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Private Schauspielschulen Geld her, oder du fliegst

Schauspieler - das ist für viele nicht irgendein Beruf, das ist eine Berufung. Doch einige private Schauspielschulen machen dubiose Geschäfte mit den Träumen sensibler Künstler.
Von Maximilian Vogelmann
Probe auf der Bühne: Jedes Jahr verlassen bis zu 700 Absolventen die Schauspielschulen

Probe auf der Bühne: Jedes Jahr verlassen bis zu 700 Absolventen die Schauspielschulen

Foto: Corbis

Die Direktorin marschiert durch den Flur, flucht. Man hört sie bis in den Proberaum, wo zehn Schauspielschüler darauf warten, dass der Unterricht endlich beginnt. Sie kennen die Launen der Schulleiterin und wissen, heute ist ein schlechter Tag - mal wieder. Die Dozentin stürmt in den Raum, pickt einen Schüler raus und reagiert sich ab. Das Spektakel endet mit den Worten: "Nächste Woche zahlst du dein Schulgeld, sonst fliegst du raus!"

Szene an einer privaten Schauspielschule. Die Schulleitung macht Druck. Nicht, weil die Studenten zu wenig Einsatz zeigen oder ihre Texte vergessen haben. Nein, weil das Geld knapp ist. Lilly Schneider, 28, hat es erlebt. "So hat sich die Direktorin oft angekündigt", sagt sie. Die dramatischen Auftritte haben sich in ihr Gedächtnis gegraben.

Ein Rauswurf nach fast zwei Jahren Unterricht und einigen tausend Euro, die man schon in die eigene Karriere investiert hat? Lilly Schneider stellte sich nach diesem Wutanfall nicht zum ersten Mal die Frage: Sind wir angehende Künstler oder nur Kunden, die man ausnehmen will? Bis heute hat sie Angst vor der Schulleiterin und will deshalb ihren wirklichen Namen nicht nennen.

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Foto: Ninja Böhlke

Lilly ist ein furchtsamer Mensch. "Die Schule hat mich dazu gemacht", sagt sie. "Ich traue mir nichts mehr zu." Noch heute, Jahre später, wird sie manchmal wach, weil sie ein Albtraum plagt: Lehrer schreien sie in Grund und Boden, beleidigen sie, machen sie fertig. An der Schule sei es mehr ums Geld gegangen als um die Menschen, sagt Lilly. Ein Eindruck, mit dem sie nicht allein steht. Selbst Norbert Ghafouri vom Verband deutscher privater Schauspielschulen  schätzt, dass die Hälfte der Privaten weder die Ausstattung noch die Mittel für eine gute Ausbildung haben.

Im Internet kursieren Geschichten über Abzockanstalten. Zum Beispiel über eine private Musicalschule, die zunächst fast jeden nehmen und bis zur Zwischenprüfung durchziehen soll. Erst dann sortieren die Lehrer die raus, die sich für begabter hielten als sie tatsächlich sind. Das Geschäftsmodell funktioniert auf Kosten der jungen Traumtänzer: Sie finanzieren die guten Dozenten, und die fördern die wenigen Talente, die am Ende übrig bleiben.

Foto: Kirstin Schnell

Julia Beerhold vom Bundesverband Schauspiel warnt: "Es gibt private Schulen, die mit den Träumen junger Menschen vor allem Geld verdienen. Sie sagen ihnen, sie hätten Talent, obwohl das nicht stimmt. Das ist extrem zynisch." Ihr Tipp: "Wer Schauspieler werden will, sollte sich vorher genau über die private Schule informieren, die er später besuchen will."

Es geht um einen Grundkonflikt: Zwischen zwölf staatlichen Schauspielschulen in Deutschland, die ihr Geld von der öffentlichen Hand bekommen und hoch begehrt sind - und den rund 65 privaten Schauspielschulen, die sich mit der zweiten Wahl begnügen müssen. Eine Notlösung, weil die Privaten meist auch nur über eine Notausstattung verfügen. Diese Zwei-Klassen-Ausbildung hat Folgen für die gesamte Branche.

