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Ein Rettungssanitäter erzählt "Mit der Zeit stumpft man ab"

Er weiß nie, was ihn bei einem Notruf erwartet: Eine Omi, die aus dem Bett gefallen ist, oder ein lebensgefährlich verletzter Motorradfahrer. Ein Sanitäter erzählt von seinen Einsätzen - und inwiefern er Verständnis für Gaffer hat.
Rettungssanitäter im Einsatz (Archivbild 2015)

Rettungssanitäter im Einsatz (Archivbild 2015)

Foto: Bodo Marks/ picture alliance / dpa

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Mit 17 lernte ich den Tod kennen. Ein Motorradfahrer lag auf einer Landstraße, Blut lief ihm aus dem Ohr, sein Mund stand unnatürlich weit offen. Zehn Minuten zuvor war er über die Motorhaube eines Autos gerollt und hatte sich das Genick gebrochen. Ich hatte gerade die Grundausbildung bei der Freiwilligen Feuerwehr absolviert und sollte mit meinem Trupp die Straße sichern. Als ich den Mann sah, wurde mir sofort übel - aber wegschauen konnte ich auch nicht. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Sanitäter rhythmisch auf seinen Brustkorb drückten. Kurz darauf funkte mein Einsatzleiter: 'Patient ex' - Patient Exitus, Patient tot.

Trotz - oder vielleicht gerade wegen - dieses furchtbaren Erlebnisses, ließ ich mich ein Jahr später selbst zum Rettungssanitäter ausbilden. Ich wollte lernen, wie der menschliche Körper funktioniert, wie man Leben retten kann.

Mittlerweile habe ich einen Vollzeitjob als Softwareentwickler, aber als Sanitäter arbeite ich ehrenamtlich noch immer, bis zu 46 Stunden im Monat, meist am Wochenende oder während meines Urlaubs.

Notruf wegen Kleinkram

So dramatisch wie bei diesem Schlüsselerlebnis vor vier Jahren ist der Job zum Glück selten. Manchmal rücken wir nur aus, um im Altersheim Katheter zu wechseln oder einer gestürzten Oma wieder ins Bett zu helfen.

Meistens werden wir wegen internistischer Beschwerden gerufen: Herz- oder Kreislaufprobleme, Atemnot. Leider werden die Gründe immer banaler, die Leute wählen wegen Kleinkram 112. Wirklich lebensbedrohende Situationen sind selten.

Trotzdem ist es gerade diese Spannung, die den Job ausmacht. Vor einem Einsatz weiß man nie, ob es um Leben oder Tod geht. Manchmal sitzen wir allein auf der Wache, weil hochnäsige Ärzte sich in ihrem Zimmer verbarrikadiert haben, spielen gelangweilt Karten oder Playstation - und plötzlich geht der Pieper los. Dann zählt jede Sekunde. Raus aus den Schlappen, rein in den Rettungswagen, Blaulicht an - das ist schon ein besonderer Nervenkitzel. Am Einsatzort arbeite ich dem Notarzt und seinem Rettungsassistenten zu. Ich messe Blutdruck, bereite das EKG oder die Narkose vor - in Sekundenbruchteilen muss ich mein Wissen abrufen.

Die meisten Patienten sind natürlich froh, wenn wir da sind. Leider gibt es aber auch einige, die keinen Bock auf uns haben, denen ihre Lage peinlich ist. Gerade ältere, verwirrte Menschen schlagen auch mal nach uns. Manche Leute lassen sich nur mithilfe der Polizei ins Krankenhaus bringen.

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Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Anfangs war es mir oft unangenehm, in die Privatsphäre von fremden Menschen einzudringen. Man gerät häufig in private Situationen, platzt mit verdreckten Stiefeln in Schlafzimmer oder auf Familienfeiern. Wenn einige Menschen dann im Nachthemd vor einem sitzen und über häusliche Gewalt berichten, geht einem das sehr nahe. Über einige Fälle grüble ich auch noch nach Dienstschluss.

Was bei Einsätzen wirklich nervt, sind Besserwisser, die uns Tipps über die Schulter zurufen, weil sie mal 'Emergency Room' oder 'Grey's Anatonomy' gesehen haben. Anstrengend sind auch Betrunkene auf Volksfesten, da muss man selbst laut werden und zurück brüllen. Ganz verurteilen kann ich die Gaffer aber nicht: In manchen Situationen fällt es einfach schwer, wegzugucken. Das merke ich an mir selbst - so wie damals bei der Leiche des Motorradfahrers.

Eine erfolgreiche Reanimation in vier Jahren

Inzwischen ist mir der Tod unzählige Male begegnet. Die Wahrscheinlichkeit, einen Menschen in Not erfolgreich zu reanimieren, ist ernüchternd. Tatsächlich habe ich erst eine komplett erfolgreiche Reanimation erlebt. Das bedeutet, dass der Patient das anschließende Koma überlebt und keine bleibenden Schäden davonträgt. Das passiert gerade mal in einem von 800 Fällen, und war eine echte Sonnenstunde.

So makaber es klingt: Mittlerweile habe ich mich sogar an die Sterbefälle gewöhnt - das fahle Gesicht, die blauen Lippen, die geöffneten Augen. Man zieht eine Decke über den Kopf, bekundet den Angehörigen sein Beileid und stellt den Totenschein aus. Übel oder bange wird mir schon lange nicht mehr.

Mit der Zeit stumpft man regelrecht ab. Wenn wir nach unserer Ankunft feststellen, dass der Patient seit mehr als zehn Minuten nicht mehr atmet und sein Herz aufgehört hat zu schlagen, ist die Überlebenschance quasi null, das menschliche Gehirn ist bereits irreparabel beschädigt. Natürlich geben wir auch in so einem Fall alles, aber manchmal mit dem Hintergedanken, dass es eigentlich nichts mehr bringt.

Ich bin jetzt 22 Jahre alt. So lange ich mich fit fühle, möchte ich im Rettungsdienst arbeiten. Allerdings habe ich mich schon gefragt, ob sich der Job mit einem späteren Familienleben vereinbaren ließe. Viele Kollegen mit Kindern fahren ihre Stunden runter oder hören irgendwann auf. Und gerade zu riskanten Einsätzen, zum Beispiel auf der Autobahn, würde ich wohl schon mit einem anderen Gefühl fahren, wenn zu Hause noch jemand auf mich warten würde."

Kindernotaufnahme: "Seid froh, wenn ihr warten dürft"
Foto: YinYang/ Getty Images

Ein Junge hat eine Zecke, ein anderer schlürft Limonade. Daneben aufgebrachte Eltern, die nicht warten wollen. Woher sollen sie auch wissen, dass nebenan ein Kind stirbt?

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