In Kooperation mit

Job & Karriere

Fotostrecke

Frühmoderatoren im Radio: Guten Morgen Berlin, du musst jetzt fröhlich sein

Foto: Stefan Rupp

Radiomoderatoren Hier spricht der Sender frühes Berlin

Seit 20 Jahren wachen Christoph Azone und Stefan Rupp gegen 4 Uhr morgens auf. Das Duo weckt als gut gelaunte Radiomoderatoren die Berliner. Ihr Erfolgsrezept: ein Mix aus Disziplin, Verrücktheit und einer langen stabilen Freundschaft. Besuch bei zwei notorischen Frühaufstehern.

Dies wird wahrscheinlich der übellaunigste Text, den ich je geschrieben habe: Die Recherche dafür beginnt um kurz nach 4 Uhr, als ich zu Stefan Rupp in seinen Mercedes-Kombi steige. Das Radio funktioniert nicht, Elektroschaden. Normalerweise würde Rupp jetzt die Morgennachrichten hören, so beantwortet er meine Fragen.

Nicht auszudenken, wenn ich jetzt gut gelaunt sein und Sie, den Leser, direkt ansprechen müsste! Womöglich mit dem Ziel, auch bei Ihnen gute Laune zu wecken. Kurz: Ich kann mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen als den Job von Stefan Rupp und seinem Kollegen Christoph Azone, den wir gleich im Studio treffen werden. Dabei war das einst mein Traum.

Seit 20 Jahren moderieren sie gemeinsam Morgensendungen im Radio. 20 Jahre aufstehen, wenn Deutschland noch schläft, im Dunkeln zur Arbeit fahren, Konzentration und Mikrofon anknipsen, Frohsinn verbreiten und schläfrigen Hörern erzählen, wo sie sich vor Staus und Blitzern in Acht nehmen müssen, wie die Berliner Politik sich beim Flughafenbauen blamiert und wie man Karten für das nächste Seeed-Konzert gewinnen kann; dazu Interviews, Witze und Schlagzeilen.

Rupp, 45, und Azone, 46, moderieren eine Sendung mit dem Titel "Der schöne Morgen" beim Sender Radio Eins, zu hören in Berlin und Brandenburg. Wenn ich nicht aus Versehen den Deutschlandfunk eingestellt habe, wecken mich ihre Stimmen an vielen Bürotagen, begleiten mich ins Bad, zum Kleiderschrank und zur Kaffeemaschine. Pendler hören ihre Stimmen im Auto, Eltern beim Schulbroteschmieren, Frühsportler auf dem Laufband.

Angefangen haben die beiden 1993 beim damals noch ziemlich anarchischen Privatsender Kiss FM, gegründet von ein paar Studenten in einer ehemaligen Neuköllner Backstube. Als Teenager schätzte ich den Sender, weil es dort die "Shitparade" gab und eine "Fuck-You-Hotline", weil die Musik anders klang als in den durchformatierten Roboterstationen.

Ihr Leben war wundervoll

Während der zehnten Klasse absolvierte ich mein Schulpraktikum bei Rupp und Azone, die damals noch Funkmaster Confetti und Mallorca Joe hießen. Ich nannte mich Captain Olaiva, sie nannten mich Wetterkind Peterle. Dafür durfte ich on air kurze Sätze über Höchsttemperatur und Regenwahrscheinlichkeit sagen. Sie bekamen Gratis-CDs, Eintrittskarten und schöne Frauen. Ihr Leben war wundervoll, so stellte ich mir das vor, ich wollte sein wie sie.

"Man darf nicht daran denken, wie scheiße das frühe Aufstehen ist", sagt Rupp jetzt im Auto. "Mittlerweile ist es normal, es fällt mir nicht auf." Eben hat sein Braun-Wecker wie gewohnt um 3.45 Uhr gepiept. Den zweiten Wecker, sein Backup, der auf 3.50 gestellt ist, hat Rupp auf dem Weg ins Bad ausgeschaltet, noch bevor das brutale Alarmröhren losging.

Rupp hat einen besonders präzisen Sinn für die Zeit entwickelt. Bevor er mich an diesem Morgen am vereinbarten Treffpunkt abholt, schickt er eine SMS: "Bin in fünf bis sieben Minuten da." Mit seiner Freundin verabredet er sich für 16.18 Uhr. Immer ist er pünktlich.

