Physiker in der Unternehmensberatung Vom Teilchenbeschleuniger zum Projektmanager

Wer als Physiker über Zahlenkolonnen und Formeln einen kühlen Kopf behält, ist nicht nur in der Forschung gefragt. Auch in der Wirtschaft bieten sich für Naturwissenschaftler Karriereoptionen.

You X Ventures / Unsplash

Was haben Albert Einstein und Werner Heisenberg gemeinsam? Beide hätten vermutlich ohne Probleme in einer Unternehmensberatung anfangen können. Denn wo Verträge ausgehandelt und Ergebnisse verbessert werden sollen, ist Kreativität gefragt. Eine Eigenschaft, welche die Nobelpreisträger mit Sicherheit mitgebracht hätten.

Dennoch: Viele Studierende der Naturwissenschaften ziehen eine Karriere im Consulting zunächst nicht in Betracht. "Wer ein solches Studium beginnt, denkt meist an eine Karriere in Forschung und Wissenschaft", sagt Karrierecoach Nele von Bargen. Die Entscheidung für ein MINT-Studium sei in der Regel durch ein Interesse an späterer Forschungs- oder Entwicklungsarbeit motiviert.

Benedikt Kloss kann das bestätigen: Der 31-Jährige ist Physiker. Dass Kloss sich während seines Studiums in Mainz nicht mit Grundlagen aufhielt, offenbart seine Promotion. Kloss forschte zum "anomalen magnetischen Moment des Myons", war an einem Projekt an einem Teilchenbeschleuniger in China beteiligt.

"Ich wusste damals gar nicht, was eine Unternehmensberatung macht", sagt Kloss heute. Dann kam er bei einer Uni-Veranstaltung mit einem Partner der Beratungsfirma McKinsey ins Gespräch - Kloss entschied sich für eine Bewerbung bei der Unternehmensberatung.

Mittlerweile arbeitet Kloss seit dreieinhalb Jahren selbst als Projektleiter bei McKinsey und hat das Forschungslabor gegen Einsatzorte auf der ganzen Welt getauscht.

"Mein Wissen aus der Teilchenphysik hilft mir in der Unternehmensberatung zwar nur selten weiter, die physikalischen Grundlagen sind dafür aber umso wichtiger", sagt Kloss. Oft sei es für seine Einschätzungen wichtig, die Physik hinter der Technik genau zu kennen. "Ich weiß genau, wie eine Batterie funktioniert und was ein Halbleiter ist", sagt Kloss.

Unternehmensberatungen suchen Naturwissenschaftler

Die Expertise ist gefragt. Bei McKinsey haben nach eigenen Angaben nur rund 50 Prozent der Berater einen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund. Etwa 15 Prozent kommen demnach aus naturwissenschaftlichen Bereichen. Bei anderen großen Consulting-Gruppen dürfte die Zahlen ähnlich sein.

"Klares, logisches und strukturiertes Denken ist, was die Beratungen suchen", sagt die Karriereberaterin von Bargen. Attraktiv sei ein Wechsel in die Wirtschaft oft auch finanziell. "In Beratungen lassen sich Boni und Tantiemen verdienen, das gibt es in der Forschung so meist nicht."

Für junge Absolventen böten sich schnelle Aufstiegschancen. "Die Vorgaben und Anforderungen für eine Beförderung sind meist klar geregelt", sagt von Bargen über Firmen im Consulting-Bereich. In der Forschung gäbe es dagegen häufiger projektgebundene Positionen, die Aufstiegskriterien seien eher unklar.

Viele Termine im Ausland, wenig Zeit an einem festen Ort

Ein Job außerhalb der Forschung bedeute dafür andere Herausforderungen: Hoher Erwartungs- und Zeitdruck, viele Termine im In- und Ausland und weniger Zeit an einem festen Ort - beruflich und privat. Das sollte man bei der Entscheidung berücksichtigen, sagt von Bargen.

Für den studierten Physiker Kloss ist das offenbar kein Problem. "Über eine Rückkehr in die Wissenschaft habe ich noch nicht nachgedacht", sagt Kloss.

Besonders freue es ihn, wenn er gelegentlich sein noch breiteres Wissen anwenden kann. "Für einen Autohersteller haben wir etwa verschiedene Konzepte zu Flug-Autos durchgerechnet. Da haben wir wirklich alles einmal geprüft, von der Aerodynamik bis zum Antrieb", sagt Kloss.

Auch er sagt, dass ihm aus dem Studium besonders das strukturierte Denken helfe. "Ich erkenne die relevanten Zusammenhänge schnell und verliere mich nicht in Details."

Eine Garantie für einen Job als Consultant ist ein müheloser Umgang mit Zahlenkolonnen und Datenbergen aber noch nicht. "Bestenfalls sucht man sich während eines naturwissenschaftlichen Studiums schon ein Nebenfach mit Wirtschaftsbezug. Oder in den Semesterferien ein Praktikum bei einer Unternehmensberatung", sagt von Bargen.

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