Frag den Personalchef Soll ich sagen, dass ich schwul bin?

Privates hat im Vorstellungsgespräch wenig zu suchen. Aber manchmal bringen harmlose Fragen homosexuelle Bewerber in die Zwickmühle: Sollen sie ausweichen oder sich quasi beiläufig outen? Ein Personalchef spricht Klartext.

Heikle Frage: Beim Bewerben das Thema Homosexualität besser umschiffen?
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Heikle Frage: Beim Bewerben das Thema Homosexualität besser umschiffen?

Eine Kolumne von Adrian Schimpf


KarriereSPIEGEL-Klassiker
    Manche Dinge ändern sich (fast) nie: Wie man eine interessante Bewerbung schreibt. Wie man im Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck hinterlässt. Die besten zeitlosen Artikel aus dem KarriereSPIEGEL präsentieren wir Ihnen in loser Folge.

"Und wie hat das Shopping in London Ihrer Frau gefallen?", fragt der Personaler beim Small Talk im Vorstellungsgespräch. Der Bewerber ist schwul. Jetzt mal ehrlich, Herr Schimpf: Soll er sich einer klaren Antwort besser dezent entziehen? Oder ohne Umschweife antworten: "Mein Freund fand's super"?

Zum Autor
  • Nico Herzog/ Madsack
    Adrian Schimpf (Jahrgang 1969) ist Konzernpersonalchef der Madsack Mediengruppe. Zuvor war er Leiter der Personalentwicklung beim Verlag Gruner + Jahr. Der Jurist hat ein Herz für Hertha BSC und für England.
  • Haben Sie eine Frage an ihn? Schicken Sie eine E-Mail.

Adrian Schimpf antwortet:
Erst einmal: Wie kommt der Personaler überhaupt darauf anzunehmen, dass der männliche Bewerber beim Shopping von seiner Frau begleitet wurde? Vielleicht, weil im Lebenslauf geschlechtsneutral stand, er sei "verheiratet" oder lebe "in fester Partnerschaft".

Und jetzt: Dezent ausweichen - warum eigentlich? Weil man sonst vielleicht einen Job in einem Unternehmen nicht bekommt, dessen Personalchef homophob ist? Will man da wirklich arbeiten?

Man kann es sich jetzt einfach machen: Wer allgemein entspannt mit seiner sexuellen Orientierung umgeht, wird das auch im Job-Interview tun. Wer sich aber generell nicht oder nur im privaten Kreis outen möchte, hält das auch im Bewerbungsgespräch so.

Gute Personaler agieren klüger

Möglicherweise führt die Antwort "Mein Freund fand's super" in letzter Konsequenz dazu, dass man einen Job, den man unbedingt will, nicht bekommt. Natürlich ist das diskriminierend und gesetzeswidrig - aber recht haben und recht bekommen ist leider nicht dasselbe.

Letztlich muss jede und jeder für sich selbst entscheiden, ob man aus Furcht bei der Bewerbung bereit ist, den gleichgeschlechtlichen Partner zu verschweigen und zu antworten: "Das Shoppen war ganz wunderbar, vor allem wegen des aktuell wirklich günstigen Pfund-Kurses."

Gute Personaler erkennt man daran, dass sie solche Situationen gar nicht erst entstehen lassen. Small Talk soll ja auflockern und entspannen, nicht das Gegenteil erreichen. Ebenso erkennt man gute Personaler (und gute Unternehmen) daran, dass ihnen die sexuelle Orientierung der Mitarbeiter wirklich herzlich egal ist - stattdessen entscheiden sie nach Kompetenz, Persönlichkeit und Qualifikation. Schließlich geht es um den besten Mann oder die beste Frau für den Job.


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Homosexuelle im Job: Ausgrenzen lassen wir uns nicht
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WwdW 30.06.2015
1. Und wieso muß man in Konsum schwelgen und shoppen,
wenn man in London ist? Meine Konsumeinstellung geht einen Personaler gar nix an.
kumi-ori 30.06.2015
2.
"Das Shoppen war ganz wunderbar, vor allem wegen des aktuell wirklich günstigen Pfund-Kurses." Wer so etwas sagt, den würde ich aus ganz anderen Gründen feuern.
alsterherr 30.06.2015
3.
Sicherlich ist es gut, sich zu outen. Nur leider nicht aufgrund humanistischer und menschlich-logischer Gründe, sondern einfach deswegen, daß man dann bei der nächsten Kündigungswelle den großen Molly machen kann, die Presse nebst Juristen einschaltet mit dem Argument, man wurde entlassen, weil man Schwul ist. Heraus kommt dann großer medialer Schaden für den Arbeitgeber und Geldzahlungen ... wäre nicht das erste mal.
shardan 30.06.2015
4. Na hoffentlich.
Im Grundsatz: Outen! Es macht keinen Spaß, in der Firma ewig Versteck zu spielen, Wenn der Personaler / Geschäftsführer / Vorstand oder wer auch immer schwulenfeindlich ist, wird es erstens zur Hölle, zweitens kippt es eh irgendwann auf, z. B. wenn Partner mit zur Weihnachtsfeier geladen werden. Versteck Spielen auf Dauer funktioniert nicht wirklich gut. Es ist dies heute in Zeiten knapper Jobs natürlich leichter gesagt als getan. In einem Punkt muss ich dem Herrn Schimpf leider widersprechen: "Der beste Mann / die beste Frau für einen Job" hat heute all zu oft nichts mehr mit Kompetenz zu tun, sondern mit dem Gehaltswunsch. Die "besten" sind meist die billigsten, der Rest "wird dann schon irgendwie werden". Es mag in den oberen Rängen anders aussehen - bei kleinen Firmen und den durchschnittlichen Jobs ist das Vorstellungsgespräch eher ein Verhör, in dem es letztlich mehr ums Geld als um Qualifikation geht.
enfanterrible 30.06.2015
5. Auf jeden Fall...
(Genderkorrekturen bitte selbst im Hinterkopf durchführen, Danke.) Auf jeden Fall sagen, wenn das Gespräch dazu führt! Es ist für einen aufgeklärten Personaler interessant zu wissen, ob er sich auf einen Grabenkämpfer einlässt oder auf einen gesettelten ruhigen Homie. Für den ruhigen Homie ist es genauso interessant zu wissen, ob der Personaler eine offene Unternehmenskultur repräsentiert oder nicht. ALLERDINGS: Wenn ein Grabenkämpfer schon vorher weiß, dass ein Unternehmen zugeknöpft ist, sollte er sich reinmogeln und den Laden von innen aufmischen :)
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