Der Greta-Effekt Ohne Flugzeug auf Dienstreise

Reisen nur noch per Zug, wenn überhaupt: Einige deutsche Unternehmen haben sich dieser Devise schon verschrieben. Ganz schaffen es aber auch sie nicht, auf den Flieger zu verzichten.

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Wenn Greta Thunberg reist, dann dauert das. Denn Thunberg, Klimaaktivistin und die wohl bekannteste 16-Jährige der heutigen Zeit, fliegt nicht. Sie nimmt den Zug, selbst wenn sie von Schweden nach Davos muss oder von Rom nach London, so wie vor wenigen Tagen, als sie erst mit dem Papst und dann vor Anhängern in der britischen Hauptstadt sprach.

Thunberg will Vorbild sein, eine der zentralen Forderungen ihrer Schülerbewegung "Fridays for Future" ist die Einschränkung des Flugverkehrs. Der Lufttransport ist in Deutschland laut Studien für 45 Prozent der Klimafolgen des Verkehrs verantwortlich, der Verkehr auf der Straße für 46 Prozent. Doch wäre dieses Modell auch für normale Arbeitnehmer denkbar? Mehr Zeit im Zug, weniger Treibhausgase in der Atmosphäre?

Mit dem Nachtzug nach Rom

Greenpeace ist eins der Unternehmen, das sich schon jetzt dem Ziel verschrieben hat, Dienstreisen per Flugzeug möglichst zu vermeiden. "Innerhalb Deutschland gibt es die klare Ansage: Wir fliegen nicht", sagt Benjamin Stephan. Er arbeitet als Verkehrskampaigner bei der Umweltschutzorganisation.

Stephans letzte Dienstreise ging nach Rom - mit dem Nachtzug. "Natürlich schlafe ich zu Hause komfortabler", gibt Stephan zu. Doch im Zug könne er die Zeit gut nutzen um zu arbeiten, inzwischen gebe es fast überall WLAN.

Dabei hätte er nach Rom sogar fliegen dürfen: Dauert die Zugfahrt zum Zielort der Reise länger als acht Stunden, dürfen auch Greenpeace-Mitarbeiter ganz offiziell in den Flieger steigen. "Viele meiner Kollegen nehmen aber trotzdem die Bahn", sagt Stephan. Die Reiserichtlinien sollten in Zukunft noch weiter verschärft werden.

"Dienstreisen lassen sich nicht vermeiden"

Auch beim Freiburger Umweltforschungsinstitut Öko-Institut e.V. sind Reisen per Flugzeug in den meisten Fällen tabu. "Nach Paris kann man auch mit dem Zug fahren", sagt Pressesprecherin Mandy Schoßig.

Das sei aber nicht erst so, seitdem Schüler freitags auf die Straße gingen. Seit Längerem bemühe sich das Öko-Institut, möglichst alle Gespräche per Telefonkonferenz zu klären. "Dienstreisen lassen sich aber nicht komplett vermeiden", sagt Schoßig.

Wenn Mitarbeiter etwa bei einer Klimakonferenz vor Ort sein müssten, sei eine Reise nötig - bei längeren Strecken auch per Flugzeug. "In diesem Fall kaufen wir als CO2-Kompensation Zertifikate von Atmosfair", so Schoßig.

Bei dieser Art des Treibhausgasausgleichs wird berechnet, wie viel CO2 durch einen Flug ausgestoßen wurde. Diese Menge wird dann an anderer Stelle etwa durch Baumpflanzungen oder andere Nachhaltigkeitsprojekte eingespart. Über die Zertifikate kompensiert das Öko-Institut seinen gesamten jährlichen CO2-Ausstoß. "Dienstreisen machen siebzig Prozent davon aus", sagt Schoßig.

Bisher kein Greta-Effekt bei Dienstreisen

Fragt man bei Holger Schmeding nach, handelt ein Großteil der deutschen Unternehmen allerdings nicht nach vergleichbaren Standards. Schmeding ist Geschäftsführer von BCD Travel, einem der größten Vermittler für Geschäftsreisen in Deutschland. "Einen Greta-Effekt sehen wir bei Dienstreisen bisher nicht", sagt Schmeding. Es gebe aber durchaus Firmen, die Arbeitnehmern nahe legten, den Zug und nicht das Flugzeug zu nutzen, wenn die Reisezeiten vergleichbar seien.

Über seine Agentur sei das am häufigsten gebuchte Transportmittel das Auto - aber auch Flugreisen seien nach wie vor sehr beliebt. "Für Geschäftsbeziehungen sind persönliche Kontakte unabdingbar", meint Schmeding. Eine Telefonkonferenz könne einen Besuch beim Geschäftspartner nicht ersetzen.

Schmeding glaubt, dass mehr Unternehmen ihre Mitarbeit mit der Bahn fahren lassen würden, wäre das Schienennetz in einem besseren Zustand. "Gäbe es mehr Schnellstrecken innerhalb Deutschlands und käme es seltener zu Verspätungen, wäre die Bahn klar im Vorteil", sagt Schmeding. "Da ist noch viel Luft nach oben."

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