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01. Juni 2011, 09:56 Uhr

Psychobilly-Tischler

Wie ein teuflischer Elvis

Von Almut Steinecke

Marco Lückert ist aus einem etwas anderen Holz geschnitzt als seine Kollegen. Der 35-jährige Tischler aus der Psychobilly-Szene fällt mit seiner Tolle und den vielen Tattoos extrem auf. Der Chef ist tolerant, manche Kunden erschrecken - der Freizeitbassist überzeugt sie durch gute Arbeit.

"Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Herr Lückert - als ich Sie zum ersten Mal gesehen habe, hätte ich Ihnen das gar nicht zugetraut!" Diesen Satz hört Marco Lückert öfter von seinen Kunden, wenn er einen Auftrag für sie erledigt hat. Denn Marco, 35 Jahre, Tischler aus Münster, sieht schräg aus.

Seine Arme, sein Oberkörper, sein Rücken und sein Hals sind lückenlos mit Tattoos übersät. In seine schwarzen, kurz geschorenen Haare sind Linien und Zacken rasiert, den Oberkopf schmückt ein pomadegetränkter Haarkamm, hoch gegelt zur stacheligen Elvis-Tolle.

Marco Lückert ist Psyche. Er gehört der Psychobilly-Szene an, die eine ganz spezielle Musikrichtung etabliert hat: Rockabilly, eine Spielart des Rock'n'Roll, verquirlt mit der Aggressivität von Punk. Marco mochte Punk schon als 13-Jähriger, da spielte er Bass in einer Band. Durch den Einfluss seines großen Bruders, einem Rockabilly, wurde er "mitgezogen" auf Rockabilly-Konzerte. Mit 16 hörte er zum ersten Mal Psychobilly. Seitdem ist er elektrisiert, der Musik komplett verfallen, sagt Marco. "Sie drückt aus, was ich fühle, wie ich bin - Psychobilly ist wild und geil", bis heute ist die Musik für mitreißend, treibend, Partypower pur.

Die Szene ist nicht riesig, aber lebhaft, und es gibt sie schon lange. Andere Subkulturen, etwa Punk, fesseln ihre Anhänger nicht nur durch Musik, auch durch eine linke Haltung. Psychobilly ist unpolitisch, es geht in erster Linie um die Musik. Und wie beim Punk spielt das Outfit ebenfalls eine große Rolle.

Die Spikes im Ohr müssen schon sein

Man erkennt sich vor allem an der Frisur. Der typische "Flat" ist eine raspelkurz rasierte Bürste mit einem längeren Pony, der vom Oberkopf abgehend zu einem waagerecht nach vorne zeigenden Haarstachel gegelt und gesprayt wird. Marco hat starke Locken, der Flat haute bei ihm nicht hin. Da entschied er sich für die kantige Elvis-Tolle, die er früher "blau färbte, durch zwei abgezwirbelte rote Hörner" aus Haaren am Hinterkopf stilisierte und jetzt in seiner natürlichen Haarfarbe trägt.

Die auffällige Tolle hat Marco seit der Schulzeit. Danach dachte er an eine Ausbildung zum Instrumentenbauer und entschied sich doch für die breiter gefächerte Tischlerei. Als er seine ersten Bewerbungen aussandte, kam ihm nicht in den Sinn, dass ein Chef sich an seinem Aussehen stoßen könnte. Schon gar nicht dachte er daran, sich in vorauseilendem Gehorsam seine Haare normaler wachsen zu lassen. Oder nur noch langärmelige T-Shirts zu tragen. Oder die fünf "Spikes" - dünne Eisenstäbe mit spitzen Nieten an den Enden Ende, ähnlich wie bei Piercings - aus seinem Ohrläppchen zu nehmen.

"Wenn einer damit nicht klar gekommen wäre, wäre ich aufgestanden und gegangen", sagt Marco. "Man kann mich zu nichts zwingen. Man kann mich nicht verformen. Ich will ich selber bleiben."

Manche Kunden fürchten sich vor dem wilden Mann

Darf er: In Münster fand er einen Tischlermeister, "der meine Arbeit zu schätzen weiß und nicht von mir verlangt, meine Seele zu verkaufen". Dafür muss Marco immer noch bei den Kunden einstecken, wenn er einen Auftrag vor Ort macht. "Die Leute zucken erstmal zusammen - 'ogottogott, was steht denn da einer vor der Tür?' Ich habe oft das Gefühl, dass ich alles doppelt so gut machen muss wie andere Kollegen, die Kunden gucken sich meine Arbeit auch doppelt so genau an. Aber das ist okay. Dann habe ich die Chance zu zeigen: 'Ich hab's drauf'!"

Marco macht seine Arbeit Riesenspaß, umso mehr, als ihn die Toleranz seines Chefs stark berührt. Ihm zuliebe nimmt Marco im Job "bedingt Rücksicht", sagt er: "Ich habe mir noch nicht die Hände tätowiert." Und das wird er wohl auch sein lassen; tätowierte Hände könnten Kunden "zu sehr erschrecken".

In den letzten Jahren sei das mit den Tattoos ja immer mehr geworden ("Ich bin mindestens einmal im Monat beim Tätowierer"), da könne es schon sein, dass der Chef "ab und zu schon mal Bammel bekommt, wenn es raus zu Kunden geht". Insofern will Marco den Tischlermeister nicht über Gebühr provozieren. Seine Haartolle kämmt er sich auch "glatt runter", wenn er arbeitet - allerdings nicht aus Rücksichtnahme, sondern weil er unter der Woche "zu faul" sei, sie zu stylen.

Am Wochenende holt er das nach. 2003 hat Marco seine Psychobilly-Band Rampires gegründet, die sich derzeit ziemlich erfolgreich von einem Szene-Gig zum nächsten spielt. "Musik ist mein Leben", sagt Marco. Und die Psychobilly-Szene, in der manche nur während der Pubertät abhängen, ist für den bereits 35-Jährigen längst mehr als eine Jugend-Laune - "auch wenn sich meine Eltern das vielleicht gewünscht hätten".

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