In Kooperation mit

Job & Karriere

Lehrergeständnis »Ich habe Fächer unterrichtet, von denen ich keine Ahnung hatte«

Eine Musicaldarstellerin träumt von einem Quereinstieg als Deutschlehrerin – und unterrichtet plötzlich Mathe, Technisches Zeichnen und Gebäudereinigung an einer Berufsschule. Hier erzählt sie, wie es dazu kam.
Foto: Klaus Vedfelt / Getty Images

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Klara Hartwich*, 37, arbeitete als Lehrerin an einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen.

»Mein Vater war Lehrer, meine beiden Geschwister sind es noch; allein deshalb hatte ich immer etwas anderes machen wollen. Nach dem Abi ließ ich mich zur Musicaldarstellerin ausbilden, studierte dann Germanistik, Phonetik/Linguistik und Medienkulturwissenschaften. Ich habe unter anderem in Kolumbien Deutsch unterrichtet, als Autorin für die Deutsche Welle gearbeitet und als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Uni Köln. Aber stets waren alle Stellen befristet, spätestens nach einem Jahr stand ich wieder auf der Straße.

In einer Berufsberatung wurde mir nahegelegt, Lehrerin zu werden, und ich fand die Idee des Quereinstiegs auf einmal gar nicht mehr schlecht. Deutsch als Fremdsprache hatte ich schon mit großer Freude unterrichtet, und ich sehnte mich nach einem sicheren Job. Auf der Webseite des nordrhein-westfälischen Bildungsministeriums  heißt es, die Einstellungschancen im Lehramt Berufskolleg seien hervorragend, auch für »Personen, die nicht die klassische Lehrerausbildung absolviert haben«. Also schrieb ich ein paar Schulen an, ob sie nicht eine Deutschlehrerin gebrauchen könnten.

Ein Vokabeltrainer-Büchlein reicht als Qualifikation

Der Direktor eines Berufskollegs, das unter anderem Gebäudereiniger ausbildet, antwortete sehr freundlich, teilte mir aber mit, dass er eher Lehrende für technische Fächer suche. Ich schrieb ihm, dass alles, was mit Technik oder Mathematik zu tun habe, leider nicht zu meinen Talenten passe und hakte die Schule geistig ab. Aber er lud mich trotzdem zum Vorstellungsgespräch ein. Ich hatte mal ein Vokabeltrainer-Büchlein über die Berufsfachsprache Gebäudereinigung geschrieben – das gefiel ihm offenbar.

Das Gespräch war toll; der Direktor wirkte wie ein Mann von großer Klasse. Ich merkte schnell, er wollte mich als Lehrerin bei sich an der Schule haben. Er sagte, ich hätte eine echte Chance auf einen Quereinstieg und nach einer berufsbegleitenden Ausbildung sogar auf eine Verbeamtung, wenn ich bereit sei, auch Politik, Wirtschaft und das Berufsfach Gebäudereinigung zu unterrichten – natürlich nach diversen Fortbildungen und vielleicht auch einem Praktikum. Ein wenig musste ich schon schlucken, dass ich Gebäudereinigung unterrichten sollte, aber wenn das der Preis für etwas mehr Sicherheit im Berufsleben war, dann wollte ich ihn zahlen. In Politik und Wirtschaft würde ich mich leicht reinfuchsen können, Grundkenntnisse hatte ich aus dem Studium.

Bewerbungsverfahren nur zum Schein

Die Stelle am Berufskolleg sollte ich ab November, spätestens Dezember antreten, also in sechs Monaten, teilte mir die stellvertretende Rektorin mit. Natürlich müsse ein öffentliches Bewerbungsverfahren stattfinden, aber intern sei klar, dass ich die Stelle bekommen werde. Ich freute mich über diese Luxusposition, aber für alle anderen Bewerberinnen und Bewerber tat es mir leid. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie oft ich mich wahrscheinlich schon um Stellen beworben hatte, die bereits intern vergeben waren.

Irgendwann im November erhielt ich die Nachricht der Konrektorin, dass ich mich nun auf die ausgeschriebene Stelle bewerben könne. Ich bräuchte mir keine große Mühe zu machen, da ich die Stelle ja sicher hätte. Zudem solle ich bitte nicht erschrecken, dass die Stelle auch für das Fach »Arbeitsorganisation« ausgeschrieben sei. Das würde ich schon hinbekommen.

Ich wusste nicht, was »Arbeitsorganisation« genau beinhalten sollte und fragte bei einem Lehrer der Schule nach. Ich war schockiert: Das Fach bestand aus Mathe und Technischem Zeichnen. Zudem war die Stelle – wie abgesprochen – noch für die mir fachfremden Fächer Politik und Wirtschaft ausgeschrieben. Mit keinem Wort wurde Deutsch oder Deutsch als Fremdsprache erwähnt, also das, was ich wirklich konnte. Das war mein absoluter Albtraum.