"Fünf Stunden Schlaf, damit komme ich klar"

Radiomoderatoren fühlen Zeit intensiver als andere Menschen. 45 Restsekunden eines Songs während der Sendung empfinden sie als Ewigkeit, in der sie noch E-Mails checken, einen Tweet absetzen und einen Kaffee holen können. Dann genießen sie den Nervenkitzel, wenn sie gerade noch rechtzeitig wieder am Mischpult stehen und einen Jingle starten, bevor das entsteht, was sie "Sendeloch" nennen und beim Hörer als Stille ankommt.

Für Frühmoderatoren ist jede Sekunde besonders wertvoll, jeder Morgen ist durchgetaktet. Rupp duscht nicht nach dem Aufstehen: "Kostet zu viel Zeit." Katzenwäsche, dann Jeans und Sneaker überziehen, los zur Arbeit. Er war pünktlich nach den Tagesthemen im Bett: "Fünf Stunden Schlaf, damit komme ich klar." Allerdings macht er mittlerweile regelmäßig Mittagsschlaf: "Der ist heilig." Zu Kiss-Zeiten hat er manchmal durchgefeiert und seinen Praktikanten das Mischpult zwischen den Moderationen überlassen. Verschlafen hat er in all den Jahren erst drei- oder viermal, so erzählt er es, zu spät gekommen ist er nie. Er muss dankbar sein, dass an diesen Tagen keine Radarfallen die Stadtautobahn überwachten.

So ein Job lässt sich nicht durchhalten ohne eine sehr spezielle Kombination aus Verrücktheit und Disziplin. Bei Rupp kippt die Waage ein Stück weiter in Richtung Disziplin, bei Azone mehr in Richtung Verrücktheit. Rupp weiß genau, was er wann sagen wird in einer Moderation. Er ist jemand, der seinen E-Mail-Eingang sortiert, sich Notizen macht und Ruhe ausstrahlt. Und der zum 20-jährigen Dienstjubiläum eine Mango-Mascarpone-Torte mitbringt.

Verschlafen ist respektlos

Azone hingegen wippt während der Sendung so schnell und ausdauernd mit seinen Füßen wie ein junger Dackel mit dem Schwanz wedelt. Wenn eine Redakteurin mit ihm einen Witz abspricht, kann man sich darauf verlassen, dass er spontan einen besseren erfindet. Und er ist ungeduldig, was Kollegen zu spüren bekommen, deren öffentlich-rechtliche Redebeiträge länger dauern als vier Minuten. Dann kann sich Azone nur schwer zurückhalten, weil mit ein bisschen mehr Fleiß das Wesentliche auch in weniger Zeit gesagt werden kann: "Faulheit und Lätschigkeit regen mich wahnsinnig auf." Wenn ein Praktikant verschläft, empfindet Azone das als respektlos, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.

Mit ihrem Sendejubiläum jährt sich nicht nur ihre Zusammenarbeit, sondern auch eine Freundschaft. Rupp und Azone können die Sätze des anderen zu Ende denken, sie gucken zusammen Fußball (Rupp: Bayern-München, Azone: VfB Stuttgart), fahren manchmal gemeinsam in den Urlaub. Sie haben zugehört, wenn der andere Liebeskummer hatte, Geldprobleme oder Ärger mit den Eltern nach dem Studienabbruch. Ihre "Radio-Ehe", wie die Lokalpresse es nennt, funktioniert, weil die Regel gilt: Was im Studio passiert, bleibt im Studio. Streit tragen sie sofort aus.

Um 10 Uhr morgens, in der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion beginnt gerade die tägliche Konferenz, geht die Sendung von Rupp und Azone zu Ende. Ich halte mich gerade noch auf den Beinen und habe einen langen Tag vor mir. Verzeihen Sie, lieber Leser, sollte ich Sie nicht freundlich genug angesprochen haben. Ich bin einfach zu müde.

Klicken Sie doch bitte trotzdem auch das nächste Mal wieder rein, Ihr Captain Olaiva.

Oliver Trenkamp a.k.a. Captain Olaiva (Jahrgang 1979) ist Redakteur im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE. Als Teenager träumte er noch von einem Job als Radiomoderator, mittlerweile ist er froh, nicht dauernd um 4 Uhr morgens aufstehen zu müssen.