Ein besonderes Talent Blinder Mechaniker leitet Autowerkstatt

Weil Asif Patel blind ist, kann er zwar keine Autos fahren - aber er repariert sie. Sein ausgeprägtes Fingerspitzengefühl hat ihn davor bewahrt, wie viele andere Blinde in Pakistan als Bettler zu leben.

AFP

Asif Patel war 15, als er in einer Autowerkstatt zur Probe arbeiten durfte. Er hatte es geschafft, dass ihn der Chef an ein Getriebe ranließ. Er sollte es auseinander nehmen - obwohl er von Geburt an blind ist.

"Ich lag unter dem Auto und stellte mir die Räder des Getriebes und seine Verankerungen vor. In kaum 15 Minuten war alles fertig. Als ich es draußen hatte, wussten sie: Dieser Junge hat ein gottgegebenes Talent und kann diesen Job machen."

Heute führt er eine Autowerkstatt in der pakistanischen Millionenstadt Karachi. Gerade versenkt Patel seine Hände im Motorraum eines alten Toyota. Der Motor läuft dabei. Aufmerksam befühlt er den unregelmäßig surrenden Vergaser und stellt ihn vorsichtig neu ein. Dabei verlässt er sich komplett auf seinen Tastsinn.

Patel wurde wegen eines seltenen Defekts ohne Augen geboren. Inzwischen ist er 44 Jahre alt und hat in seinem Leben viel Glück gehabt. Denn seine Geschichte ist eine unwahrscheinliche Erfolgsstory in einem Land, das Blinden wenig Chancen bietet.

Viele Blinde werden von ihren Familien verstoßen

Pakistan hat nach Angaben der Fred Hollows Foundation fast zwei Millionen Blinde, mehr als die Hälfte davon wegen behandelbarer Erkrankungen wie dem Grauen Star. Hilfen gibt es nur wenige in dem südasiatischen Land. Oft kämpfen Sehbehinderte mit sozialer Stigmatisierung, viele werden von ihren Familien verstoßen. Zahllosen Sehbehinderten bleibt daher nur das Betteln.

"Ich wurde zu Hause gefördert", erzählt dagegen Patel. "Ich habe früher mit diesen Sachen gespielt und sie auseinander genommen", sagt er. "Wann immer mein Vater Dinge nach Hause brachte, habe ich sie aufgemacht und versucht, sie wieder zusammenzubauen, und dabei herausgefunden, wie sie funktionieren."

Der Schlüssel zum Erfolg sei sein geschärfter Tastsinn: "Für uns Blinde ist es wichtig zu fühlen, zu erkennen, wie etwas ist und was es ist." Als Teenager verließ er die Schule und fand einen Teilzeitjob in einer Autowerkstatt. "Ich musste die Kupplung öffnen. Mein Selbstbewusstsein zeigte ihnen, dass ich schon gearbeitet hatte." Dann ließ ihn der Chef an das Getriebe. Danach hatte er den Job.

Kleine Pannen gehören dazu

Irgendwann kaufte sich Patel selbst ein Auto zum Üben. Er ist stolz darauf, Mechaniker und nicht nur Monteur zu sein: "Ein Mechaniker stellt Diagnosen. Ein Monteur kann jeder werden. Wichtig ist es, zu diagnostizieren, ob es ein Problem gibt und warum. Es ist eine Gabe Allahs, dass ich herausfinde, wo der Fehler liegt."

Patels Kunden würden die Qualität seiner Arbeit schätzen, sagt der Autohändler Fahad Junis, der gerade einen Nissan bringt: "Er behebt das Problem - was immer es auch ist. Wir bringen ihm alle unsere Autos, ob groß oder klein."

Nicht immer läuft alles reibungslos. "Einmal spritzte ich Benzin in den Motor. Er fing Feuer und ich musste Sand darauf werfen zum Löschen," erzählt Patel. Ein anderes Mal brach ein Wagenheber zusammen, während er noch unterm Auto lag: "Ich habe das nicht so ernst genommen. Ich hob einfach den Wagen an, setzte einen anderen Wagenheber an und arbeitete weiter."

Patel ist dankbar für das, was er hat - und betont, er fühle sich nicht als Behinderter. "Wenn ich je das Gefühl hätte, dass ich eingeschränkt wäre, dann könnte ich das nicht machen. Wenn etwas von Geburt an fehlt, dann vermisst man es auch nicht. Aber wenn man es zuerst hat und dann verliert - das tut weh."

asc/mamk/AFP



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