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Auswanderer in Peru Wie ein deutscher Informatiker in Lima zum Silberschmied wurde

Er verliebte sich im Urlaub in Peru, kündigte seinen Job als Softwareentwickler in München - und gründete in Lima eine Manufaktur für Manschettenknöpfe. Wie geht es Kai Zaunick heute, 16 Jahre später?
Kai Zaunick hat in Peru eine Familie gegründet

Kai Zaunick hat in Peru eine Familie gegründet

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Uwe Zaunick

Sie haben ihre Mietverträge gekündigt, ihr Hab und Gut verkauft oder verschenkt, Freunden und Eltern Adieu gesagt und sich ins Abenteuer gestürzt - in Indonesien, Peru oder den USA. Seit Jahren berichtet der SPIEGEL über Auswanderer. Doch was wurde aus ihren Träumen? Wir haben nachgefragt.

Zwei Wochen wollte Kai Zaunick in Lima bleiben. Jetzt lebt er seit 16 Jahren dort. Eigentlich hatte er nur einen Freund besuchen wollen, der in Perus Hauptstadt ein Praktikum machte. Dann verliebte er sich in die Stadt, in eine Frau und in eine Geschäftsidee: Er kündigte seinen Job als Softwareentwickler in München und gründete in Lima eine Manufaktur für Manschettenknöpfe.

Peru ist für seine Silberschmiedekunst bekannt, schon vor 3000 Jahren wurden im nördlichen Hochland der peruanischen Anden Gold und Silber verarbeitet. Zaunick wollte zunächst Replikas von Bechern und Kelchen aus der spanischen Kolonialzeit verkaufen, als zweites Standbein zur Softwareentwicklung. Seinen Lebensunterhalt verdiente er in den ersten Monaten in Lima noch mit Programmieraufträgen, die er von deutschen Firmen bekam. Die Idee mit den Kelchen verwarf er allerdings rasch wieder: Sie waren aufwendig herzustellen, schwierig zu verschicken - und wenig gefragt. 

Mit den Manschettenknöpfen schien er dagegen einen Nerv getroffen zu haben - vor allem in den USA, wo es üblich ist, dass ein Bräutigam seinem Trauzeugen Manschettenknöpfe schenkt. Auch aus Deutschland gingen viele Bestellungen ein, über die eigene Webs ite und einen Shop bei Amazon. Als der SPIEGEL vor acht Jahren über Kai Zaunick berichtete, hatte er zehn Mitarbeiter und so viele Aufträge, dass er kaum noch als Softwareentwickler arbeitete.

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Schön zugeknöpft

Foto: FRANCK FIFE/ AFP

Er sei mit seinem Leben in Lima sehr glücklich, sagte er damals, könne sich aber auch gut vorstellen, mit seiner peruanischen Frau und dem gemeinsamen Sohn nach Deutschland zu ziehen. Acht Jahre später ist die Familie zu viert, und die beiden Jungs besuchen in Lima eine deutsche Privatschule – die sie nun allerdings seit Monaten nicht betreten durften.

60 Tage Corona-Hausarrest für Kinder

Wegen der Corona-Pandemie gilt in Peru ein strenger Lockdown. Kinder durften mehr als 60 Tage gar nicht draußen spielen und nun auch nur eine halbe Stunde am Tag und nur im Umkreis von 500 Metern vom Wohnort. Erwachsene dürfen die Wohnung nur einzeln zum Einkaufen verlassen, Autofahren ist nur noch mit Ausnahmegenehmigung gestattet, ab 20 Uhr gilt eine Ausgangssperre.

Peru ist nach Brasilien das von der Corona-Pandemie am stärksten betroffene Land in Südamerika. Allein in der Hauptstadt Lima haben sich nach offiziellen Angaben schon mehr als 87.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Und pro 100.000 Einwohner stehen im Schnitt nur 2,3 Betten auf Intensivstationen zur Verfügung. In Deutschland sind es 33,9.

Kai Zaunick sorgt sich aber nicht nur um die gesundheitliche Versorgung. Er hat auch Angst, dass eine Rezession das Land in eine Krise stürzt. Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe wie in Deutschland gibt es in Peru nicht; wer seinen Job verliert, landet im schlimmsten Fall auf der Straße. 

"In dieser Situation sehne ich mich schon nach der Stabilität in Deutschland"

Er selbst hat vier feste Mitarbeiter, die er nicht entlassen möchte. Wann und unter welchen Auflagen er seine Werkstatt wieder öffnen darf, ist derzeit aber völlig unklar. Die Schulen haben schon angekündigt, bis Ende des Jahres nur verkürzten Fernunterricht anzubieten. Das Schulgeld bekommt Zaunick trotzdem nicht zurück. 

