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Job & Karriere

Eine Reality-TV-Schauspielerin erzählt "Ich genieße die Aufmerksamkeit"

Andere Akteure fand sie schlecht und dachte sich: "Das kann ich besser", auch ohne Ausbildung: Eine Reality-TV-Schauspielerin erzählt, wie sie tatsächlich Erfolg hat - und warum Tattoos und Pfunde nicht schaden.
Casting für eine TV-Serie (Archivbild)

Casting für eine TV-Serie (Archivbild)

Foto: Henning Kaiser/ dpa

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Jobprotokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Überforderte alleinerziehende Mutter von Zwillingen, Hartz-IV-Empfängerin, die von ihrem Partner betrogen wird, überfürsorgliche Floristin - ich bin schon in viele Rollen geschlüpft. Seit 2012 arbeite ich mehrmals im Jahr als Laienschauspielerin für diverse Reality-TV-Formate von RTL und Sat.1. Hauptberuflich arbeite ich aber in einer Ausländerbehörde. Glücklicherweise kann ich mir für die Drehtage relativ spontan Urlaub nehmen, wenn ich keine Kundentermine habe. Denn meistens werden die etwa 20-minütigen Folgen an einem einzigen Tag gedreht.

Ich genieße die Aufmerksamkeit, die man bekommt, wenn man im Fernsehen ist. Häufig werde ich von Freunden und Bekannten auf meine Rollen angesprochen. Neulich hat mich die Mutter einer Freundin erkannt und für meine schauspielerische Leistung sehr gelobt. Das war ein schönes Gefühl. Von Fremden bekomme ich bisher kein Feedback.

Ich bin Mitte vierzig und ein mütterlicher Typ. Ich wirke im Fernsehen fürsorglich und liebevoll. Außerdem bin ich eher laut und habe eine schnelle Auffassungsgabe. Deshalb bekomme ich oft die Rolle der Sympathieträgerin. Aber ich würde gern mal das Böse verkörpern, einfach, um zu wissen, ob ich das auch kann.

Meine Arbeit im Büro ist sehr monoton. Reality-TV ist meine heimliche Leidenschaft. Fast täglich verfolgte ich früher nachmittags Sendungen wie 'Familien im Brennpunkt', 'die Schulermittler' und 'Privatdetektive im Einsatz' und ärgerte mich riesig über die schlechte schauspielerische Leistung der Menschen. Da dachte ich: Das kann ich besser - auch, wenn ich selbst keine Schauspielausbildung habe.

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Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Vor sechs Jahren entdeckte ich dann zufällig einen Aufruf für ein Casting von einer Filmproduktionsfirma, die für diverse Reality-Formate eines deutschen Privatsenders verantwortlich ist. Das Casting fand in einem Hotel in der Lobby und in den Konferenzräumen statt.

Ich bekam einen Zettel mit einer kurzen Rollenbeschreibung: 'Du bist Meike Straßner, 43, arbeitest als Verkäuferin in Teilzeit und bist Mutter von drei Kindern. Mit deinem Ex-Partner gibt es ständig Streit, weil er keinen Unterhalt zahlen will. Als du ihn auf der Straße triffst, stellst du ihn zur Rede.' Diese Szene musste ich spielen. Ein Mitglied der Firma verkörperte meinen Ex-Mann. Die Dialoge waren nicht festgelegt. Wie auch bei den Drehs wird einfach improvisiert. Die Schauspieler bekommen lediglich eine Rollenbeschreibung.

Ich bekam auch einen Fragebogen, in dem ich mich vorstellen musste: Alter, Familienstand, Kinder, Bildungsstand. All das musste ich angeben. Die Produktionsfirmen suchen bestimmte Menschentypen, am liebsten extrem, mit vielen Tattoos. Auch dicke Menschen werden zum Beispiel gern genommen.

Auch, ob ich Haustiere habe, wollten sie wissen, denn für viele Drehs werden die ebenfalls gebraucht. Ich habe einen Hund, der sieht richtig gefährlich aus. Der ist aber sehr lieb. Der war auch schon mal bei einem Casting. In einer Szene im Drogenmilieu würde er sich bestimmt gut machen.

Angebote unter 300 Euro nehme ich nicht mehr an

Viele Leute lassen auch ihren Wohnraum oder ihr Auto casten. Für die Vermittlung eines Drehortes gibt es am meisten Geld, etwa 2000 Euro. Ein Laienschauspieler bekommt anfangs ein Gehalt von etwa hundert Euro pro Dreh. Ich habe mittlerweile schon viel Erfahrung, Angebote unter 300 Euro nehme ich nicht mehr an. Auch Fahrt- und Hotelkosten werden übernommen. Das Filmteam besteht mit Catering, Kamera, Produktionsleitung und Assistenz aus zehn Leuten. Die Drehs dauern meist nicht länger als einen Tag.

Ich habe eine Tochter im Grundschulalter, die ebenfalls schon gecastet wurde. Sie bekam auch schon ein Angebot und freute sich riesig auf den Dreh. Aber leider konnte sie nicht mitspielen. Die Auflagen für Kinder bei solchen Drehs sind sehr streng. Ich hätte eine Genehmigung von der Schule, vom Kinderarzt und sogar vom Jugendamt einholen müssen, die mir bescheinigen, dass meine Tochter gesund ist und dass der Dreh ihr nichts ausmacht. Ich finde das total übertrieben.

Ich freue mich immer riesig, wenn ich angerufen werde. Aber ich muss spontan sein: Die Anfrage kommt meist nur drei Tage vor Drehbeginn, gedreht wird oft in Köln oder in Berlin. Toll ist es, während der Dreharbeiten Menschen zu treffen, die man aus dem Fernsehen kennt. Die Polizisten, die mitspielen, sind meist auch im richtigen Leben bei der Polizei und immer dieselben in einem Format. Auch einen Schauspieler von 'GZSZ' habe ich beim Dreh schon kennengelernt.

Bis einer weint

Nervig finde ich es, wenn Drehs verzögert werden oder sich stark verlängern. Seit Kurzem gibt es recht strenge Auflagen, die Produktionsfirmen halten sich genau an das Arbeitsschutzgesetz, auch was Pausen betrifft. Vermutlich gab es da mal Ärger, denn das war nicht immer so. Früher gab es auch Drehtage, die 14 Stunden oder länger gingen.

Zum Dreh müssen alle Schauspieler ihre Lohnsteuernummer mitbringen und ihren Personalausweis. Gefragt wird auch, ob sie Leistungen beziehen, denn das beim Dreh verdiente Geld wird zum Beispiel auf Hartz IV angerechnet.

Ich habe es auch schon erlebt, dass der Produktionsleiter einen Schauspieler anschrie, bis dieser weinte. Manche Menschen liefern im Casting eine gute Leistung ab, stehen aber beim echten Dreh neben sich. Zum Glück ist das bei mir nicht der Fall. Aber ich versuche diesen Schauspielern zu helfen. Wir unterstützen uns beim Dreh gegenseitig.

Da die Produktionen so schnell gemacht werden und man auch nie weiß, ob die Darsteller, die kommen, auch wirklich spielen können, sind die Vorwürfe, dass die Sendungen schlecht gemacht sind, oft nicht von der Hand zu weisen. Inzwischen schaue ich die Formate nur noch, wenn ich selbst oder Bekannte mitspielen."