Anwälte im Offshoregeschäft "Dem Staat ein Schnippchen schlagen"

Was treibt Anwälte dazu, Superreichen beim Steuerhinterzug zu helfen? Der Analyst und Autor Markus Meinzer beschäftigt sich damit seit Jahren. Er sagt: Skrupel plagen die wenigsten.

Kanzlei Mossack Fonseca in Panama City
DPA

Kanzlei Mossack Fonseca in Panama City

Ein Interview von


Die panamaische Kanzlei Mossack Fonseca hat für Politiker und Prominente Zehntausende Briefkastenfirmen gegründet. Durch ein Datenleck sind 11,5 Millionen Dokumente über die Geschäfte der Kanzlei in die Öffentlichkeit gelangt. Wie viele Vermögende versucht haben, Geld ins Ausland zu schaffen und damit illegal Steuern zu umgehen, ist unklar. Die Kanzlei weist Vorwürfe zurück.

Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die Arbeit von Anwälten und Vermögensberatern, die mit Offshoreanlagen Geld verdienen. Markus Meinzer arbeitet für die Nichtregierungsorganisation Tax Justice Network, die über Schattenwirtschaft und dubiose Finanzgeschäfte aufklären will. SPIEGEL ONLINE erklärt er, wie Anwälte im rechtlichen Graubereich agieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie finden Anwälte und Reiche, die ihr Geld am Fiskus vorbei ins Ausland schaffen wollen, zusammen?

Meinzer: Das wird normalerweise über Beziehungen eingefädelt. Der Reiche hat vielleicht einen vermögenden Freund oder Geschäftspartner, der wiederum eine Bank kennt, die Konten einrichtet, ohne viele Fragen zu stellen. Die Banken sind verpflichtet zu prüfen, wer ihre Kunden sind und wo deren Vermögen herkommt. Wenn das nicht geht, müssen sie darauf vertrauen können, dass deren Vermittler, die sogenannten Third Party Introducers, sauber sind. Aber vieles weist darauf hin, dass auch die deutschen Banken da nachlässig waren.

Zur Person
  • Tax Justice Network
    Markus Meinzer, 37, ist Analyst und Vorstandsmitglied bei der internationalen Nichtregierungsorganisation Tax Justice Network. Er hat das Buch "Steueroase Deutschland" geschrieben.
SPIEGEL ONLINE: Aber es ist nicht verboten, sein Geld im Ausland anzulegen.

Meinzer: Nein, aber ich bin überzeugt, dass mindestens neun von zehn Briefkastenfirmen, die Fonseca gegründet hat, für illegale oder mindestens unmoralische Zwecke genutzt wurden. Und dass auch viele deutsche Banker, Anwälte und Wirtschaftsprüfer mit drinstecken.

SPIEGEL ONLINE: Wie rechtfertigen Anwälte, die doch eigentlich für Recht und Gesetz kämpfen sollten, solche Aktivitäten?

Meinzer: Meistens argumentieren sie, dass sie ihren Kunden, die durch ehrliche Arbeit und geschicktes Investment reicht geworden sind, helfen, einem korrupten oder zumindest raffgierigen Staat ein Schnippchen zu schlagen. Das Ideal des Berufs weicht von der Realität stark ab. Viele Anwälte haben nicht wegen der Gerechtigkeit studiert, sondern wegen des großen Geldes.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Anwälte daran, Briefkastenfirmen zu gründen?

Meinzer: Meist über Banken oder Kanzleien, die sich auf grenzüberschreitende Anlagen spezialisiert haben.

SPIEGEL ONLINE: Kann man in dem Bereich nicht auch ethisch einwandfrei arbeiten?

Meinzer: Es ist sehr schwer, dort zu bestehen und Karriere zu machen, wenn man ethische Maßstäbe ansetzt. Ein junger Anwalt, der sich bei seinen Chefs beliebt machen möchte, wird sicher keine allzu kritischen Fragen stellen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Juristen könnten involviert sein?

Meinzer: Fonseca ist eine der größten, aber es gibt weltweit viele hundert etablierte Anwaltskanzleien, die ihren Kunden helfen, mit Briefkastenfirmen oder anderen Offshoreanlagen Steuern zu umgehen. Hinzu kommen viele Tausend Family Offices, die jeweils die Vermögen einiger ultrareicher Familien verwalten und überall dort sitzen, wo ihre Kunden wohnen. Wie viele Anwälte und Wirtschaftsprüfer genau involviert sind, wissen wir nicht, dafür gibt es zu wenig Transparenz. Aber es ist ein riesiges Geschäft. Und je geheimer die Anlage sein soll, desto mehr verdienen die Banken und Vermittler.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es kein Unrechtsbewusstsein unter Anwälten, die sich in rechtlichen und moralischen Grauzonen bewegen?

Meinzer: Das ist nicht besonders verbreitet. Doch wir haben einige Aussteiger in unserem Netzwerk, die sich allerdings nicht öffentlich äußern, weil sie um ihr Leben fürchten. Datenlecks wie jetzt mit den Panama Papers zeigen ebenfalls, dass einige doch anzweifeln, dass sie ethisch richtig handeln.

insgesamt 77 Beiträge
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rst2010 05.04.2016
1. armutszeignis
ein anwalt oder jurist sollte am besten wissen, was/wer der staat ist, und wen sie da betrügen helfen. nämlich uns alle.
licorne 05.04.2016
2. Und die Regierungschefs?
Das ist wohl das Brisanteste. Französische Medien sprechen von mindestens 6 noch amtierenden Staatschefs, die ihre eigenen Staaten hintergehen, mit eigenen oder Familien-/Freundes Briefkastenfirmen. Da ist die Rede von dem schon bekannten Fall des isländischen Regierungschefs, des Königs von Marokko und von Saudi Arabien, Bouteflika aus Algerien, Putin und dem Regierungschefs von China. Dazu kommen wohl Politiker und Parteien aller Herren Länder, die zusammen mit Drogen- ,Waffenhändlern, Terroristen uam ihre Gelder heimlich verwalten lassen. Wir werden sehen, wie die Bevölkerung der jeweiligen Länder darauf reagieren werden.
babarella62 05.04.2016
3. Moral vs. Recht
Ich persönlich finde diese Vermischung von Moral und Gerechtigkeit und Recht, die immer durch solche Artikel wabert, ziemlich schwierig: Moral und Gerechtigkeit sind subjektive, im günstigsten Fall, philosophische Begriffe, die fast jeder anders auslegen und dehnen kann. Recht = Juris ist eine verfasste Grundlage einer Gesellschaft, d.h. es kann etwas durchaus - nach dem eignen Empfinden - unmoralisch bis zum Abwinken sein, es kann trotzdem rechtlich einwandfrei sein. Und noch ein kleiner Hinweis: Was hier in Deutschland ( übrigens auch eine wunderbare Steuer- und Schwarzgeldoase ) nicht goutiert wird, kann in anderen Ländern absolut legal und legitim sein. Nicht immer so tun, als ob wir hier die Weisheit mit Kellen gefressen haben. Nichts für ungut !
Steve B 05.04.2016
4. Anwälte als Kämpfer für Recht und Gesetz?
Warum zum Henker sollten Anwälte für Recht und Gesetz kämpfen?! Die sind vor allem ihren Mandanten verpflichtet. Ein guter Anwalt hat in mehreren Punkten Ähnlichkeit mit einem guten Söldner. Bitte nicht mit Richtern verwechseln!
aschu0959 05.04.2016
5. Blöde Frage
Provision natürlich!
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