"In dieser Situation sehne ich mich schon nach der Stabilität in Deutschland", sagt Zaunick. Die Lage in Peru sei vor allem chaotisch: Zwischenzeitlich war über 60-Jährigen und Menschen mit Übergewicht das Arbeiten verboten, dann gab es eine Pflicht zum Tragen von Handschuhen, Hundebesitzer wurden beim Gassigehen vom Militär kontrolliert - aber die engen Markthallen, die man nun als Viren-Hotspots identifiziert hat, waren bis vor Kurzem noch regulär geöffnet.

Zaunicks Frau hat einen Job bei einer Bank in Lima, sie arbeitet jetzt im Homeoffice. Er selbst könnte wieder als freiberuflicher Softwareentwickler seine Dienste anbieten, technologisch sei er auf dem neuesten Stand, sagt er. Aber trotzdem könne er im Moment aus Sorge um seine Manufaktur nur schlecht schlafen. Denn sie ist für ihn mehr als nur eine Möglichkeit zum Geldverdienen, sie ist sein Projekt, sein Baby, mit dem er über die Jahre Höhen und Tiefen erlebt hat.

Nach dem Gespräch mit dem SPIEGEL vor acht Jahren ging es für Zaunick zunächst steil bergauf. Auf einer großen Schmuckmesse in Las Vegas ergatterte Zaunick einen Großauftrag eines US-Portals für Geschenkartikel – und musste innerhalb weniger Wochen mehrere Hundert Manschettenknöpfe liefern. Für ihn und seine Mitarbeiter, die bis dahin nur wenig auf Vorrat gearbeitet hatten, war das eine große Herausforderung. "Um alles rechtzeitig fertig zu kriegen, haben meine Frau und ich nach Feierabend bis in die Nacht Keramikeinlagen aufgetragen", sagt Zaunick. 

Und neben der handwerklichen Arbeit war er auch noch mit bürokratischen Hürden konfrontiert: In den USA brauchen Warenverkäufer eine Versicherung für ihre Produkte, die einspringt, wenn Kunden sich beim Gebrauch verletzen.

Wie verletzt man sich mit einem Manschettenknopf? Nicht nur aus deutscher Sicht ist das eine kuriose Frage; in Peru konnte Zaunick keine Versicherung mit passendem Angebot auftreiben. Es blieb ihm nur die Firmengründung in den USA.

Kulturschock
Foto: epa efe Lacerda/ dpa

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Rückblickend habe sich der ganze Aufwand gelohnt, sagt Zaunick, aber er habe sich letztlich entscheiden müssen: Setzt er mit seiner Manufaktur auf Großaufträge mit eher geringeren Gewinnmargen oder auf individuelle Bestellungen direkt vom Endkunden, die zwar aufwendiger, aber auch gewinnbringender sind? Er entschied sich für letzteres.

Mehr als 300 verschiedene Manschettenknöpfe bietet er an, sie haben die Form einer Axt oder eines Cowboyhuts, es gibt Käsestücke, Notenschlüssel, Paragrafen und Pistolen, sogar einen Totenkopf mit Kochmütze. Auch einen Trabant und einen Motorkolben hat Zaunick schon als Manschettenknopf gefertigt, selbst das Auswärtige Amt hat bei ihm schon Diplomatengeschenke geordert: Manschettenknöpfe in Fußballoptik.

Die Prototypen entwirft Zaunick mit Hilfe eines 3D-Druckers, nach der Vorlage werden die Modelle dann per Hand in Gold oder Silber geschmiedet und auf Wunsch personalisiert, mit eingravierten Daten, Initialen oder Firmenlogos.

Vom Versand aus Peru bekommen deutsche Kunden gar nichts mit - dank der Hilfe von Kai Zaunicks Vater. Er betreut sein Lager in Deutschland und verschickt die Manschettenknöpfe von Worms aus. Selbst bei personalisierten Bestellungen dauere es bis zur Lieferung im Schnitt nur fünf Tage, sagt Zaunick: Die fertigen Manschettenknöpfe schickt er aus Lima gebündelt zu seinem Vater, der sie dann weiter versendet.

Er selbst reist im Schnitt nur noch alle zwei Jahre nach Deutschland; die Flüge für eine vierköpfige Familie sind teuer. Derzeit sind alle Flughäfen gesperrt, ein Ende des Lockdowns ist noch nicht absehbar. Zumindest eine positive Seite kann Zaunick der Situation aber abgewinnen: Seine Söhne antworten ihm jetzt häufiger auf Deutsch statt auf Spanisch.

Auswandern nach Peru? Das müssen Sie beachten

"Peru ist lauter und unordentlicher als Deutschland - und hat noch mehr Bürokratie", sagt Kai Zaunick. "Wer hier bestehen will, muss viel Geduld mitbringen und in der Lage sein, sich auf die Kultur einzulassen. Das bedeutet auch, die Leute nicht belehren zu wollen, nach dem Motto: Das läuft hier alles verkehrt."

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