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Radikaler Berufswechsel »Ich habe nichts geopfert« 

Der Sozialwissenschaftler Alexander Krylov gab seine akademische Karriere auf, um Priester zu werden. Manche Bekannten verlor er dadurch. Heute ist er Kaplan und sagt: Besser war sein Leben nie.
Ein Interview von Maren Hoffmann
Kaplan Alexander Krylov

Kaplan Alexander Krylov

Foto: Stefan Reifenberg

SPIEGEL: Wie verbringen Sie Weihnachten, Herr Krylov? 

Alexander Krylov: Ich hoffe, dass ich die Heilige Messe feiern darf. Ansonsten bin ich allein. Wobei ich ja nie wirklich allein bin. Ich habe gelernt, mit Gott zu sein, das ist nie langweilig. Sonst treffe ich mich Weihnachten auch immer mit meinen vier Weihebrüdern, mit denen ich zusammen die Priesterweihe empfangen habe. Es ist immer viel Freude, wenn wir uns sehen, wir lachen viel. Aber dieses Jahr haben wir unser Treffen natürlich abgesagt. Wenn die Kirche geschlossen bleiben muss, werde ich die Messe allein feiern und an alle Menschen denken, die nicht kommen können. 

Zur Person

Alexander Krylov, 51, ist Sozialwissenschaftler. 1969 in Russland geboren, lebt er seit 2000 in Deutschland. Er hat Geschichte, Wirtschaft und Theologie studiert und promovierte in Moskau über Psychoanalyse. Er hat an verschiedenen Hochschulen unter anderem über psychoanalytische Anthropologie, Identität, sozialen Wandel, Kommunikationsmanagement, Wirtschaftsethik und interkulturelle Kommunikation geforscht. Seit 2016 ist er katholischer Priester im Erzbistum Köln.  

SPIEGEL: Als Kind hat Ihre Familie ihren Glauben geheim halten müssen: Sie sind in der damaligen Sowjetunion aufgewachsen, Atheismus war die offizielle Linie. Eine römisch-katholische Kirche haben Sie erst mit 20 von innen gesehen. Wie kommt es zu Ihrer tiefen Verbundenheit mit dieser Institution? 

Krylov: Das kommt ja nicht von mir. Wir sprechen hier über eine Berufung. Das bedeutet: Jemand ruft und sagt: Komm zu mir. Man hat dann die Freiheit, darauf zu hören oder nicht darauf zu hören. Ich habe viele Jahre mit diesem Ruf gerungen. Aber letztlich dient er dazu, dass die Menschen selbst glücklich werden.  

SPIEGEL: Sie haben Ihre Hochschulkarriere aufgegeben, um Priester zu werden. Sie waren Wissenschaftler. 

Krylov: Ja. Ich habe geforscht, Bücher geschrieben, an Symposien teilgenommen. Ich hatte allein gelebt, in Berlin, große Wohnung, gute Lage, und mein Tag war gut gefüllt. Auch meine Gedanken waren gut gefüllt.  

SPIEGEL: Wie kommt man dann auf den Gedanken, Priester werden zu wollen?  

Krylov: Das hatte schon länger in mir gearbeitet. Im Grunde seit meinem 33. Geburtstag, damals traf ich einen Studentenpfarrer, der mir sagte: Sie wären ein guter Priester. Erst habe ich diesen Vorschlag nicht ernst genommen, aber der Gedanke daran, diesen Weg zu gehen, ließ nicht nach. Ich wollte erst noch Bücher schreiben und weiter akademisch arbeiten. Kardinal Georg Sterzinsky sagte später zu mir: Mit der Berufung spielt man nicht. Das habe ich ernst genommen. Auch meine Mutter war nicht überrascht, als ich diesen Weg ging. Ostermontag 2011 war es dann so weit: Ich wusste, der Tag ist gekommen. Die Gedanken waren immer intensiver geworden. Keine Visionen, keine Stimmen. Einfach Klarheit.  

