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Modernes Arbeiten Die Sinn-Frage

Unternehmen kommen heute nicht mehr an der Frage vorbei, warum es sie überhaupt gibt. Die Suche nach dem Sinn bringt neue Arbeitsformen hervor. Diese Freiheit schmeckt nicht allen.
Die Bedeutung des eigenen Tuns wird im Job entscheidender

Die Bedeutung des eigenen Tuns wird im Job entscheidender

Foto: Cavan Images/ Getty Images

"Ich kenne keinen Einzigen im Unternehmen, der heute noch genau das macht, wofür er eingestellt wurde", sagt Kerstin Hochmüller. Hochmüller, 53, eine schmale Frau mit dunklem Haar und tiefem Blick, sitzt in der Geschäftsführung eines Familienunternehmens für Antriebstechnik und-systeme. 540 Mitarbeiter hat der Konzern weltweit, knapp 130 am Hauptstandort Marienfeld, einem Ortsteil mit gut 5000 Einwohnern im Kreis Gütersloh, Ostwestfalen-Lippe.

1957 gegründet, ist das Unternehmen von hier aus über Jahrzehnte gewachsen. Begleitet durch Ingenieurskunst, Patente, klassische Strukturen - und lange mit starken Männern an der Spitze. Die Frage nach der Bestimmung des Unternehmens, nach dem Purpose, wurde hier jahrzehntelang nicht gestellt. 

Edeka erschuf: "Wir lieben Lebensmittel"

Dabei beschwören Topunternehmer wie Joe Kaeser (Siemens) oder Kasper Rorsted (Adidas) schon seit geraumer Zeit mantraähnlich: Werte und Wege, die ein Konzern ausgibt, sind kaum minder wichtig als das Produkt - und sie werden zunehmend entscheidender.

In einer aktuellen Konsumentenumfrage der Columbia Business School sagten 87 Prozent der Befragten, dass Unternehmen nicht nur Gewinne erwirtschaften, sondern auch einen Wert für die Gesellschaft stiften sollten. Edeka etwa machte "Wir lieben Lebensmittel" zum Slogan für das eigene Verständnis von Qualität und Hygiene und wurde 2018 damit zur most trusted brand im deutschen Einzelhandel.  

"Wir haben mit allen Regeln gebrochen"

Kerstin Hochmüller muss schmunzeln, wenn man sie darauf anspricht. Gedanken an einen höheren Sinn der Arbeit, an Nachhaltigkeit oder weitspannende Kooperationen, kamen in ihrem Unternehmen über Dekaden nicht auf, bevor sie 2013 nach einem Master of Business Administration (MBA) dort startete. Weil ein Generationswechsel anstand, hatte Hochmüller Raum, ihre Ideen einzubringen.  

Kerstin Hochmüller

Kerstin Hochmüller

Foto: Felix Niekamp - more.than.u.C.photography, Jannik Höke

"Wir haben hier mit allen Regeln gebrochen", sagt sie. Entscheidungen werden jetzt durch die getroffen, die sie inhaltlich bearbeiten. Alle kennen die Budgets. Es wird offen diskutiert, manchmal hart gestritten - und sich wieder versöhnt. Einen gemeinsamen Mittagstisch gibt es heute nicht mehr - dafür arbeiten die einzelnen Teams zu unterschiedlich.

"Wir sind so schneller, digitaler und agiler geworden", sagt Hochmüller. Auch dezentrales Arbeiten ist mittlerweile möglich. "Jeder soll seinen eigenen Stil und seine eigene Philosophie in dieses Unternehmen einbringen - und zwar wie sie und er es möchte."

Podcast: "Wir haben einen Sinn-Überschuss"
Arbeit bedeutet für viele Menschen heute mehr, als bloßes Geld verdienen

Arbeit bedeutet für viele Menschen heute mehr, als bloßes Geld verdienen

Foto: Kniel Synnatzschke/ imago images/Westend61

Früher war alles einfacher: Für gute Mitarbeiter konnten Firmen mit Statussymbolen und Geld Anreize schaffen. Heute muss ein Unternehmen agil sein, flexible Arbeitszeitmodelle bieten - und natürlich einen Sinn. 

