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Ausstieg aus den Pflegeberufen Pflegt euch doch selbst!

Viele Pflegekräfte wollen und können einfach nicht mehr. Tausende haben den Beruf verlassen. Der "Pflexit" trendet nicht nur auf Twitter, sondern wird zum Problem an deutschen Kliniken. Zwei Aussteiger berichten.
Aufgezeichnet von Matthias Kaufmann
Überlastet: Pflegepersonal im Krankenhaus

Überlastet: Pflegepersonal im Krankenhaus

Foto: rclassenlayouts / iStockphoto / Getty Images

Auf Twitter lassen sich die Spuren ihrer Wut schnell finden. Dort kursiert der Hashtag »Pflexit« – ein Kunstwort wie Brexit, nur von Pflegekräften; die wollen nicht aus der EU raus, sondern aus dem Pflegejob.

Als vor knapp zwei Wochen der Weltbund der Krankenschwestern und Krankenpfleger (ICN) vor einem internationalen »Massenexodus« seiner Kolleginnen und Kollegen warnte, bekam das Stichwort neuen Schub. Viele bekannten, dass es auch ihnen zu viel wird und sie sich etwas Neues suchen wollen. Ein Blick darauf, was bereits jetzt, zu Beginn der dritten Coronawelle, auf den Intensivstationen des Landes los ist, zeigt die Perspektiven: Der Stress dort wird zunehmen, so oder so.

Am vergangenen Wochenende trendete ein weiterer Hashtag, oft verbunden mit dem »Pflexit«: »pflegteuchdochselbst«. Anlass war eine Demonstration von Corona-Leugnern in Kassel mit 20.000 Teilnehmern, von denen viele gegen die Gesundheitsauflagen verstoßen haben. Der Tenor unter dem Hashtag: Jetzt stecken sie einander mit Covid-19 an, während sie von »Diktatur« schwafeln, und in ein paar Wochen müssen wir sie auf der Intensivstation versorgen – obwohl wir schon jetzt kaum noch können.

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Wie viele Pflegekräfte auf Twitter nur mal ihren Frust rauslassen mussten und wie viele tatsächlich vor der Kündigung stehen, ist schwer zu sagen. Tatsächlich ging die Zahl der Beschäftigten in der Pflege zwischen Anfang April und Ende Juli 2020 um mehr als 9000 zurück – ein Rückgang um 0,5 Prozent in sehr kurzer Zeit. Allerdings sagt die Zahl wenig über die Gründe: In dieser frühen Phase der Pandemie wurden auch viele Operationen abgesagt. Offensichtlich ist allerdings, dass die Stimmung in dem Berufsfeld schlecht ist.

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Hier berichten zwei Pflegekräfte, die sich gegen den Job entschieden haben, was sie so weit gebracht hat. Eine dritte Kollegin hat ihre Schilderungen kurz vor der Veröffentlichung zurückgezogen, weil sie berufliche Nachteile fürchtete. Sie sagte: »Manche werfen den Kolleginnen, die jetzt hinschmeißen, vor, sie würden ihr Team im Stich lassen. Das finde ich nicht fair: Die wenigsten entscheiden sich gegen ihr Team, sondern gegen bestimmte Strukturen.«

»Meine Angst wuchs, schwere Fehler zu begehen.«

Kathrin Hüster

Kathrin Hüster, 40, hat zuletzt auf der Intensivstation einer Klinik in Nordrhein-Westfalen gearbeitet. Im November hatte sie noch im Interview mit dem SPIEGEL erläutert, wie belastend die Arbeit auf der Corona-Intensivstation ist, wenig später kündigte sie.

»Als es mit den anonymen Drohnachrichten in den sozialen Medien losging, wusste ich, dass sich etwas grundlegend ändern musste. Seit knapp zwanzig Jahren hatte ich in der Pflege gearbeitet, die letzten acht auf verschiedenen Intensivstationen. Stets war mir klar gewesen: Hier läuft etwas mächtig schief. Und zwar das, was fast alle Pflegekräfte beklagen: zu viel Arbeit für zu wenige Kolleginnen und Kollegen, zu wenig Geld für so viel Verantwortung, für so viel Flexibilität und Stress.