SPIEGEL: Sie waren ja da schon viel älter als ihre Weihebrüder und hatten einiges aufzugeben.  

Krylov: Ich hatte sogar das Angebot, dass ich einen besonderen Weg gehen kann und nicht alle Stationen durchlaufen muss. Aber ich hatte die romantische Vorstellung, dass ich keine Vorzugsbehandlung will. Ich bin ins Priesterseminar gegangen und habe wie alle anderen, die zehn, zwanzig Jahre jünger waren als ich, im Konvikt gewohnt. Da hat man dann zwar ein eigenes Zimmer, aber Dusche und WC sind auf dem Flur.  

SPIEGEL: War das nicht schwer? 

Krylov: Nein. Wissen Sie, wenn Sie in einem Zug fahren, gehen Sie auch auf die Toilette im Flur und finden das nicht besonders beschwerlich, weil Ihr Fokus darauf liegt, dass der Zug Sie dorthin bringt, wohin Sie wollen. Ich habe nichts geopfert, ich habe nur gewonnen. Es ist alles viel schöner geworden – und ich habe viel mehr bekommen, als ich aufgegeben habe. 

SPIEGEL: Sie sind derzeit Kaplan, das ist die niedrigste Hierarchiestufe. Was tun Sie konkret? 

Krylov: Man arbeitet als Priester, aber muss sich noch nicht um Personal oder kaputte Kirchendächer kümmern, sondern kann einfach das Priestertum leben. Ich feiere Messen, ich nehme Beichten ab, es gibt Taufen und Trauungen – im Corona-Jahr natürlich weniger –, und es gibt Sitzungen für die Gemeindearbeit. Ich bin immer zwischen Menschen oder im Gebet. Es ist ein toller Beruf. Ich habe allerdings gar nicht das Gefühl, dass ich arbeite. Ich wache auf und bin Priester, ich gehe schlafen und bin Priester. Ich lebe.  

SPIEGEL: Wie geht es weiter für Sie? Werden Sie eine eigene Gemeinde haben? 

Krylov: Das weiß ich nicht. Früher hatte ich immer berufliche Ziele. Jetzt habe ich keine konkreten Pläne mehr. Ich habe mein Leben Gott gegeben und lasse mich von ihm überraschen. Eigentlich sind Christen ja Karrieristen, weil wir alle nach oben wollen – in den Himmel! Christus hat uns aber gezeigt: Der Weg nach oben ist erst mal der Weg nach unten. 

SPIEGEL: Vor 20 Jahren gab es rund 18.000 katholische Priester in Deutschland, heute sind es noch knapp 13.000. Die Kirchenaustritte sind 2019 auf einen Höchststand von mehr als 270.000 Personen angestiegen. Beschleicht Sie nicht manchmal das Gefühl, auf einem sinkenden Schiff angeheuert zu haben? 

Krylov: Ich hatte tatsächlich mal eine Phase, wo ich mir darüber viele Sorgen gemacht habe. Aber ich habe im Gebet verstanden, was ich machen kann und was nicht. Es ist sehr einfach: Ich kann als Priester da sein. Wer einen Priester braucht, für den bin ich da. Ich bin da, wo ich jetzt bin, und tue, was ich hier tun kann. Es ist mir nicht egal, natürlich nicht, aber das hier ist mein Leben.  

SPIEGEL: Wie haben denn Ihre Wissenschaftskollegen reagiert, als Sie quasi die Seiten gewechselt haben? 

Krylov: Die meisten waren sehr überrascht. Ein Anwalt sagte: Geh unter die kalte Dusche und sag das ab! Ich habe auch Bekannte verloren. Eine meinte, sie wolle mit der Kirche nichts zu tun haben, und hat den Kontakt dann abgebrochen. Aber etliche fanden meine Entscheidung auch schlüssig, nachdem sie eine Weile darüber nachgedacht haben. 

