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28. Januar 2014, 12:41 Uhr

Neue Studie

Stress treibt Arbeitnehmer in die Frührente

Kaputt und reif für die Rente - mit nur 49 Jahren: Bei fast jedem zweiten Frührentner sind psychische Erkrankungen die Ursache für die Pensionierung, besagt eine neue Studie. Gewerkschafter beklagen den deutlich gestiegenen Druck am Arbeitsplatz.

Immer mehr Arbeitnehmer sind so gestresst, dass sie krank werden und ihren Job aufgeben müssen. 75.000 Menschen sind im vergangenen Jahr wegen psychischer Erkrankungen in Frührente gegangen, das sind 25.000 Menschen mehr als vor zehn Jahren. Das geht aus einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer hervor. Sie hat die Statistiken der Kranken- und Rentenversicherungen zur Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung für das Jahr 2012 ausgewertet.

Im Durchschnitt sind die Frührentner, die ihren Job wegen einer psychischen Erkrankung aufgeben mussten, erst 49 Jahre alt - und mehr als ein Viertel gilt als arm. Eine Erwerbsminderungsrente beträgt durchschnittlich rund 600 Euro. "Psychisch kranke Frührentner werden praktisch abgeschrieben", sagt Kammerpräsident Rainer Richter. Dabei könne vielen Kranken geholfen werden - mit besserer Behandlung, Therapien und Trainings.

Laut Studie sind psychische Erkrankungen für 42 Prozent aller Frührentner der Grund für die vorzeitige Pensionierung - wobei die Zahlen nicht klar verraten, ob wirklich die Zahl solcher Erkrankungen so stark geklettert ist oder ob es sich teils auch um eine Diagnosewelle handelt. Vor allem die Anzahl der diagnostizierten Depressionen, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen hat seit 2001 deutlich zugenommen.

Steilvorlage für Gewerkschaften

Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) sind die Ergebnisse der Studie eine Steilvorlage, nach seinen Erkenntnissen hat vor allem am Arbeitsplatz der Stress zugenommen. "Die Beschäftigten sind nicht etwa plötzlich Weicheier geworden, sondern leiden nachweisbar unter einem steigendem Druck bei der Arbeit", sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. "Fast zwei Drittel der Beschäftigten müssen immer mehr in der gleichen Zeit leisten, mehr als die Hälfte arbeitet gehetzt und mehr als ein Viertel muss permanent erreichbar sein." Die meisten Arbeitgeber setzten sich mit dem Problem noch immer nicht genug auseinander, so Buntenbach.

Am Arbeitsplatz ist fast alles gesetzlich geregelt: Wie laut darf es sein, wie hell oder dunkel? Aber bei psychischen Erkrankungen wird es schwierig. 70 Prozent der Unternehmen setzten die laut Arbeitsschutzgesetz geltenden Vorschriften, die psychische Belastungen verhindern sollen, nicht richtig um, sagt Buntenbach. Bei nur neun Prozent der Beschäftigten würden beim Arbeitsplatz-Check auch psychische Belastungen berücksichtigt.

Zunehmend haben Arbeitnehmer auch Probleme mit Alkohol und anderen Suchtstoffen, wie mehrere Krankenkassen in ihren jüngsten Gesundheitsreports dargestellt hatten.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Stress im Job sei der Auslöser für die vielen Frühverrentungen. Tatsächlich kommt dafür jede Art von Stress in Frage. Wir haben dies korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

dpa/vet

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