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Alten- und Krankenpflege Was gegen den Notstand in der Pflege hilft

Überall fehlen Pflegekräfte - kein Wunder, viele verdienen kaum mehr als den Mindestlohn. Aber dürftige Bezahlung ist nicht das einzige Problem. Eine Studie zeigt: Der Staat könnte die Lage mit Vorgaben verbessern.
Pflegekraft in einem Seniorenzentrum (Archivfoto)

Pflegekraft in einem Seniorenzentrum (Archivfoto)

Foto: Angelika Warmuth/ picture alliance / dpa

Die Deutschlandkarte ist rot: Wenn die Bundesagentur für Arbeit aufzeigt, in welchen Bundesländern es an Fachkräften für die Altenpflege mangelt, dann ist fast überall Alarm. Bei Krankenpflegern und Rettungsdiensten ist die Lage fast genauso dramatisch.

Trotzdem wird zu wenig getan, um Pflegeberufe attraktiver zu gestalten, stellt die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in einer neuen Studie  fest. Das fängt beim Lohn an: Helferinnen in der Krankenpflege verdienen demnach im Mittel 11,09 Euro brutto pro Stunde. Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindestlohn beträgt 8,84 Euro.

Gerade im Gehalt drücke sich eine geringe Wertschätzung der Pflegeberufe aus, schreiben die Autorinnen, Christina Schildmann und Dorothea Voss. Der durchschnittliche Stundenlohn aller Beschäftigten in Deutschland betrage 16,97 Euro. In dessen Nähe kommen im Pflegesektor allenfalls Gesundheits- und Krankenpfleger mit 16,23 Euro. Überdurchschnittlich verdienen nur Stationsleiter in der Krankenpflege: 19,25 Euro.

Die Werte für die Pflegeberufe sind dem Lohnspiegel des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) aus den Jahren 2010 bis 2017 entnommen, den Vergleichswert aller Beschäftigten hat das Statistische Bundesamt 2014 ermittelt.

Die Werte für die Pflegeberufe sind dem Lohnspiegel des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) aus den Jahren 2010 bis 2017 entnommen, den Vergleichswert aller Beschäftigten hat das Statistische Bundesamt 2014 ermittelt.

Foto: Hans-Böckler-Stiftung

An der Bezahlung hängt es aber nicht allein. Drei andere Punkte sorgen dafür, dass Pflegejobs unbeliebt sind:

  • Personalmangel - die Arbeit wird auf zu wenige Menschen verteilt. Sie stresst dadurch noch mehr und wird zur gesundheitlichen Belastung. Das ist "der Knackpunkt für Beschäftigte und Einrichtungen in sozialen Dienstleistungen", schreiben die Autorinnen.
  • wenig Mitsprache bei Arbeitszeiten - die Mehrheit der Pflegekräfte arbeitet in Teilzeit. Das kommt allerdings den Bedürfnissen der Beschäftigten kaum entgegen. Häufig haben sie wenig Einfluss auf den Dienstplan, müssen flexibel einspringen, damit der Arbeitgeber schnell reagieren kann, wenn plötzlich mehr Patienten betreut werden müssen.
  • fehlende Entwicklungsmöglichkeiten - Ausbildung und Weiterbildung sind in den Bundesländern sehr unterschiedlich geregelt und oft schwer vergleichbar. Die Möglichkeiten aufzusteigen sind geringer als in anderen Branchen.

Um professionelle Pflege zu sichern, empfehlen die Autorinnen daher:

  • dass verbindliche Personalschlüssel festgelegt werden - und nicht zuletzt welche, die viel günstiger liegen als heute. Damit würde es den Kliniken deutlicher als heute vorgeschrieben, wie viel Personal sie vorhalten müssen. In den Niederlanden kommen auf eine Pflegefachkraft im Schnitt sieben Patienten, in Deutschland sind es dagegen 13.
  • dass die Einstiegs-, Umstiegs- und Fortbildungschancen verbessert werden, vor allem durch eine bundesweite Systematisierung der Ausbildungswege.
  • und dass längere Arbeitszeiten ermöglicht werden - viele Pfleger würden gern länger arbeiten. Das kostet aber Geld: Weil die Kosten von den Sozialkassen gedeckelt werden, haben Krankenhäuser oder Pflegeheime die Arbeitsabläufe oft wie in einer Fabrik zerlegt und setzen Fachkräfte nur dort ein, wo es unabdingbar sei. Die Lücke füllen Hilfskräfte, die man dann einsetzt, wenn im Tagesablauf alle Hände gebraucht werden, also beispielsweise in der Mittagszeit oder abends. Dieses Modell funktioniert aber mit kurzen Teilzeitstellen.

Bleibt das Problem der mageren Bezahlung. Die Autorinnen zeigen, dass meist dort am besten bezahlt wird, wo noch eine Tarifbindung existiert. Das ist sicher ein Befund, über den sich die gewerkschaftsnahe Böckler-Stiftung freut. Mit Tarif verdienen Pflegekräfte durchschnittlich 18 Prozent mehr als ohne.

"Relikt der Privatisierungslogik"

Viele kleine Pflegeanbieter gehören allerdings keinem Arbeitgeberverband an und zahlen nicht nach Tarif. Viele kirchliche Einrichtungen arbeiten außerdem nach eigenem Rechtsstandard, was die Tarifbindung schwächt. So dürfen kirchliche Arbeitnehmer prinzipiell nicht streiken.

Nicht zuletzt seien Tariflöhne für die Arbeitgeber ein finanzielles Risiko, schreiben die Autorinnen, und das liege an staatlichen Regelungen: Steigen die Löhne etwa an Kliniken, gleichen die Krankenkassen die Mehrkosten nicht voll aus.

Sie empfehlen Maßnahmen, die sicherstellen, dass Tariflöhne wirklich bei den Beschäftigten ankommen. Einen Schritt in diese Richtung hat das Bundesland Hamburg bereits gemacht: Dort erhalten Anbieter, die nachweisen, dass Pflegekräfte Tariflöhne bekommen, höhere Pflegesätze.

Video: Pflegenotstand - Wer betreut Sie?

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mamk
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