Pathologen Die Schicksale haben Nummern, keine Gesichter

Wer die Medizin liebt, aber Patienten nervig findet, könnte Pathologe werden. Manche wollen Menschen helfen und bleiben dabei lieber im Hintergrund. SPIEGEL-Redakteurin Laura Höflinger sah zu, wie krankes Gewebe in Scheiben zerteilt wird.

Handarbeit in der Pathologie: Von Krebs befallenes Brustgewebe wird schockgefroren
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Handarbeit in der Pathologie: Von Krebs befallenes Brustgewebe wird schockgefroren


Wenn David Hollemann das Messer greift und die Klinge in die Haut drückt, bleibt ihm nicht mehr viel Zeit, 20 Minuten. Dann muss er entscheiden, was mit Frau M. geschehen soll.

Hollemann kennt Frau M. nicht, auch ihre Krankengeschichte nur in Auszügen. Er weiß, dass sie im Februar 54 Jahre alt geworden ist*, dass sie Mitte August das erste Mal in die Uni-Klinik Mainz kam. Dass ihr Frauenarzt sie geschickt hat. Etwas in ihrer Brust hatte ihm Sorgen gemacht. Die Chirurgen stanzten ein millimetergroßes Loch in ihre linke Brust, untersuchten das Gewebe und fanden den Krebs darin. Sie beschlossen zu handeln, bevor die Krankheit tiefer in ihren Körper kriecht.

Heute, eine Woche später, ist der Tag gekommen, an dem Frau M. ihre Brust verliert. Hollemann steht im Labor der Mainzer Pathologie. Ein ruhiger Ort, nur die Kühlschränke und Maschinen im Raum summen. Ein Bote ist unterwegs dahin. Er trägt einen Kanister, darin das, was einmal die Brust von Frau M. war. Er eilt die Treppen hoch, klingelt am Fenster zur Annahme. Eine Frau reißt die Klappe auf.

Vor ihm liegt die Brust, weich und schwer

Hollemann kommt in Bewegung. Ein paar schnelle Schritte, dann hat er den Raum durchquert. Den Kanister mit der Brust nimmt er an sich, läuft zu einem Tisch, kippt den Inhalt aus. Hollemann trägt einen blauen Kittel, dazu Turnschuhe - er muss schnell sein können. Es klingelt jetzt öfter, immer mehr Organe aus den OP-Sälen kommen an. Seine Kollegen laufen durcheinander.

Er atmet durch und schaut auf die Uhr. Frau M. liegt ein paar hundert Meter entfernt auf einem OP-Tisch in Narkose. Ob die Ärzte die Wunde wieder zunähen, hängt davon ab, was Hollemann findet. Er soll ihnen sagen, ob sie den Krebs mit der Brust komplett entfernt haben oder ob der Tumor schon zu weit vorgedrungen ist. Wenn ja, werden die Chirurgen tiefer schneiden. Sie warten auf ihn. Hollemann muss Antworten finden.

Er nimmt ein Messer in die Hand. Vor ihm liegt die Brust, weich und schwer. 528 Gramm Fett und Drüsen. Hollemann hält mit der Linken die Brust, drückt mit der Rechten das Messer in die Haut. Langsam gleitet die Klinge durch das Gewebe, immer wieder rutscht Hollemann ab, weil das Gewebe so weich ist.

Doch schließlich sackt die erste Scheibe herab. Flach legt er sie auf ein Brett. Seine Hände bewegen sich flink und sicher. Mit einer Pinzette zupft er die Ränder auseinander. Dann legt er die Instrumente weg und beginnt, die Scheibe zu kneten. Er fühlt den daumengroßen festen Knoten, den der Krebs hat wachsen lassen.

Ein Menschenfreund, der lieber im Hintergrund bleibt

Fortlaufend zerteilt der Pathologe nun die Brust in ein Dutzend solcher Scheiben, jede einen Fingerbreit dick. Hollemann beugt sich hinab und schiebt die Augenbrauen zusammen.

"Heute ist Mamma-Tag!", ruft eine Kollegin ihm plötzlich zu. Verwirrt schaut Hollemann auf. Dann versteht er. Eine weitere Plastiktüte wird durch das Fenster gereicht. Mamma für Mammakarzinom. Brustkrebs. Die Kollegin lacht.

Die Pathologie ist ein durchaus fröhlicher Ort. Es gibt hier keine Angehörigen, die auf Nachricht und Rat warten, kein Schluchzen, kein Hoffen und Bangen. Es heißt, dass Pathologe wird, wer Menschen helfen will, aber keine Patienten mag. Hollemann sagt, er sei Arzt geworden, weil er Menschen mag. Er bleibe aber lieber im Hintergrund. Schicksale haben für Pathologen Nummern, keine Gesichter. Der Brustkrebs von Frau M. heißt zum Beispiel 752454.

