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Studienabbrecher: Wollen wir sie reinlassen?

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Plan B für Studienabbrecher Beinahe-Akademiker, fangfrisch von der Uni

Sie vergeigen Prüfungen, haben große Geldsorgen oder Überdruss an Theorie. Wenn Studienabbrecher anklopfen, fragen sich Personaler: Wollen wir sie reinlassen? Viele Firmen experimentieren nicht gern, vertrauen lieber Zeugnissen. Dennoch finden auch Uni-Deserteure mit etwas Anlauf in den Beruf.

Mathe brach ihm das Genick. Dreimal segelte Frank Tartelt, 22, durch die Prüfung - das Ende seines Studiums an der Fachhochschule Brandenburg. Er stand mit leeren Händen da: vier Semester Informatik, ein halbes Dutzend bestandener Prüfungen und dann kein Titel. Gewisse Kompetenzen hatte er sich angeeignet. Aber als Fachkraft gilt in Deutschland jemand mit Abschlusszeugnissen wie Diplom, Bachelor oder Master.

Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit, findet deutsche Unternehmen "zu zertifikatsgläubig". Sonst würden sie mehr Studienabbrecher einstellen, denn die brächten das nötige Rüstzeug für viele Fachaufgaben mit. Schon heute besetzen sogar Absolventen der MINT-Fächer (Mathe, Informatik, Natur- und Technikwissenschaften) viele Positionen, für die gar kein Abschluss notwendig wäre, ergab eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums.

Da müssten doch für Abbrecher allemal Arbeitsplätze da sein. Frank Tartelt ist keineswegs allein: Gut ein Drittel seiner MINT-Kommilitonen wirft hin, weiß Georg Heimstätter, Rektor der FH vor den Toren Berlins. Bundesweit sieht es ähnlich aus: Zwischen 50.000 und 70.000 Studenten brechen jedes Jahr ihr Studium ab, hinzu kommen zahlreiche Fachwechsler. Die Umstellung aufs Bachelor-System sollte auch die Abbrecherquoten drücken, in den Technikdisziplinen ist das aber missglückt, wie das Hochschul-Informations-System in mehreren Untersuchungen zeigte.

Gescheitert an einer Teildisziplin

Wer endgültig an Prüfungen scheitert, darf sich im gleichen Fach nie wieder an einer deutschen Hochschule einschreiben. So könnte "Mathe-Versager" Frank Tartelt allenfalls einen ähnlichen Studiengang suchen, bei dem Informatik eine Rolle spielt, Mathematik aber nicht so wichtig ist. Mit ihren gibt es an Deutschlands Hochschulen reichlich Auswahl.

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Abbruch, Aufbruch, Durchbruch: 100 prominente Uni-Deserteure

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Thomas F., 26, nützt das wenig. Der gelernte Bierbrauer aus Heidelberg wollte per Studium das Braumeister-Diplom erwerben, riss aber dreimal die Chemie-Prüfungshürde. Und weil Brauwesen nur in Weihenstephan und Berlin gelehrt wird, war sein K.o. endgültig: "Ich bin erst mal in ein Loch gefallen."

Heute kann er wieder scherzen: "Chemie ist eigentlich für Bierbrauer ziemlich unwichtig, wo wir doch alle nach dem Reinheitsgebot arbeiten, nur mit den vier vorgeschriebenem Grundbestandteilen." Wie die miteinander chemisch reagieren, damit haben Brauer seit Jahrhunderten Erfahrung.

So sah es sein Chef von der Heidelberger Brauerei, wo Thomas F. mittlerweile arbeitet - allerdings nur, weil er schon eine Lehre mitbrachte. Als Fast-Diplom-Braumeister erhält er nun schon mal besonders anspruchsvolle Aufgaben. "Da schauen wir ganz auf die Person und ihre Qualifikation", sagt Boss Lutz Wirsching. Und hatte sogar Großes vor: Thomas F. sollte Braumeister bei einer Partnerbrauerei in China werden - "dort fragt keiner nach dem Diplom, gut genug ist Thomas allemal". Doch der Deal platzte, er blieb hier.

"Diese Leute sollten wir an die Hand nehmen"

In anderen Branchen wird derzeit laut und ausdauernd der Fachkräftemangel besungen. Die Studie des Wirtschaftsministeriums belegt, dass unter den Technikberufen die IT-Branche besonders offen ist. Zumindest zu Boom-Zeiten stellte sie zahlreiche Mitarbeiter ein, die kein Diplom hatten, aber die vielen Aufträge abarbeiten konnten.

Dass die Chancen für "frische" Abbrecher in der IT-Branche noch immer so gut sind, bezweifelt Heinz Gehlen von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen. Darum hat er, zusammen mit IT-Firmen der Region und der Berufsschule, eine Ausbildung speziell für Studienabbrecher geschneidert: zum Fachinformatiker in 18 Monaten statt drei Jahren. Den Bedarf sieht Gehlen direkt vor der Haustür: "Die RWTH Aachen ist eine der deutschen Elite-Unis. Natürlich produziert die auch Abbrecher. Diese Leute sollten wir an die Hand nehmen."

Ob Betriebe Studienabbrecher ins Boot holen, sei auch eine Frage des Leidensdrucks: Sie tun es, wenn der Bewerbermangel groß genug ist, sagt Gehlen. Im Spezialkurs läuft der Berufsschulunterricht in den Abendstunden, damit die Unternehmen tagsüber mehr von den Abbrecher-Azubis haben.

