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Job & Karriere

Angehende Piloten "Viele sehen sich als Bezwinger der Schwerkraft"

Durch die Welt jetten, Luxushotels, viel Geld - davon träumen junge Piloten. Bis Ernüchterung einkehrt. Flugpsychologe Dominic Cardozo spricht über den drögen Berufsalltag und über Piloten im Nebenjob.
Von Bärbel Schwertfeger
Im Cockpit: "Ein Pilot ist nur noch Dienstleister"

Im Cockpit: "Ein Pilot ist nur noch Dienstleister"

Foto: Corbis
Zur Person

Dominic Cardozo, 51, ist Diplom-Psychologe und hat selbst den Pilotenschein. Er arbeitet als Luft- und Raumfahrtpsychologe bei einer Flugschule in Bremen und ist - als einer von weltweit nur 52 Flugpsychologen - Certified Aviation Psychologist der European Association for Aviation Psychology (EAAP).

KarriereSPIEGEL: Woher kommt dieser Mythos, der den Piloten-Job bis heute umweht?

Cardozo: Der stammt aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, als der Großteil der Bevölkerung noch nicht reisen konnte - geschweige denn mit dem Flugzeug. Piloten waren weltweit unterwegs, verbrachten ihre Tage in Luxushotels in Rio oder Bangkok, verdienten viel. Sie saßen vorn im Cockpit, während hinten die Stewardessen die Passagiere bedienten. Ein Flugkapitän war so etwas wie ein Patriarch, der Chef einer Familie. Aber vor allem beherrschte er die Technik des großen Flugzeugs.

KarriereSPIEGEL: Was ist davon heute noch übrig?

Cardozo: Technisch gesehen nicht viel. Heute kann der Flieger das meist allein, ein Pilot ist nur noch der Systemmanager eines kundenorientierten Dienstleistungsprodukts. Er managt ein System, das die Passagiere von A nach B bringt.

KarriereSPIEGEL: Ist angehenden Piloten das klar?

Cardozo: Nein, viele sehen sich am Anfang noch als Bezwinger der Schwerkraft. Natürlich sind sie dann frustriert, wenn sie zwölf Stunden nur rumsitzen, die Instrumente überwachen und sich mit ihrem Kollegen unterhalten. Das ist ziemlich dröge.

KarriereSPIEGEL: Dennoch ist der Run auf die Flugschulen ungebrochen und die Auswahl hart. Wie viele kommen überhaupt durch?

Cardozo: Bei den Flugschulen renommierter Airlines weniger als zehn Prozent der Bewerber.

KarriereSPIEGEL: Muss man dafür ein Überflieger sein?

Cardozo: Nein, im Gegenteil. Die werden nicht so gern gesehen, weil sie eher störend sind. Man sollte in allen Kriterien, also etwa bei den Kenntnissen in Naturwissenschaften und Englisch sowie bei der sozialen Kompetenz, etwas über dem Durchschnitt eines normalen Abiturienten liegen. Vor allem aber muss man kooperationsfähig sein, braucht allerdings auch eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit.

KarriereSPIEGEL: Wie teuer ist die Ausbildung?

Cardozo: Das ist unterschiedlich. Bei Lufthansa müssen Sie im Moment 65.000 Euro selbst zahlen. Das wird später mit einem geringen Prozentsatz vom Gehalt abgezogen. Man kann auch an eine unabhängige Flugschule gehen, zahlt etwas mehr und kann danach bei jeder Airline fliegen. Aber auch dort braucht man anschließend noch die notwendigen Flugstunden. Die Lizenz gilt erst dann als vollwertig, wenn Sie 1500 Flugstunden als Co-Pilot absolviert haben.

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Foto: Roland Fischer/ Lufthansa

KarriereSPIEGEL: Das ist bei der Lufthansa derzeit nicht so einfach. Dort gibt es einen Stau von rund 900 Flugschülern, die auf einen Platz im Cockpit warten.

