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"Postillon"-Gründer: Lüg! Mich! An!

Foto: Daniel Karmann/ dpa

"Postillon"-Gründer "Ich denke hauptberuflich an Schwachsinn"

Stefan Sichermann betreibt eine News-Website, deren Nachrichten dreist zusammengelogen sind. Die Leser stört's nicht, im Gegenteil: 50.000 Menschen besuchen täglich sein Satire-Portal "Der Postillon", das der ehemalige Lehramtsstudent von seinem Wohnzimmer aus betreibt.

Stefan Sichermann, 32, kniet auf dem Boden. Im Esszimmer seiner Wohnung kramt er dünne Kartons unter einem Regal hervor. "Die sind bestimmt schon ganz staubig", sagt er und öffnet ein paar Boxen. Was er dann in den Händen hält, sind Auszeichnungen: der Deutsche Webvideopreis, der Grimme Online Award. Aufstellen mag er die wuchtigen Plastiken nicht. "Ich habe Angst, dass sie mal umfallen und meine Tochter erschlagen."

Schnell schiebt er die Trophäen wieder unter sein Regal. Er mache sich nicht viel daraus, sagt er, vor allem weil er nicht gern im Mittelpunkt stehe. Normalerweise sitzt der gelernte Werbetexter tagsüber allein in seinem Arbeitszimmer, das gleichzeitig der Wickelraum seiner anderthalbjährigen Tochter ist.

Was er dort schafft, ist der Grund für die Auszeichnungen: Sichermann ist Gründer und Betreiber des Satire-Portals "Der Postillon" . Auf seiner Seite ist etwa zu lesen, dass die NSA beruhigt ist, weil es in deutschen Privat-E-Mails immer weniger um den NSA-Skandal geht oder dass 27 Prozent des weltweiten Papiermülls durch "Erst denken, dann drucken"-Warnhinweise verursacht werden.

"Alles, was im 'Postillon' steht, ist Satire und somit dreist zusammengelogen", warnt er auf seiner Webseite vorsorglich. "Das sollte eigentlich offensichtlich sein, obwohl zahlreiche Kommentare darauf hinweisen, dass vieles hier für bare Münze genommen wird."

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Seit der Gründung des Onlineportals im Oktober 2008 sind die Zugriffszahlen kontinuierlich gestiegen. Mittlerweile zähle sein Blog am Tag rund 50.000 Besucher, die seine Seite gut 100.000 Mal aufrufen, sagt er. Unter seinen Artikeln reihen sich die Kommentare seiner Leser, ein Eintrag schaffte es auf 4000.

Es war ein Arbeitskollege, der Sichermann auf die Idee brachte, ein Blog zu betreiben: "Er hat mich jeden Tag damit genervt und erzählt, wie toll das sei." Damals arbeitete der ehemalige Lehramtsstudent noch in einer Hamburger Werbeagentur und wohnte mit seiner Freundin in Lübeck. Privates von sich wollte er aber im Internet nicht preisgeben, und so kam ihm die Idee mit der Satire-Plattform - inspiriert durch ein ähnliches Format in Amerika.

"Ich mach nicht alles"

Anfangs betrieb er den "Postillon" in seiner Freizeit. "Doch der Arbeitsaufwand nahm ständig zu." Als seine Freundin schwanger wurde, zog es das Paar zurück in die fränkische Heimat nach Fürth - und ihn in die Selbständigkeit.

Seitdem denke er hauptberuflich über Schwachsinn nach, sagt er lachend. Er habe sein Hobby zum Beruf gemacht. Sichermann ist einer der wenigen Blogger in Deutschland, die von der Werbung auf ihren Internetportalen leben können. Hinzu kommen Radiobeiträge: Seit Anfang des Jahres präsentiert Bayern 3 mehrmals täglich Satire-Nachrichten des "Postillons". Auch ein Videoprojekt ist seit einiger Zeit online, Sichermann möchte das künftig vorantreiben.

Mit dem Kürzel "dpo" vor seinen Meldungen nimmt er in Kauf, dass unbedarfte Leser im ersten Moment an die Veröffentlichung seriöser Nachrichtenagenturen glauben. Wo die Satire ihre Grenzen hat, kann Sichermann schwer beurteilen: "Ich finde, man sollte alles machen dürfen", sagt er, "aber ich mach nicht alles." Er nehme beispielsweise keine Privatpersonen auf die Schippe und gehe sensibel mit dem Thema Tod um. Zu seinen Lieblingsthemen gehören die religiösen: Mit Menschen, die sich "religiös verletzt" fühlen, habe er wenig Mitleid. "Es geht hier schließlich um eine fiktive Sache."

Stephanie Kundinger/dpa/ant