Bitte nicht missverstehen: Die eigentliche Tätigkeit habe ich geliebt. Den Umgang mit Patienten; die medizinische Arbeit; die Herausforderungen eines unkalkulierbaren Alltags; die Erfahrung, Menschen aktiv in ihrem Genesungsprozess begleiten zu können. Beides stand nebeneinander, die Freude am Job neben dem Frust, oft nur als Kostenfaktor wahrgenommen zu werden. Ein Kostenfaktor, der arbeiten kann ohne Ende und dann doch abgestraft wird, dass es nicht genug gewesen sei. In der Pflege steht immer der Vorwurf im Raum, man koste die Klinik Unsummen und trage nichts zum Erfolg bei. Das ist das Spannungsfeld: der Dank der Geretteten einerseits, die Geringschätzung der Arbeitgeber und der Politik andererseits.

Aber wie es sich zuletzt entwickelte, das hat eine andere Qualität. Zunächst merkte ich, wie ich unter dem Stress immer öfter unfair reagierte. Die Coronapandemie bedeutete für uns Intensivpfleger, dass der Ausnahmezustand, in dem man viele schwierige Patienten gleichzeitig hat, zum Dauerzustand wurde. Es gab keine Entlastung mehr. Meine Reserven waren schon vorher nicht unerschöpflich, jetzt hatte ich das Gefühl, mich abzunutzen. Ich wurde dünnhäutig, emotionaler, nahm Dinge schneller persönlich und so entstanden schneller Konflikte. Privat wie auch beruflich.

Ich hatte noch nie ein Blatt vor den Mund genommen, auch öffentlich die Zustände kritisiert, auf meinem Blog, auf Twitter, in den Nachrichtenmedien – so auch jetzt. Zum Beispiel, dass sich nur wenige Klinikleitungen für den Schutz ihrer Pflegekräfte interessierten.

Nun bekam ich Nachrichten: ›Wir haben dich im Blick.‹ Wer sie schickte, weiß ich nicht. Ich hatte generell ein ungutes Gefühl im Beruf. Meine Angst wuchs, schwere Fehler zu begehen. Das hätte ich nicht ertragen. Mir wurde klar, wie viel bei den Kollegen und mir in dieser Zeit kaputtgegangen ist. Das Grundvertrauen in die Abteilungskollegen fehlte mir, und umgekehrt sicher auch. Für Solidarität haben einige nicht mehr die Kraft, sie sind damit ausgelastet, selbst möglichst unbeschadet durch die Zeit zu kommen.

»Für Solidarität hat keiner mehr die Kraft, alle sind damit ausgelastet, selbst möglichst unbeschadet durch die Zeit zu kommen.«

Kathrin Hüster

Auch für die Patienten bleibt weniger Energie, Zeit haben wir ja schon lange nicht mehr für sie. So leidet die Qualität. Damit kann niemand zufrieden sein, der den Pflegeberuf ernst nimmt. Wenn ich dann auch noch sehe, wie Tausende Corona-Leugner demonstrieren und wider besseres Wissen das Virus verbreiten, wenn ich sehe, dass es ihnen egal ist, wie wir in den Krankenhäusern damit zurechtkommen, wie sie für ihre ›Freiheit‹ kämpfen und uns in den Kliniken damit Freiheit wegnehmen, dann ertrage ich das alles nicht mehr.

Kurz vor Weihnachten entschied ich mich, zu gehen. Meine Tochter war mehr als einmal in Tränen ausgebrochen, weil sie sich um mich sorgte. Ich musste mich und meine Familie schützen.

Heute, mit ein wenig Abstand, denke ich, dass mein Ausstieg so oder so gekommen wäre, Corona hat das alles nur beschleunigt. Die Strukturen sind bundesweit von Angst geprägt, teilweise wird den Kollegen mit Kündigung gedroht, wenn man nicht spurt und den Mund aufmacht. Teilweise wird tatsächlich gekündigt, wie man an zwei Fällen sehen konnte. Und das, obwohl es einen Mangel an Fachkräften gibt. Klar können wir Pfleger uns die Stellen aussuchen, aber es herrscht überall derselbe Kostendruck, ich sah keine Perspektive auf Besserung. Wenn man eine neue Stelle antritt, wechselt man gefühlt nur die Namen der Kollegen und des Arbeitgebers – der Inhalt, die Probleme und Missstände bleiben gleich.

Seit Februar arbeite ich als Projektmanagerin im Homeoffice in einem medizinnahen Umfeld. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie irritiert ich bin angesichts der Freundlichkeit und der Hilfsbereitschaft innerhalb des Teams. Wir lachen gemeinsam und unterstützen einander. Völlig andere Arbeitskultur, mit Wertschätzung. Das bin ich nicht gewohnt.