Cardozo: Das ist in der Tat ein Problem. Wer bei Lufthansa innerhalb von fünf Jahren keinen Platz im Cockpit bekommt, muss zwar nichts mehr zurückzahlen, kann aber mit seinem Flugschein auch nicht viel anfangen. Denn bei vielen großen Airlines gilt die Piloten-Lizenz nur für die eigene Fluggesellschaft: Wer anderswo fliegen will, braucht eine komplett neue Lizenz. Viele haben in der Wartezeit schon am Fließband gejobbt. Ich rate jedem, unbedingt ein Studium anzufangen. Als Pilot ist man schließlich - rein juristisch - nicht mehr als ein angelernter Hilfsarbeiter. Der Flugschein ist nur so etwas wie ein Führerschein.

KarriereSPIEGEL: Was passiert, wenn ich fluguntauglich werde?

Cardozo: Das kann ganz schnell passieren, etwa wenn Sie sich beim Skifahren das Sprunggelenk brechen und nicht mehr mit Kraft ins Seitenruderpedal treten können. Alle Piloten haben dafür eine Loss-of-Licence-Versicherung, die dann einspringt. Zudem bieten die großen Airlines ihren Piloten in solchen Fällen immer auch andere Jobs an. Und auch bei psychischen Problemen kümmert man sich um sie.

KarriereSPIEGEL: Bei dem Germanwings-Piloten, der im März ein Flugzeug mit 150 Menschen zum Absturz brachte, ist das offenbar nicht gelungen.

Cardozo: Er hatte vor allem das Problem, dass er sein ganzes Leben als verpfuscht sah, wenn er nicht mehr Pilot sein kann. Dahinter steckte vermutlich eine massive narzisstische Kränkung, die man keinem ansieht. Die Lufthansa hätte ihn sicher nicht fallen lassen. Aber generell ist es natürlich gut, wenn man noch eine andere Ausbildung hat.

KarriereSPIEGEL: Pilot als Nebenjob, das geht?

Cardozo: Viele Piloten sind Voll-Akademiker, also Juristen, Unfallchirurgen oder Diplomaten, die nur noch zwei- bis dreimal im Monat fliegen und ansonsten ihre Zahnarztpraxis oder Beratungsfirma betreiben. So kommt man mal raus aus dem Trott und kann den privilegierten Lebensstil genießen. Und auch der berufsbedingte Stress ist nicht so hoch.

KarriereSPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Cardozo: Da gibt es den physiologischen Stress durch den Kabinendruck, die geringe Luftfeuchtigkeit und den häufigen Schlafmangel. Bei Langstreckenflügen sind die Umläufe heute meist zu kurz, um sich an den Zeitunterschied zu gewöhnen. Hinzu kommt sozialer Stress. Die Tochter hat Abiturfeier, der Freund heiratet, und Sie sind ständig unterwegs. Und abends können Sie nicht mal feiern, weil Sie wegen Ihres frühen Abfluges um 8 Uhr ins Bett müssen. Irgendwann versteht das soziale Umfeld das nicht mehr. Daher ist auch die Scheidungsrate bei Piloten sehr hoch.

KarriereSPIEGEL: Wie belastend ist die hohe Verantwortung?

Cardozo: Als Pilot muss ich Entscheidungen treffen und ein Team führen, ich trage eine enorme Verantwortung. Gerade für junge Piloten ist das nicht immer einfach, vor allem wenn sie sich selbst eigentlich die Kompetenz nicht zusprechen. Da muss dann ein 21-Jähriger ein Team mit Stewardessen führen, die alle seine Mutter sein könnten. Manchmal führt das zu einer innerlichen Zerrissenheit.

KarriereSPIEGEL: Was raten Sie jemandem, der heute Pilot werden will?

Cardozo: Mach es! Fliegen bringt noch immer großen Spaß, die Bezahlung ist noch immer gut. Aber der Spaß ist nur ein kleiner Teil - auch dieser Job hat seine Längen.

Foto: Helga Kaindl

Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Bärbel Schwertfeger. Sie ist freie Journalistin in München.

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