Hollemann runzelt die Stirn. Er hat in den Scheiben etwas ertastet. Kleine harte Knötchen, abseits vom eigentlichen Karzinom. Sie könnten vom Alter kommen, sie könnten aber auch bösartig sein. Er kann es nicht sagen. Er braucht Zeit. Hollemann greift zum Telefon und meldet, was er entdeckt hat.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
viwaldi 09.11.2011
1. Besser ist Fachwissen
Zitat von sysopWer die Medizin liebt, aber Patienten nervig findet, könnte Pathologe werden. Man arbeitet dann im kalten Hauch von Flüssigstickstoff, schneidet tief ins Fleisch und macht manchmal raue Scherze darüber. SPIEGEL-Redakteurin Laura Höflinger sah*beim Zerschnippeln kranken Gewebes zu. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,792804,00.html
Nette Schilderung, aber: wäre es nicht besser gewesen, den Artikel hätte jemand "vom Fach" redigiert, bevor er erscheint? Es sind eben gerade keine "Wachsscheibchen" die man im Mikroskop anschaut und die man 30 Jahre lagert, sondern Patientengewebe OHNE Wachs. Das Wachs muß vor den Färbeprozeduren sorgsam aus dem Gewebe (wieder) herausgelöst werden, weil die Färbungen sonst nicht klappen.
heuwender 09.11.2011
2. höret Leute
Zitat von sysopWer die Medizin liebt, aber Patienten nervig findet, könnte Pathologe werden. Man arbeitet dann im kalten Hauch von Flüssigstickstoff, schneidet tief ins Fleisch und macht manchmal raue Scherze darüber. SPIEGEL-Redakteurin Laura Höflinger sah*beim Zerschnippeln kranken Gewebes zu. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,792804,00.html
auf Wikipedia "Wachsleichen" anklicken,dann erfährt man was Wachsleichen sind und wie sie entstehen,vor allem in sauerstoffarmen Böden,weil keine Verwesung stattfinden kann. Das körpereigene Fett sammelt sich unter der Haut an.Nachschauen lohnt sich,dann fasst man schnell den Entschluss nur Kremation beim eigenen Ableben.
gerd33 09.11.2011
3. HÄ??!!
Zitat von heuwenderauf Wikipedia "Wachsleichen" anklicken,dann erfährt man was Wachsleichen sind und wie sie entstehen,vor allem in sauerstoffarmen Böden,weil keine Verwesung stattfinden kann. Das körpereigene Fett sammelt sich unter der Haut an.Nachschauen lohnt sich,dann fasst man schnell den Entschluss nur Kremation beim eigenen Ableben.
Paraffinierte Histo-Präparate haben mit Wachsleichen (Leichenlipid) absolut nichts gemeinsam. Das Gewebe wir -je nach Färbeverfahren- in Paraffin eeingebettet, woraus dann Dünnschnitte fürs Mikroskop gewonnen werden. Wachsleichen entstehen, wenn eine Leiche jahrelang im Grundwasser oder extrem feuchten Boden liegt. Z.B. Friedhöhe in Flusssnähe. Deshalb wird auch bei jeder Friedhofsplanung ein hydrogeologisches Gutachten verlangt. Aber Pathologie ist ein tolles Fach: Keine nörgelnden Patienten, keine jammernden Angehörigen, keine nächtlichen Notfälle. Aber der permanente Geruch im Sektionsbereich ist wirklich übel. Zieht auch in die Klamottten ein. Meine damaalige Freundin drohte, mich deswegen zu verlassen, also bin ich dann doch Kliniker geworden. Aber Sie wissen bestimmt: Der Internist weiss alles, kann aber nichts. Der Chirurg kann alles, weiss aber nichts. Der Pathologe kann alles, weiss auch alles, ... aber leider zu spät. Oder despektierlich (aus der Sicht der Kliniker): Postmortale Klugscheisserei.
zwergnase11 09.11.2011
4. Besser zuschauen...
In Ansätzen richtig...bliebe noch zu erwähnen, dass nicht die Chirurgen den Krebs "fanden" sondern der Pathologe anhand der eingesandten Proben die Erkrankung diagnostizierte weswegen Frau M. erst der richtigen Behandlung, sprich der OP, zugeführt werden konnte. Was hier beschrieben ist ist ein intraoperativer Schnellschnitt...essentiell für die Chirurgen und Frau M. um zu wissen, ob der Tumor im Gesunden entfernt wurde und wenn nicht, wo gegebenenfalls nachzuresezieren ist, damit auch wirklich alles kranke Gewebe entfernt wird. Frau Höflinger hätte genauer hinschauen und nicht der Sensationsgier frönen sollen, dann wäre vermutlich auch ein vernünftiger Artikel bei rausgekommen.
fruchtquark 09.11.2011
5. Das war nichts.
Der Artikel ist geschrieben wie von einer unbedarften Schülerzeitungsredakteuerin. Schade, Chance vertan. Als nächstes schreibt sie den obligatorischen Artikel über eine Nacht im Rettungswagen.
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