Umfrage unter Mitarbeitern Personalnot in Psychiatrien - Patienten werden regelmäßig zwangsfixiert

In vielen Psychiatrien klagen viele Mitarbeiter über Personalmangel: Patienten müssen laut einer Umfrage öfter mit Gurten festgehalten werden als nötig. Beschäftigte klagen zudem über Übergriffe auf sie selbst.

Mann in der Psychiatrie - Beschäftigte fordern mehr Zeit für ihre Patienten
DPA

Mann in der Psychiatrie - Beschäftigte fordern mehr Zeit für ihre Patienten


In der Psychiatrie wird fast die Hälfte der Mitarbeiter regelmäßig körperlich attackiert. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, die der Nachrichtenagentur dpa vorliegt. Demnach gibt es in Kliniken außerdem häufig solche Personalengpässe, dass Patienten zwangsfixiert werden müssen.

Ver.di hatte mehr als 2300 Psychiatrie-Beschäftigte in 168 Krankenhäusern in Deutschland befragt. Hintergrund ist, dass am 19. September eine wichtige Entscheidung zur Personalausstattung in Psychiatrien fallen soll.

Der Gemeinsame Bundesausschuss will über Vorgaben für die Personalausstattung in der Psychiatrie entscheiden. Das ist das höchste Entscheidungsgremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen. Ver.di-Vorstandsmitglied Sylvia Bühler mahnte, Signale aus dem Bundesausschuss wiesen bisher in die falsche Richtung. "Das Personal muss dringend aufgestockt werden", sagte Bühler.

Der Umfrage zufolge findet mehr als Dreiviertel der Psychiatrie-Beschäftigten, dass die Besetzung auf ihrer Station knapp oder viel zu gering ist. Ver.di hatte nach Erfahrungen in den vergangenen vier Wochen gefragt.

Die Ergebnisse im Detail:

  • Mehr als zwei Drittel der Beschäftigten meinen, ungefähr die Hälfte oder fast alle Zwangsmaßnahmen, die sie in dieser Zeit im Dienst erlebten, wären mit mehr Personal vermeidbar gewesen. Zwangsmaßnahme heißt: Patienten können mit Gurten festgehalten werden, sodass sie sich selbst oder andere nicht gefährden.
  • Mehr als 80 Prozent der Befragten sagten, ein begleiteter Ausgang für Patienten sei bei Bedarf nur teilweise oder nicht möglich.
  • Mehr als 75 Prozent der Beschäftigten können sich der Umfrage zufolge nicht vorstellen, bei der derzeitigen Personalsituation bis zur Rente in der Psychiatrie zu arbeiten.

Ver.di will am Dienstag mit einem bundesweiten Aktionstag in zahlreichen Einrichtungen auf die prekäre Personalsituation in psychiatrischen Krankenhäusern aufmerksam machen. Das Ziel: Die Zeit, die für die Beschäftigten pro Patient vorgesehen ist, soll erhöht werden.