Im Brandenburgischen dagegen, wo Frank Tartelt sich nach dem Studien-Aus um eine Berufsausbildung kümmerte, bestehen Arbeitgeber auf einer Norm-Lehre, vielleicht ausnahmsweise mit Verkürzung um sechs Monate. Eine planbare Kurz-Ausbildung, etwa mit internem Trainee-Programm, kommt für sie kaum in Frage.

Studienabbrecher: So richtig kümmern mag sich keiner - aber Versicherungen zahlen sogar Fangprämien

Derweil punktet die selbstbewusste Fachhochschule mit "Plan B", ihrer Beratung für Studienabbrecher. Und früher Rat ergibt viel Sinn. So wissen nur wenige Studenten Bescheid über die Folgen eines dreimaligen Prüfungsdesasters. "Möglicherweise ist es besser, nach dem zweiten Durchfallen die Hochschule zu verlassen und sich später, vielleicht auch woanders, noch mal einzuschreiben", rät Dana Voigt von "Plan B". Und in der Zwischenzeit eine Lehre zu machen.

Kaum Hemmungen hat die Versicherungsbranche. Thomas Weidner von einer örtlichen Agentur macht sogar Geldgeschenke: 350 Euro Fangprämie, wenn die "Plan B"-Berater einen neuen Versicherungsvertreter vermitteln. "Ob der ein Diplom hat oder nicht, ist egal. Wir schulen ihn intern", sagt der Versicherungsmann. "Wichtig ist, dass er das Hochschulmilieu kennt und nachher mit Studenten gut reden kann."

Hier die wirtschaftsnahen, berufsqualifizierenden Studiengänge, dort die Geistes- und Sozialwissenschaften - es sind zwei Welten. Halbe Ingenieure schaffen kaum den Sprung ins Konstruktionsbüro. Anglisten oder Soziologen haben nur vage Berufsperspektiven. Dafür kommen auch Studienabbrecher für viele Jobs in Frage, etwa in der Irgendwas-mit-Medien-Welt.

"Ich bin immer auf die Füße gefallen"

Thomas Alles, 45, studierte viele Jahre Publizistik - ohne Abschluss, "die Attraktionen der Großstadt Berlin waren stärker". Kneipe, Konzerte, Kino gewannen gegen eine ungewisse Karrierehoffnung. Heute ist Alles zufrieden als Teamleiter im Kundensupport einer Online-Bank: "Ich bin immer wieder auf die Füße gefallen." In der Branche hat er sich hochgearbeitet. Nach dem ersten Studentenjob im Callcenter bekam er allmählich mehr Verantwortung, konnte dann bei einem neuen Arbeitgeber punkten mit langer Berufserfahrung "im unteren Management", wie er es nennt.

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Studienabbruch: Warum Studenten tschüs zur Uni sagen

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Das Manko von Abbrechern ist zugleich ihre Chance: Wer kein Examenszeugnis hat, braucht andere Kompetenzen. Und "Hartnäckigkeit bei Bewerbungsversuchen", so Gerritt Görrissen von der Arbeitsagentur Kiel. "Wenn ich es schaffe, einen potentiellen Arbeitgeber für mich zu interessieren, ist das die halbe Miete." Das Kieler "Team Akademische Berufe" kümmert sich ausdrücklich auch um Uni-Deserteure und hat eigens eine Handreichung mit Tipps und Adressen zusammengestellt.

Solche Fürsorge ist bei Arbeitsagenturen nicht selbstverständlich. Oft wissen Studienabbrecher gar nicht, wer für sie zuständig ist, bemängelt das Bundeswirtschaftsministerium in der Studie. So richtig kümmern will sich keiner: Die Hochschulen haben das peinliche Schwundproblem jahrzehntelang ignoriert; die Arbeitsagenturen schicken Abbrecher mitunter von einem Berater zum anderen.

Uni-Scheine? Für Personaler nur Kauderwelsch

So geraten Uni-Aussteiger zwischen Baum und Borke, zwischen Lehrstellenvermittlung und akademische Berufsberatung - Glückssache, ob sie engagierte Ansprechpartner finden. "Alle kennen das Problem, aber keiner will es grundsätzlich anpacken", schimpft Uwe Armin Schmidt vom Internetportal studienabbrecher.com, das Bewerber und Unternehmen verbandeln will. Am besten, so Schmidt, wäre eine Art Abbrecher-Trainee-Programm. Also doch wieder ein Zertifikat.

Die Studie des Wirtschaftsministeriums zeigt, dass Studienabbrecher im Beruf als besonders motiviert und loyal gelten. Aber auch wie schwer sich Unternehmen tun, die Leistungen von Bewerbern ohne Zeugnis angemessen zu bewerten. Für viele Personalchefs sind Uni-Scheine nur Kauderwelsch, damit können sie nichts anfangen. So fangen Abbrecher sich schnell den Rat ein, eine ordentliche Lehre nach dem Berufsbildungsgesetz zu machen - Schema F.

Das muss nicht verkehrt sein, sagt Berater Görrissen. Beinahe-Akademiker sollten aber auf keinen Fall in die Psychofalle laufen und sich selbst Vorwürfe machen, warnt er: "Vielleicht hat das erfolglos scheinende Studium einen gerade in die Lage versetzt, die Ausbildungsstelle zu bekommen, die man direkt nach dem Abi nicht gekriegt hätte."

KarriereSPIEGEL-Autor Klaus Martin Höfer (Jahrgang 1961) ist freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist in Berlin und arbeitet überwiegend fürs Radio.

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