Einige Leute mit frischem Mindset hat sie in den vergangenen sieben Jahren für diesen Kurswechsel eingestellt, Langgediente kaum entlassen. Auch Skeptiker sind so geblieben. "Über Teambildung und neue Mitarbeiter brechen wir mit diesen Strukturen und entwickeln jeden zu einem Entscheider“, sagt Hochmüller. Möglichst selbstbestimmt wolle man im Unternehmen arbeiten, kooperieren, auch mit dem ärgsten Konkurrenten der Branche - wenn es dem Produkt und dem gesellschaftlichen Auftrag zuträglich ist. Das zum Purpose.   

“Ich würde behaupten, dass keiner unser Schlüssel-Mitarbeiter, auch nicht für mehr Geld, woanders hingehen würde”

Kerstin Hochmüller

Natürliche gebe es dabei Reibungen, nicht selten sogar. Hochmüller ist schnell, direkt und klar in dem, was sie sagt. Wahnsinnig viel Kommunikation, oft auch viel Arbeit bedeute all das, "aber es bringt auch wahnsinnig viel Spaß". 

In Afrika wollten die Menschen vor allem wissen: Wie arbeiten wir flexibler? 

Die Hamburger New-Work-Trainer Anna und Nils Schnell, beide 35, haben, um diese Begeisterung in allen Facetten zu erleben, die Welt bereist. Ende Mai 2018 machten sich die beiden Inhaber einer Beraterfirma auf den Weg. In elf Monaten tourten sie durch 26 Länder. Nun, in diesem Jahr, bereisten sie den afrikanischen Kontinent: Senegal, Nigeria, Ghana, Ruanda, Uganda, Kenia, Tansania, Namibia. Eine moderne Walz. Sie besuchten die jüngste Verlegerin Ruandas, Dominique Alonga, junge Start-ups, große Beratungsfirmen und die VW-Fertigung in Ruandas Hauptstadt Kigali.

Anna und Nils Schnell (rechts) während ihrer Reise durch Afrika

Anna und Nils Schnell (rechts) während ihrer Reise durch Afrika

Foto: privat

Der Blick auf neue Formen des Arbeitens sei in Afrika unglaublich weit und offen gewesen, berichten sie. "Die Menschen dort wollten vor allem wissen: Welche Lösungen gibt es, um flexibler zu arbeiten?", sagt Anna Schnell. Afrika ist ein extrem junger Kontinent: In Uganda liegt das Durchschnittsalter der Bevölkerung bei unter 17 Jahren. "Die Menschen haben wahnsinnig viel Lust und Interesse an Purpose", sagen die Schnells. Überall ist eine Aufbruchstimmung spürbar. 

Nur 20 Prozent der Europäer sind bei ihrer Arbeit mit dem Herzen dabei

Das ist in Deutschland anders: Hier ist vor allem die Unzufriedenheit der Arbeitnehmer ein großes Problem. Das zeigt eine Studie des dänischen Unternehmens Peakon aus dem März dieses Jahres. Beinahe jeder Vierte geht unmotiviert ins Büro (23 Prozent) - Deutschland ist damit Frustweltmeister. Eines der Hauptprobleme: die mangelnde Selbstverwirklichung.

"Die Menschen wollen das Gefühl haben, in einem Unternehmen mit nachhaltigen Strukturen zu arbeiten. Darum geht es, nicht um das nächste Bürofahrrad oder die Yogastunde”, sagte Martin Daniel, der die Studie für Peakon mitbetreut hat, dem SPIEGEL damals. In Europa sind laut einer Gallup-Umfrage nur 20 Prozent bei ihrer Arbeit mit dem Herzen dabei - am häufigsten Politiker, Pfarrer und Ärzte. Das ist fatal. Denn die Forschung zeigt auch: Arbeit mit einem Sinn ist wesentlich für unser Glück. 

"Ich würde behaupten, dass keiner unserer Schlüsselmitarbeiter, auch nicht für mehr Geld, woanders hingehen würde", sagt Kerstin Hochmüller, die Unternehmerin aus Ostwestfalen. In den vergangenen vier Jahren habe ihr Konzern die Rendite um 15 Prozent gesteigert. Ihre Ziele für die nahe Zukunft? "2025 wollen wir das geilste Unternehmen für Antriebstechnologien sein. Und alle sollen sich fragen: Wie haben die das gemacht?" 

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