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Lunia Hara

Tipps von der Karriereberaterin »Perfekte Deutschkenntnisse vorausgesetzt« – warum eigentlich?

Lunia Hara
Ein Gastbeitrag von Lunia Hara
Markus arbeitet als Recruiter und erlebt immer wieder, dass seine Kollegen fachlich geeignete Kandidaten ablehnen, weil ihr Deutsch nicht makellos ist. Wie kann er die Kollegen überzeugen, toleranter zu sein?
Sprachbarrieren: Holpriges Englisch ist kein großes Problem, nicht perfektes Deutsch schon – warum eigentlich?

Sprachbarrieren: Holpriges Englisch ist kein großes Problem, nicht perfektes Deutsch schon – warum eigentlich?

Foto: Pekic / Getty Images

Markus, 32, fragt: »Als Recruiter verzweifle ich manchmal an einigen Kollegen, wenn wir offene Positionen mit Menschen mit Migrationsgeschichte besetzen wollen. Qualifizierte Kandidaten werden abgelehnt, mit dem Argument, die Kunden wünschten sich Projektmitarbeiter mit perfekten Deutschkenntnissen. Das macht unsere Arbeit unnötig schwer und wir müssen manchmal Kandidaten absagen, die wir eigentlich gerne eingestellt hätten. Wie kann ich die Kollegen dazu bringen, hier etwas toleranter zu sein?«

Zur Autorin

Lunia Hara ist Führungskraft in einem Technologieunternehmen. Zusätzlich beschäftigt sie sich mit dem Thema empathische Führung und Diversität, schreibt dazu Artikel und hält Vorträge. Lunia Hara möchte andere Führungskräfte zu mehr Offenheit und Mitgefühl im Job inspirieren.

Lieber Markus,

da sprechen Sie ein wichtiges Thema an, das viele Unternehmen heute und auch künftig vor große Herausforderungen stellt. Deutschland benötigt die Einwanderung von 400.000 Menschen pro Jahr, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung berechnet hat. Zu deren Integration gehört in erster Linie die Sprache. Das bedeutet: Firmen sollten das Thema »Wie perfekt muss das Deutsch sein?« rasch klären und praxistaugliche Lösungen finden – denn solche Fragen werden in Zukunft öfter auftreten.

Ich kann Ihren Unmut verstehen, wenn kompetente Kandidaten wegen mangelnder Sprachkenntnisse abgelehnt werden. Offenbar gibt es in Ihrem Unternehmen ein unterschiedliches Verständnis über die Anforderungen, wenn es um Deutsch im Beruf geht. Meine Empfehlung: Stellen Sie zunächst dieses gemeinsame Verständnis her. Das kann mit einer Analyse für die einzelnen Rollen und Levels beginnen. An jede Rolle sollten andere Anforderungen gestellt werden. Eine Mitarbeiterin, die mit Kunden vor allem telefoniert, muss im Zweifel weniger gut Deutsch schreiben können als jemand, der jeden Tag formale Angebote im Namen der Firma verschickt.

Besprechen Sie mit Ihren Kollegen, auf welchen Positionen welche Sprachen auf welchem Niveau nötig sind. Machen Sie immer wieder einen Praxisabgleich: Je internationaler das Geschäft wird, desto weniger wichtig könnte Deutsch werden – und desto relevanter eine andere Sprache.

Grammatik ist nicht alles

Am Arbeitsplatz geht es darum, Informationen sowohl richtig aufzunehmen als zu vermitteln. In vielen Branchen und Positionen ist das auch mit grammatikalischen Fehlern und Akzent möglich.

Das können Sie vergleichen mit Deutsch-Muttersprachlern, die in einem Projekt Englisch sprechen müssen. Bei denen wird schließlich auch ohne Bedenken toleriert, dass das Englisch nicht perfekt, aber zum Arbeiten absolut ausreichend ist.

Die bekannten Anforderungen »perfekt, fließend oder verhandlungssicher« lassen in der Praxis viel Raum für Interpretationen, sowohl fürs Unternehmen als auch für die Position. Seien Sie kreativ: Oft ist es möglich, Tandems zu bilden. Zum Beispiel kann ein Kollege auch mit unperfektem Deutsch eine Präsentation erstellen. Erst wenn der Vortrag vor Kunden, Partnern oder an anderer Stelle präsentiert werden muss, wird ein textlicher Feinschliff nötig. So etwas kann dann im Team organisiert werden, etwa indem sich ein zweiter Kollege um sprachliche Fehler kümmert. Meine Erfahrung: Wenn die Fachkompetenz stimmt, sind Kollegen eher bereit, solche Lösungen mitzutragen.

Holen Sie alle ins Boot

Selbstverständlich werden Sie Positionen identifizieren, auf denen weiterhin eine fehlerfreie schriftliche und verbale Kommunikation notwendig ist. Aber deshalb muss man nicht ungeprüft zu hohe Sprachanforderungen stellen. Viele gute potenzielle Kandidaten werden durch die Anforderungen »perfekt, verhandlungssicher oder fließend« abgeschreckt – und bewerben sich erst gar nicht. Diese Hürde können sich Unternehmen, die mit Fachkräftemangel zu kämpfen haben, nicht leisten.

Generell helfen Regeln zur Sprache. Wie geht man mit Kollegen, die kein oder wenig Deutsch können, zum Beispiel in Meetings oder in der Pause um? Vermeiden Sie unbedingt, dass Mitarbeiter sich ausgegrenzt fühlen. Denken Sie daran: Holen Sie alle ins Boot. Um neue Mitarbeiter besser zu integrieren, ist das Mitwirken aller Kollegen nötig.

Zu hohe Sprachanforderungen können übrigens dazu führen, dass Mitarbeiter sich scheuen, Deutsch im Arbeitsalltag zu sprechen – zum Beispiel weil sie mit der Grammatik hadern. Das ist aber wichtig, damit sich die Kollegen weiter verbessern können. Machen Sie ihnen Mut! Es ist okay, etwas auf Englisch oder in einer anderen Sprache zu sagen, wenn mal eine Vokabel fehlt. Das Gleiche gilt natürlich auch für Teammitglieder, die plötzlich Englisch sprechen müssen. Gleiches Recht für alle.

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