Arbeiten am Feiertag "90 Prozent Stille, zehn Prozent Aufregung"

An Ostern ist die Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg geschlossen. Tim Geschke ist dort Sicherheitskraft - und soll dafür sorgen, dass es ruhig bleibt. Ein Rundgang.

Franca Quecke/ SPIEGEL ONLINE

Von Franca Quecke


Tim Geschke hört viel in der Stille der Gebäude, für die er verantwortlich ist. Er weiß, dass er im fünften Stock eines seiner Objekte ist, wenn die Lüftungsanlage rauscht wie ein Wasserfall. Im Erdgeschoss eines anderen Gebäudes brummen die Getränkeautomaten. Wenn der 38-Jährige nur seine eigenen Schritte und das Brummen hört, dieses vertraute, monotone Geräusch, ist er beruhigt. Dann läuft alles so, wie es laufen sollte.

Geschke muss oft arbeiten, wenn andere schlafen. Als Sicherheitskraft ist er für die Gebäude der HAW, der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften, verantwortlich: Bei seinen Rundgängen verschließt er Türen und Fenster und achtet darauf, dass niemand im Gebäude ist, der dort nicht sein darf.

Geschke ist ein kleiner, stämmiger Mann mit kurzem, hellem Haar und tiefen Augenringen. Die letzten paar Nächte war er für die späten Schichten eingeteilt, am Karfreitag muss er nun die Tagesschicht übernehmen. Zwölf Stunden, von 8 Uhr bis 20 Uhr. Zusammen mit seiner Kollegin Donka Ivanova, 32, ist er für acht Gebäude auf dem Campus verantwortlich. Die beiden tragen Uniform, dunkelblaue Hose, hellblaues Hemd und schwarze, bequeme Schuhe.

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Arbeiten am Feiertag: "90 Prozent Stille, zehn Prozent Aufregung"

Feiertag bedeutet Zeit absitzen, sagt Geschke. Er und Ivanova sitzen zu Schichtbeginn in einem kleinen Büro am Eingang eines der größeren Gebäude und trinken den ersten Kaffee. Eben haben zwei Professoren die Hochschule betreten, den Sicherheitskräften kurz zugewunken, ansonsten ist alles ruhig. "Müssen wahrscheinlich arbeiten", sagt Geschke. Es sind oft die üblichen Studierenden und Professoren, die länger bleiben, an Projekten arbeiten, Nachtschichten einlegen. Manchmal über mehrere Wochen hinweg. Die Gesichter kennen die Sicherheitskräfte in der Regel.

Geschkes Aufgabe ist es, Unregelmäßigkeiten in der Routine zu finden. Seit 2000 arbeitet er im Sicherheitsgewerbe, seit 2011 für das Unternehmen, das auch für die Sicherheit der HAW verantwortlich ist. Heute müssen er und Ivanova nur Kontrollgänge laufen und dabei schauen, dass Türen und Fenster in allen Gebäuden verschlossen sind. Auf ihren Wegen laufen sie Kontrollpunkte ab, die sie mit einem Gerät einlesen. So werden Zeit und Ort ihrer Routen immer elektronisch festgehalten, falls es zu Vorfällen kommt. Die kleinen, schwarzen Kontrollpunkte befinden sich neben Türen, hinter Gardinen, in unbeleuchteten Ecken am Ende eines Raumes. Wer nicht danach sucht, der sieht sie auch nicht unbedingt. "Als würde man Pokémon fangen", sagt Ivanova.

Die beiden Sicherheitskräfte haben die Gebäude für die Routen unter sich aufgeteilt. Bei seinem Rundgang durchstreift Geschke die leeren Stockwerke, Gänge und Seminarräume, als würde er dort wohnen: Er weiß genau, welche Tür er doppelt abschließen muss, in welchem Raum die Gardinen zugezogen sein müssen und wo genau sich die Kontrollpunkte befinden. An jeder Tür zückt er den passenden Schlüssel. Wenn sie beim Zufallen nicht richtig einrastet, wird er stutzig.

"Manchmal sind Studenten wie kleine Kinder"

Geschke ist die Wege so oft gelaufen, dass er sich mittlerweile kleine Aufgaben stellt, als Herausforderung: Manchmal versucht er, die Strecke besonders schnell zu gehen, an anderen Tagen baut er lange Pausen ein. Heute geht er durch die Gänge und schreibt sich auf, welche Lichter nicht funktionieren. Wenn er allein durch die leeren Stockwerke geht, sagt Geschke, fühlt es sich manchmal so an, als wäre er Jahre darin unterwegs.

Nach zwei Stunden beendet er seinen ersten Rundgang, Donka Ivanova wartet schon im Büro. "Zwei Studenten sind in dem Objekt an der Alexanderstraße", sagt sie zu Geschke, "die bleiben aber nicht länger als 18 Uhr, meinten sie. Ich habe denen gesagt, sie sollen die Fenster und den Raum schließen, wenn sie gehen." Als Ivanova die Tour später ein zweites Mal läuft, sind die Studenten zwar weg, die Fenster stehen allerdings sperrangelweit offen. "Manchmal sind Studenten wie kleine Kinder, denen man hinterherlaufen muss", ärgert sie sich.

