Polizisten als Hebammen Schneller geboren, als der Arzt kommt

Eine Frau liegt in den Wehen - auf dem Taxi-Rücksitz, mitten im Stau. Das ist keine Filmszene, das passiert in Bangkok ständig. Einige Polizisten lassen sich deshalb zu Hebammen weiterbilden.

DPA/ Bangkok Police Department

Jetzt zählt jede Minute. Bei Tagesanbruch setzen bei der 23 Jahre alten Noppamas Phinsoongnern die Wehen ein. Zusammen mit ihrem Freund Phongsatorn Kamsom eilt sie raus aus der Wohnung und rein in ein Taxi, das sie ins nahe gelegene Krankenhaus bringen soll. Doch die überfüllten Straßen Bangkoks machen ihnen einen Strich durch die Rechnung. Schon um 6 Uhr morgens liegt der Verkehr lahm - und das Baby kommt.

"Ich wusste nicht, was ich tun sollte", erinnert sich der 20-jährige Kamsom. "Ich geriet in Panik und rief den Notruf an." Ruhig bleiben, der Doktor sei auf dem Weg, sagt die Stimme am Telefon. Zur selben Zeit knackt das Funkgerät von Polizeiveteran Mana Jokoksung, der gerade in einem anderen Teil der Stadt den Berufsverkehr leitet. Er erhält den Auftrag für einen Einsatz der etwas anderen Art. Jokoksung fackelt nicht lange, steigt auf sein Motorrad, wirft Sirene und Blaulicht an und rast zum festsitzenden Taxi mit der schwangeren Frau.

Polizist Jokoksung gehört zu einer Spezialeinheit, die 1993 vom thailändischen Königspalast mit einer Finanzspritze von umgerechnet etwa 188.000 Euro gegründet wurde. Diese Polizisten werden für medizinische Notfälle in Bangkoks Verkehr geschult. Eine der Hauptaufgaben ist die Geburtshilfe im stockenden Verkehr. Die Idee: Wenn es darauf ankommt, sind Polizisten schneller am Einsatzort als die Rettungssanitäter.

Ein bis zwei Auto-Geburten im Monat

In der Acht-Millionen-Metropole Bangkok sind Staus meist unvorhersehbar. Das kann einen Arbeitsweg von normalerweise 20 Minuten zu einer stundenlangen Fahrt machen. "Wenn es sein muss, fahren wir auf den Gehwegen oder gegen die Fahrtrichtung", erklärt Jokoksung. "Wir tun alles, damit wir so schnell wie möglich am Einsatzort sind."

In den vergangenen Jahren kamen mit Hilfe der Polizisten insgesamt 121 Babys auf die Welt, mehr als 2600 in den Wehen liegende Frauen wurden durch die verstopften Straßen in ein Krankenhaus eskortiert. Denn die Polizisten dürfen nur Hebammenarbeit leisten, wenn das Krankenhaus nicht rechtzeitig erreicht wird. So helfen sie dabei, dass ein bis zwei Babys im Monat heil das Licht der Welt erblicken.

Beim Taxi angekommen, holt Jokoksung ein Geburtshilfe-Set aus seinem Motorradkasten, zieht sich Gummihandschuhe an und unterstützt die angehende Mutter bei der Geburt - es wird ein gesunder Junge.

"Mein Herz hämmerte, als würde es explodieren"

Es war Jokoksungs 56. Einsatz dieser Art, was ihn zu einem der erfahrensten Geburtshelfer der Spezialeinheit macht. "Als ich den Polizisten sah, habe ich mich erleichtert und sicher gefühlt", sagt Phongsatorn. "Ich war verblüfft, wie er die Geburt gemanagt hat. So etwas habe ich noch nie erlebt." Ein großes Problem bei den Auto-Geburten sind die vielen Schaulustigen. Die Polizisten müssen sie zurückdrängen, um die Privatsphäre der Mutter zu wahren.

Bei den meisten Geburten am Straßenrand ginge es um Frauen, die ihr zweites oder drittes Kind bekommen, berichten die Beamten. Oder es handele sich um Migranten aus der Arbeiterschicht, die nur im Notfall in ein Krankenhaus gingen.

Gerade am Anfang hätten viele Polizisten noch Berührungsängste in ihrer neuen Rolle als Geburtshelfer. Das weiß Jokoksung aus eigener Erfahrung. "Die ersten Male konnte ich meine Handschuhe kaum anziehen, weil ich so gezittert habe", erinnert sich der Polizist mit 17 Jahren Berufserfahrung. "Mein Herz hämmerte so, als würde es explodieren." Ab dem fünften Einsatz sei die Nervosität dann weniger geworden.

Kein Wunder, schließlich gebe es auch eine Belohnung: den Jubel der umstehenden Menschen, wenn das Neugeborene zum ersten Mal schreit. Das junge Pärchen, dessen Baby mit Jokoksungs Hilfe im Juni zur Welt kam, dachte sich etwas Besonderes aus. Es gab seinem Sohn den Kosenamen "Tax", als Kurzform von Taxi.

Bill Bredesen/dpa/ant



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