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fok/dpa

insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
hwdtrier 09.09.2019
1. Fixierungen müssen durch
Richter genehmigt werden. Sie sind sicher nicht das Beste aber oft unumgänglich
nobody_incognito 09.09.2019
2.
Zitat von hwdtrierRichter genehmigt werden. Sie sind sicher nicht das Beste aber oft unumgänglich
Je nachdem wie Sie "Fixierung" definieren. Eine zwangsweise Unterbringung und der Zeitraum muss richterlich festgelegt werden, natürlich erst nachdem der Patient schon eingeliefert worden ist. Aber der Richter ist kein psychiatrischer Experte, d.h. so ein Urteil kann sich ja wiederum nur auf die Expertenmeinung berufen. Der Patient selbst findet da wenig bis gar kein Gehör. Eine psychiatrische Diagnose impliziert Selbst- und/oder Fremdgefährdung, was auch wieder nur eine Frage des subjektiven Standpunkts ist, bzw. wo da objektiver Weise "Notwehr" vorliegt.
stolte-privat 09.09.2019
3. Die Situation...
...ist dieselbe wie in jedem Krankenhaus oder Altenheim. Insbesondere Nachts ist eine Pflegekraft für mehrere Stationen (!!!) zuständig. Was sollen die Menschen dieser Berufsgruppe noch alles leisten für ihr mickriges Gehalt? Klinikleitung, Betreiber und Investoren stecken sich die Taschen voll auf Kosten von Patienten und Personal. Da liegt der Hase im Pfeffer! Die Anzahl der Patienten pro Pflegekraft muß gesetzlich gedeckelt werden auf einige wenige Patienten pro Pflegekraft. Der Beruf muß attraktiver werden. Monatliche Pflegekosten in Höhe eines 4-Sterne Hotel Urlaubes müssen genau überprüft werden. Es wird viel betrogen in dieser Branche, aber sicher nicht vom Personal. Das gesamte Pflege- und Medizinwesen ist zu einer Renditemaschine verkommen.
dodgerone 09.09.2019
4.
Zitat von nobody_incognitoJe nachdem wie Sie "Fixierung" definieren. Eine zwangsweise Unterbringung und der Zeitraum muss richterlich festgelegt werden, natürlich erst nachdem der Patient schon eingeliefert worden ist. Aber der Richter ist kein psychiatrischer Experte, d.h. so ein Urteil kann sich ja wiederum nur auf die Expertenmeinung berufen. Der Patient selbst findet da wenig bis gar kein Gehör. Eine psychiatrische Diagnose impliziert Selbst- und/oder Fremdgefährdung, was auch wieder nur eine Frage des subjektiven Standpunkts ist, bzw. wo da objektiver Weise "Notwehr" vorliegt.
Eine Fixierungs ist ganz klar definitiert, inkl. Standards. Noch dazu ist sie extrem personalintensiv. Bei uns in der Psychiatrie ist inzwischen täglich die Polizei vor Ort. Nicht nur weil Pat. eingeliefert werden (Drogen etc.) sondern auch bei Fixierung bestimmter Pat. die tw. täglich ausrasten und selbst mit Isolation alleine nicht zu versorgen sind. Abgesehen mal davon das es eine absolute Stresssituation für alle beteiligten ist, so ist es für keinen Menschen schön jemand so etwas zufügen zu müssen. Eine psychiatrische Diagnose hat per se erstmal nichts mit Selbst- oder Fremdgefährdung zu tun. Die Masse der psychiatrischen Pat. kann Gottseidank ambulant versorgt werden. Und zu den Richtern: es kommen immer dieselben Richter und die wissen schon worauf sie zu achten haben. Wobei die Fälle meisten so eindeutig sind, das auch ein Laie erkennt, das ein spuckender, randalierender Pat., der sie nur beleidigt nicht anders zu handeln ist (für den Moment). Andererseits muss man auch deutlich sagen: diese Arbeit ist stressig und man kann es nicht auf Dauer 100% machen. Ich selbst arbeite nur noch 75% und habe nebenbei meinen Ausgleich. Eine bessere Personalausstattung ist nötig, genauso wie bessere Rahmenbedingungen. Die Fälle psychisch auffälliger Menschen nehmen zu (zum Glück auch die Plätze ambulanter Angebote!) Die Aussage von Hr. Stolte #3 ist übrigens Quatsch. Auf unserer Station mit 24 Geronto-Pat. (geschlossen) sind nachts 2 Fachkräfte Pflicht und die absolute Mindestbesetzung.
remedias.cortes 09.09.2019
5.
Zitat von hwdtrierRichter genehmigt werden. Sie sind sicher nicht das Beste aber oft unumgänglich
Darum geht es in dem Artikel weniger , sondern dass die Stationen so unterbesetzt sind, dass lieber in zwei Minuten fixiert wird anstatt dass jemand 30 Minuten eine Deeskalationstechnik anwenden kann. Das Personal hat Alternativen drauf - aber schlicht keine Zeit dazu. Damit schafft man Drehtürpatienten , denn Fixierung und Zwangsbehandlung können für Patienten durchaus traumatisch sein, das heißt zur Depression kriegt er dann noch eine PTBS.
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