Tim Geschke ist seit 2011 für die HAW-Gebäude in Hamburg verantwortlich
Franca Quecke/ SPIEGEL ONLINE

Tim Geschke ist seit 2011 für die HAW-Gebäude in Hamburg verantwortlich

Ivanova und Geschke treffen öfter auf Räume, in denen die Heizung voll aufgedreht und das Fenster offen ist oder der Müll herumliegt. "Ich finde, manche Studenten wissen nicht immer zu schätzen, was sie an den Gebäuden haben. So schöne, alte Häuser und dann stapelt sich da der Müll. Zu Hause würden sie sich bestimmt nicht so verhalten", sagt Donka Ivanova.

Der Rest des Tages bleibt ruhig. Am späteren Abend lässt sich eine elektrische Tür nicht mehr richtig schließen, die beiden Sicherheitskräfte probieren ein bisschen herum, verfluchen die Technik, irgendwann funktioniert sie wieder. "90 Prozent unserer Arbeit ist Stille, zehn Prozent ist Aufregung", sagt Tim Geschke. Die Aufregung sei dafür immer anders, als man denke: Kaputte Türen, versuchte Einbrüche, Bombendrohung, immer wieder Obdachlose, die sich in den Gebäuden einquartieren - Geschke hat schon einiges erlebt. In der HAW hat es bislang vier versuchte Einbrüche während seiner Schichten gegeben, einem Einbrecher persönlich gegenübergestanden hat er bisher allerdings noch nie.

"Bald ist Feierabend!"

Nach dem letzten Rundgang, gegen 18 Uhr, fangen Geschke und Ivanova langsam an, ihre Sachen zusammenzupacken und die Kaffeetassen zu spülen. "Bald ist Feierabend!", freut sich Geschke. In den letzten zwei Stunden ihrer Schicht kämpfen die beiden gegen die Müdigkeit an, zählen die Minuten - und müssen gleichzeitig achtsam sein. Irgendetwas kann immer passieren.

Noch ein bisschen quatschen, ein letztes Mal die Zeitung aufschlagen, eine Zigarette rauchen. Im Wachbuch bleibt der Punkt "Vorkommnisse/Bemerkungen für die nachfolgende Schicht" an diesem Tag leer.

Der Zähler auf dem Smartphone zeigt: Genau 18.101 Schritte ist Tim Geschke heute gelaufen, die Füße sind schwer. Morgen früh um 8 Uhr wird er wieder im Büro auf dem Campus der HAW sitzen, dann beginnt die nächste Schicht. Aber Geschke will sich nicht beklagen, denn heute war ein guter Tag. "Eines der schönsten Gefühle ist, wenn ich Feierabend habe und weiß: Es ist nichts passiert. Alles ist gut gelaufen."



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
k0pfnuss 22.04.2019
1. ▲
Danke an Alle, die einen solchen undankbaren, mies bezahlen Job machen.
Titanus 22.04.2019
2.
Da kann ich mich dem Vor-Foristen nur anschließen. Um diesen Job wird man sicher nicht beneidet und schlecht bezahlt ist er sicher auch. Danke für diese wichtige Arbeit!
cindy2009 23.04.2019
3. Na und?
Ich musste an den Feiertagen auch in die Firma. Wartungsarbeiten und die Ruhe nutzen, wenn sonst niemand da ist. Der Wachmann war nicht wie verabredet da, um den Zugang zu ermöglichen. Sass vor dem Fernseher und schaute nicht auf seine Nachrichten. Wie so oft. Da kommt mir dann aber kein Gedanke an ein kleines Kind, sondern der Gedanke, dass ich unbezahlt warten musste. So unterschiedlich können die Sichtweisen sein.
Hightower. 23.04.2019
4. veralteter Stand der Technik
Leider zeigen der Artikel und das Beispiel aus Kommentar Nr. 3, dass hier "Sicherheit" mit veralteten Mitteln hergestellt wird. Insbesondere der Artikel zeigt, dass hier Sicherheit rein durch eine personelle Komponente, weniger durch technische Komponenten und darauf abgestimmte organisatorische Maßnahmen erzeugt wird. Witzigerweise kenne ich sowohl den Campus als auch das hier beschriebene Sicherheitsunternehmen aus meiner Studienzeit ;-).
galens 23.04.2019
5. Unkritisch
Ziemlich unkritischer Artikel. Ich fände es besser wenn auf nicht einhalten des Tariflohns und der gesetzlichen Pausenzeiten, Verstoß gegen Lohnfortzahlung am Feiertag und andere Missstände im Wach und Sicherheitsgewerbe recherchiert würde anstatt den glücklichen Wachmann und -frau bei seiner Arbeit zu zeigen. Zu zweit eine Schicht auf dem selben Objekt ist auch schon fast luxuriös in dem Geschäft.
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