Auch Lilly hatte sich zunächst bei den begehrten Zwölf beworben und dort mit Hunderten anderen auf das Vorsprechen gewartet - sie ist durchgefallen. Bei der privaten Schule saßen nur noch zwei Bewerber mit ihr vorm Warteraum - sie bekam prompt eine Zusage. Sie hat zwar geahnt, dass da was nicht stimmt. Aber sie hat nicht auf ihr Bauchgefühl gehört: "Ich wollte das durchziehen."

"Wir können die Menschen nicht vor allem schützen", sagt Julia Beerhold vom Bundesverband Schauspiel . "Das ist wie mit miesen Handyverträgen, da fallen auch viele drauf rein." Bevor man einen Vertrag unterschreibe, solle man unbedingt prüfen: Wie viele Absolventen finden hinterher tatsächlich einen Job? Wie gut sind die Dozenten? Wie ist die Ausstattung der Schule? Wie ist die Atmosphäre?

Foto: Natalie Bothur

Rolf Bolwin, geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, kritisiert: "In Deutschland gibt es viele private Schauspielschulen, die Erwartungen schüren, aber diese am Ende nicht halten können." Bis spätestens 2016 will er ein Prüfverfahren einführen, damit sich junge Menschen auf dem "relativ undurchsichtigen Markt" besser orientieren können.

Fragt man bei Lilly Schneiders alter Schauspielschule nach, um über die Vorwürfe zu sprechen, scheint das einen Nerv zu treffen. Die Schüler seien intrigant, heißt es auf Anfrage. Und über die vielen anonymen kritischen Kommentare, die im Internet kursieren, sagt ein Sprecher: "Das ist Rufschädigung!" Dann endet das Telefongespräch.

"Schauspielunterricht ist eine Herzenssache, davon wird niemand reich", wehrt sich Norbert Ghafouri gegen die Vorwürfe der Geldmacherei an privaten Schauspielschulen. Er hat vor vier Jahren den Verband deutscher privater Schauspielschulen gegründet, der bis heute jedoch erst acht Mitglieder hat. Es sind Ghafouri zufolge deshalb so wenige, weil seine Anforderungen so hoch seien. So müsse beispielsweise jede Schule im Verband jedem Schüler mindestens 400 Unterrichtsstunden pro Halbjahr garantieren. "Das ist für viele Schulen der Knackpunkt", sagt Ghafouri. Aktuell gebe es nur etwa 15 Schulen, die er aufnehmen würde. Die von Lilly Schneider gehört nicht dazu.

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Foto: Markus Huth

Und deren ehemalige Schülerin Lilly gehört heute auch nicht mehr dazu. Sie machte zwar ihren Abschluss, schaffte es sogar in die begehrte Vermittlungskartei der Arbeitsagentur, trotzdem gab sie auf: "Ich hatte einfach kein Selbstbewusstsein mehr." Doch das braucht man, denn der Markt ist hart, verzeiht keine Schwächen: Auf insgesamt 6500 Stellen beim Film, im Fernsehen oder auf der Bühne kommen etwa 15.000 Schauspieler.

Der bittere Abgang: Lilly Schneider hat für ihre Ausbildung rund 17.000 Euro Schulgeld bezahlt. Trotz Abschluss jobbte sie anschließend jahrelang in einem Callcenter. Mittlerweile hat sie ein neues Studium begonnen. Im Rückblick vergleicht sie die Theaterschule mit einer Sekte, aus der man nicht mehr rauskommt. "Je mehr Geld ich gezahlt habe, umso schwerer fiel es mir, aufzuhören. Und je mehr Druck ich bekam, umso mehr wollte ich beweisen, dass ich es doch kann." Heute ist sie enttäuscht, was aus ihrem Traum geworden ist. Sie lächelt wehmütig: "Ein Scherbenhaufen."

Foto: Yves Noddings

Max Vogelmann (Jahrgang 1982) ist freier Journalist für Wirtschaft und Gesellschaft und lebt in Berlin.

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