Ich kann Kenntnisse aus der Klinikpraxis anwenden und aus meinem Studium der Pflegewissenschaft, das ich vor zwei Jahren begonnen habe. Feierabend ist Feierabend, Wochenenden sind frei, und ich werde besser bezahlt.

Ich werde nicht in die Pflege zurückkehren.«

»Das Gefühl aller Kollegen: Wir werden verarscht.«

Markus F.

Markus F.*, 35, hat zuletzt in einer Berliner Klinik gearbeitet und bildet nun selbst Pfleger aus.

»Als es mit der ersten Coronawelle losging, sollten wir Pflegekräfte die Kolleginnen und Kollegen auf den Covid-Stationen unterstützen und mussten einen Crashkurs an den Beatmungsgeräten machen. In zwei Tagen haben die Vorgesetzten uns den Umgang mit der Technik gezeigt und wie man die Patienten wendet – dafür braucht man fünf Leute. Einer der Kollegen dort sagte mir: ›Schlimm, dass sie euch da so reinwerfen, ich bin an der gleichen Stelle ein halbes Jahr lang eingearbeitet worden.‹

Da stellte sich schon der Eindruck ein, dass wir in der Pandemie verheizt werden. Ein Gefühl, das wir in der Pflege immer wieder haben. Ich hatte noch Glück, weil ich nach der Geburt meines Kindes und für mein Studium Arbeitszeit reduziert hatte.

Bei der zweiten Welle war ich bereits draußen. Seit Oktober arbeite ich als Lehrer für Pflegeberufe.

»Da stellte sich schon der Eindruck ein, dass wir in der Pandemie verheizt werden.«

Markus F.

Im Herbst erwischte es leider auch mehrere meiner früheren Kolleginnen, die teils schwer an Corona erkrankten, zuletzt auch die Stationsleitung. Die Abteilung musste zeitweilig komplett geschlossen werden.

Das lässt sich kaum verhindern. Die Vorsicht lässt häufig nach auf den Corona-Stationen: An jeder Zimmertür muss man durch die Hygieneschleuse, das kostet Zeit und nervt, irgendwann wird man nachlässig. Zumal eine Pflegekraft auf den Verdachtsstationen sechs bis zehn Patienten in voller Schutzausrüstung versorgen muss, während auf Normalstation vielleicht ein bis drei reguläre Krankenhausisolierungen vorkommen. Einige Kolleginnen wurden zeitweilig arbeitsunfähig, weil das selbst gemischte Desinfektionsmittel ihre Haut stark angreift – so kann sich Mangel auch auswirken.

Meine Entscheidung, die Pflege zu verlassen, war aber schon früher gefallen. Ich war recht spontan in den Job gegangen, nachdem mir der Zivildienst in einer Klinik so gut gefallen hatte, dass ich statt eines Studiums die Pflegeausbildung begann.

Doch nach der Ausbildung merkte ich, wie allmählich viel von dem verloren ging, woran ich vorher Spaß hatte: Das Menschliche, die Beschäftigung mit dem Einzelfall, die Gesundheitsförderung der Patienten. Stets lag es an Sparmaßnahmen. Die Stellenstreichungsrunden kamen in immer kürzeren Abständen. Kostenoptimierung in der Pflege bedeutet für jeden von uns mehr Belastungen, die bis in die Familien reichen.

2016 entschied ich mich, doch noch zu studieren, Pflegepädagogik. Dass mein Wechsel in die Pflegelehre dann in den Corona-Herbst fiel, war eher Zufall.

Ich hoffe noch immer, dass ich damit zu Verbesserungen beitragen kann. Den Nachwuchs möchte ich für den Umgang mit den Berufsumständen stärken, ihn aber zugleich ermuntern, für Verbesserungen zu kämpfen.

Doch Geschichten wie die Maskenskandale der CDU und CSU verstärken das Gefühl aller Kollegen, die ich kenne: dass wir, auf Deutsch gesagt, verarscht werden. Erst gab es für uns nicht ausreichend Schutzausstattung, dann verdienen die Politiker sich eine goldene Nase mit der Beschaffung.

Ich fände es schön, neben der Lehre ab zu wieder in der Pflege zu arbeiten. Aber 100 Prozent Dienst auf Station – die Belastung möchte ich heute gar nicht mehr aushalten. Das ging damals, als meine Partnerin und ich noch keine Kinder hatten, jetzt nicht mehr.«

*Name geändert.