SPIEGEL: Fehlt ihnen die Wissenschaft? 

Krylov: Ich habe gern wissenschaftlich gearbeitet. Aber heute habe ich keine Zeit mehr dafür. Ich bekomme auch immer noch Einladungen zu Publikationen und Kongressen, aber ich sage alles ab, und es wird auch weniger. Geblieben ist mir das analytische Denken. In meinem Denken bleibe ich Wissenschaftler, aber jetzt ohne konkreten Auftrag.  

SPIEGEL: Haben Sie ein Leben geführt, das eigentlich nicht das richtige für Sie war? Wenn Sie noch einmal anfangen würden: Würden Sie heute früher Priester werden? 

Krylov: Diese Frage habe ich mir öfter gestellt. Aber ich bin zu dem Schluss gekommen: Ich habe diese Reifezeit gebraucht.  

SPIEGEL: Wie entscheidend war Ihre Kindheit? 

Krylov: Wie bei jedem anderen. Keine besonderen Vorkommnisse.  

SPIEGEL: Immerhin haben Sie ein Buch darüber geschrieben. 

Krylov: Einer der Gründe dafür war: Es gibt derzeit so viele radikale Tendenzen. Aber viele Menschen haben gar keine Ahnung, wie es sich anfühlt, in einem autoritären System zu leben. In einer Gesellschaft ohne Glauben. Ich dachte, das erzähle ich einfach mal. Die Geschichten habe ich jahrelang in der Schublade gehabt. Eigentlich wollte ich das unter Pseudonym veröffentlichen, aber meine Freunde meinten: Das ist doch dein Leben. Wenn man so will, habe ich dem Thema meine Person geliehen. 

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Krylov, Alexander N.

Wie ich zum Mann wurde: Ein Leben mit Kommunisten, Atheisten und anderen netten Menschen

Verlag: fe-medienvlg
Seitenzahl: 200
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Preisabfragezeitpunkt

01.02.2023 01.04 Uhr

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SPIEGEL: Ihre These ist: In einer Gesellschaft ohne Glauben entsteht ein Vakuum. 

Krylov: Die Gesellschaft, die Gott ausschließt, wird unweigerlich versuchen, die Lücke zu füllen. Es entstehen Pseudoreligionen, wie ich sie in meiner Kindheit erlebt habe, der Lenin-Kult oder andere. Menschen lieben Rituale. Und trotzdem – mein Beispiel zeigt: Man kann in jeder Situation, in jeder Gesellschaft den Weg zu Gott finden. 

SPIEGEL: Sie haben viel zum Thema Wirtschaftsethik geforscht und publiziert. Ist es da nicht problematisch, sich einer Institution anzuschließen, der immer wieder vorgehalten wird, anderes zu predigen als zu leben? In der es Skandale gibt? 

Krylov: Ich erlebe Kirche als Gemeinschaft, die Christus zu lieben versucht und Menschen zu ihrem Glück führt. Wir sind Sünder. Wir wollen heilig sein, aber wir schaffen es nicht. Wir können nur jeder unser Bestes geben. Ich gehe gern auch schwere Themen an, aber manche Sachen erfahre auch ich nur aus der Zeitung. Ich kann nur von meinem Erfahrungshorizont berichten. Ich leide mit den Menschen mit, und ich leide mit der Kirche mit.  

SPIEGEL: Die Kirche stellt die traditionelle Familie als Lebensmodell in den Vordergrund, aber ausgerechnet die Priester machen nicht mit. Haben Sie keine Angst vor Einsamkeit? 

Krylov: Aus Pastoralgesprächen weiß ich: Es gibt sehr, sehr viele Menschen, die Familie haben und sich trotzdem einsam fühlen. Mein Leben ist so gefüllt, und ich fühle mich nie allein. Ich weiß natürlich nicht, wie es im Alter sein wird, aber Gott wird schon dafür sorgen, dass es gut wird.  

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