagt und Ebay wird auch immer irrelevanter. Was hat das Ausrasten jetzt also gebracht? (Zudem finde ich es bedenklich, dass er offenbar nicht in Betracht zieht, dass man auch ruhig und bedacht - ganz ohne Ausrasten - Schwierigkeiten und Herausforderungen angehen kann.)
tempus fugit 27.10.2015
4. Ob die Manager von...
...E.on, RWE, Vattenfall etc. sowas lesen? Die die EE-Etnwicklungen weltweit nicht wahrnehmen wollten/wollen und auf den Politmauschel-Faktor setz(t)en? Und mit alten, abgeschreibenen, ausgeleierten und gefährlichen Techniken die seit Jahrzehnten geschefelten zig-Milliarden weiter drucken wollen?
femtom1nd 27.10.2015
5. ...
Wer rastet, der rostet beim Kampf um Beute heute. Wer hat's nicht gekostet das Geld der anderen Leute?
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