Ich hatte mich nun schon seit Monaten darauf eingestellt, Lehrerin zu werden, und jetzt das? Es war schon November und Ende Dezember lief meine Stelle an der Uni aus. Unter keinen Umständen wollte ich arbeitslos werden. Wie sollte ich so schnell eine andere Anstellung finden? Im Nachhinein hätte ich umgehend den Direktor anrufen sollen; wir hatten ja etwas ganz anderes vereinbart. Aber das tat ich nicht. Ich wollte endlich mal entfristet und vielleicht sogar verbeamtet werden.

Also bewarb ich mich offiziell auf die Fächer, die ausgeschrieben waren.

Gleich am ersten Arbeitstag musste ich als Vertretung meine ersten zwei Stunden Wirtschaft unterrichten. Zum Glück war die Klasse klein und alle Schülerinnen und Schüler sehr nett. Schnell vertrat ich auch noch mehrere Stunden im Fach Gebäudereinigung. Das versprochene Praktikum sollte ich erst ein halbes Jahr später in den Sommerferien machen, aber immerhin bekam ich das Material der Lehrerinnen und Lehrer, die vertreten werden mussten. Aber wie ich Mathe und Technisches Zeichnen unterrichten sollte, war mir auch nach meinen ersten Hospitationsstunden, bei denen ich Kollegen über die Schulter schauen durfte, noch immer ein großes Rätsel.

»Du musst gar nicht selbst zeichnen können, Du sollst es den Schülern nur beibringen«

Nie hatte ich mit einem Zeichenbrett gearbeitet, wie sollte ich das den Schülern beibringen? Ich war nicht besonders gut im Zeichnen. Kollegen sagten mir, ich müsse doch gar nicht selbst zeichnen können, ich solle es nur den Schülern beibringen. Dass die meisten wahrscheinlich noch schlechter zeichnen könnten als ich, half mir mental nicht. Ich finde, man sollte das, was man anderen beibringt, selbst gut beherrschen. Aber mit dieser Meinung stand ich ziemlich allein da.

Ein Kollege, der mir von Anfang an nicht geheuer war, bot mir an, mich zu schulen. Seine Nachhilfe wurde von Stunde zu Stunde unangenehmer, und ich wurde zusehends verunsicherter.

Ich unterrichtete vier fachfremde Fächer: Arbeitsorganisation, Gebäudereinigung, Politik und Wirtschaft. Und selbst in Deutsch musste ich mich trotz meines Studiums einarbeiten und die Stunden entsprechend vorbereiten. Ich wurde immer wütender auf den Rektor und die Konrektorin, die mir das eingebrockt hatten, und auch auf mich selbst, weil ich mich nicht von Anfang an gewehrt hatte. Sie taten doch niemandem einen Gefallen damit, weder mir noch den Schülerinnen und Schülern.

Und jetzt kommen Sie

Sie sind Lehrer oder Lehrerin und möchten auch etwas gestehen, erzählen, loswerden? Dann schreiben Sie uns gern an eine E-Mail an: karriere.leserpost@spiegel.de 

Ein Vertrauenslehrer riet mir, bloß still zu sein, sonst sei ich meine Stelle schnell los und könne die Verbeamtung vergessen. Er meinte, ich müsse einfach meine Mathephobie überwinden. Im Nachhinein weiß ich, dass dies kein guter Ratschlag war.

Irgendwann brach nämlich alles in mir zusammen. Ich konnte nachts nicht mehr schlafen, bekam Panikattacken, mutierte zum nervlichen Wrack. Ein Schulhalbjahr schaffte ich, dann handelte ich aus, Mathe und Technisches Zeichnen nicht mehr unterrichten zu müssen. Ich bekam noch einen Vertrag bis zum Schuljahresende. Eine Chance auf die berufsbegleitende Ausbildung für eine Verbeamtung hätte ich nun allerdings nicht mehr, teilte man mir mit. Ursprünglich hatte es geheißen, nur das Fach Gebäudereinigung sei dafür entscheidend. Aber ich wunderte mich über gar nichts mehr. Ein Quereinstieg wäre schön gewesen, eine Verbeamtung auch, aber nicht zu diesem Preis.

Nur noch vier Fächer zu unterrichten, war herrlich. Der Job machte mir Spaß. Aber wieder fehlte mir die Zukunftsperspektive, und wieder schrieb ich Bewerbungen.

Ich war heilfroh, als ich endlich eine andere Stelle fand, als E-Learning-Redakteurin. Mein Arbeitszeugnis war so lala, eigentlich eine Frechheit, aber ich hatte keine Energie mehr, deswegen aufzumucken, und bereits genug tolle Arbeitszeugnisse in der Sammlung. Allerdings vereinbarte ich noch einen Termin mit dem Rektor, um mich mit ihm auszusprechen. Am Tag des Termins war er krank. Zu einer Aussprache kam es nie.«

* Name von der Redaktion geändert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.