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Grünzeug im Büro: Meine kleine, vertrocknete Pflanze

Foto: Saskia Groneberg

Kurioses Fotoprojekt "Die Büropflanze ist ein Freiheitssymbol"

Verkümmerte Stängel, angeklebte Blätter und widerspenstige Kakteen haben es Saskia Groneberg angetan. Für ihre Diplomarbeit hat sie Büropflanzen im ganzen Land fotografiert. Ihr Fazit: Je langweiliger der Job, desto wilder das Grünzeug.

KarriereSPIEGEL: Wie kommt man auf die Idee, Büropflanzen zu fotografieren?

Groneberg: Ich beschäftige mich schon seit langem mit Kitsch und dem Drang des Menschen, seine Umgebung zu verschönern. Die Büropflanze ist das Absurdeste, was es in diesem Zusammenhang gibt. Dass man sich sein Zuhause mit Pflanzen dekoriert, finde ich halbwegs nachvollziehbar. Aber dass man sich im Büro, wo doch die Arbeit im Vordergrund steht, Pflanzen zieht, finde ich seltsam.

KarriereSPIEGEL: Und welche Erklärung haben Sie dafür?

Groneberg: In der Arbeitswelt ist vieles genormt und steril. Man zählt dort nicht als Mensch, sondern repräsentiert in erster Linie die Firma. Mit den Pflanzen holt man sich etwas Andersartiges ins Büro. Sie sollen am liebsten wuchern und schön groß werden. Die Pflanze darf sich entfalten, der Mensch darf das nicht.

KarriereSPIEGEL: Wie haben die Unternehmen auf Ihre Fotoanfrage reagiert?

Groneberg: Ich habe viel telefoniert, Tausende E-Mails geschrieben und etwa 90 Prozent Absagen kassiert. Vor allem private Unternehmen haben abgesagt. Bei Ämtern und staatlichen Stellen war das einfacher. Manchmal gab es aber auch schon am Telefon extrem positive Reaktionen: Da hat mir die Sekretärin gleich erzählt, was sie für eine tolle, große Pflanze neben sich stehen hat.

KarriereSPIEGEL: Und dann haben Sie die Pflanze vor Ort besucht?

Groneberg: Ich habe mich ein bißchen wie eine Forscherin gefühlt: Früher ist man nach Südamerika gefahren und durch die Urwälder gestreift - und ich bin eben durch Büros gegangen. Ich bin auch neugierig gewesen. Wie sieht es überhaupt dort aus, wo die meisten Menschen arbeiten? Meiner Lebenswelt ist das sehr fremd, ich arbeite im kreativen Bereich, da gibt es sterile Büros eher selten.

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Foto: Uta Brandes/ Michael Erlhoff

KarriereSPIEGEL: Und was haben Sie herausgefunden?

Groneberg: Es gibt drei Typen im Büro: Einigen sind die Pflanzen total egal, andere finden sie ganz schön als Dekoration, und viele haben einen sehr engen Bezug zu ihnen. Sie hatten unglaublich viel zu erzählen. Normalerweise hört ihnen ja niemand zu, wenn sie über ihre Pflanze reden wollen. Was ich persönlich denke: Auch wenn man arbeitet, will man erinnert werden an eine Welt außerhalb des Arbeitsplatzes. Die Pflanze ist so gesehen ein Symbol für die Freiheit. Die Pflanze steht für alles, was die Arbeit nicht ist. Und man muss natürlich für sie sorgen.

KarriereSPIEGEL: Sind denn nicht die meisten Büropflanzen halb vertrocknet?

Groneberg: Ich habe sogar Leute getroffen, die vertrocknete Pflanzen im Müll gefunden und bei sich aufgenommen haben, nach dem Motto: 'Niemand wollte sie, aber ich kümmere mich!' Dann steht da so ein löchriges Ding auf dem Regal, aber mit jedem Blatt wächst ein Funken Hoffnung. Für viele ist es schön, einen lebendigen Bezugspunkt zu haben, um den man sich kümmern muss und der von einem abhängig ist. Da wird das letzte Blatt mit Tesa an die Scheibe geklebt. Auch Schrauben kommen zum Einsatz, um Pflanzen daran festzubinden. Grundsätzlich dürfen die Pflanzen im Büro sehr viel.

KarriereSPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Groneberg: In einer Firma ist ein Kaktus in die Decke gewachsen, das sieht etwas peinlich aus, aber er darf das. Er wird auch nicht vom Regal auf den Boden gestellt. Das ist ein bisschen wie bei einem Kind: Guck mal, wie süß! Man lässt der Pflanze die Narrenfreiheit, die man selber nicht hat und freut sich darüber.

KarriereSPIEGEL: Gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen bei der Büropflanzenpflege?

Groneberg: Nein, eigentlich nicht. Es gibt oft die gute Seele, die die Pflanzen der anderen mitgießt, aber es gibt auch Männer, die mit ihren Pflanzen reden.

KarriereSPIEGEL: Und das haben sie Ihnen erzählt?

Groneberg: Ja, im Landtag in Stuttgart hat mich sogar ein Politiker angesprochen. Ich müsse unbedingt zu ihm, weil er mit seinen Pflanzen redet. Aber dann hatte er leider einen wichtigen Termin.

KarriereSPIEGEL: Welche Arten sind denn besonders beliebt?

Groneberg: Da gibt es die sogenannte Beamtenlilie, Efeutute, Schefflera oder Ficus benjamini. Und den Geldbaum, ein kleines, dickblättriges Gewächs, das sich gut vermehren lässt. Was Firmenpflanzen angeht, wurde mir gesagt: In den großen Unternehmen steht unten der Ficus und oben in der Chefetage die große Palme.

KarriereSPIEGEL: Also kann ich von der Pflanzenart auf die Firmenhierarchie schließen?

Groneberg: Nicht immer. Aber ich hatte tendenziell das Gefühl: Dort, wo einfachere Tätigkeiten verrichtet werden, decken sich die Leute eher mit Pflanzen ein. Vielleicht weil sie sich nicht so sehr mit der Arbeit identifizieren. In den Poststellen zum Beispiel findet man immer viele Pflanzen. Vielleicht hat man das Bedürfnis, etwas Eigenständiges zu machen, wenn man hauptsächlich Befehle ausführt.

KarriereSPIEGEL: Und woher kommen die ganzen Pflanzen?

Groneberg: Die bekommt man geschenkt oder übernimmt sie von Kollegen. Mit Ablegern wird richtig gehandelt. Und dann gibt es natürlich noch die Firmenpflanzen.

KarriereSPIEGEL: Die werden aber doch von Dienstleistern gepflegt?

Groneberg: Selbst mit einer Firmenpflanze identifizieren sich die Leute oft stark. Einigen ist es äußerst peinlich, wenn sie verdorrt. Das sieht so aus, als ob sie sich nicht gekümmert hätten. Wenn man den ganzen Tag mit einer Pflanze im Büro sitzt, wird das wohl irgendwie die eigene. Und mit den Pflanzen kommt ja noch mehr ins Büro.

KarriereSPIEGEL: Was denn?

Groneberg: Fliegen zum Beispiel. Ungeziefer ist etwas, das überhaupt nicht zum Büro passt. Das wird gerne verschwiegen. Interessant ist auch, was unter dem Tisch alles zum Vorschein kommt, da stehen dann Gießkannen, Dünger und alte Topfuntersetzer im Kabelgewirr.

Das Interview führte Maria Huber (Jahrgang 1983), freie Journalistin in Hamburg. Am liebsten schreibt die gebürtige Bayerin über alle Themen rund um Gründung und Selbständigkeit und geht im Web und in sozialen Netzwerken auf die Suche nach Wissenswertem zum Arbeitsmarkt 2.0.

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