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Arbeitsgericht Bochum Rewe-Markt muss Praktikantin 17.000 Euro nachzahlen

Monatelang arbeitete eine 19-Jährige in einem Bochumer Rewe-Markt als Praktikantin. Monat für Monat unbezahlt. Sie verklagte den Laden - und bekommt nun rückwirkend die Arbeitsstunden bezahlt. Ihr Anwalt erklärt, wie man sich gegen Ausbeutung wehren kann.
Urteil des Arbeitsgerichts: Monatelang unbezahlt Regale einräumen geht nicht

Urteil des Arbeitsgerichts: Monatelang unbezahlt Regale einräumen geht nicht

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Mit der Hoffnung auf eine Lehrstelle machte eine 19-Jährige ein unbezahltes Schnupperpraktikum im Rewe-Supermarkt. Und noch eines. Und noch eines. Nach Monaten des kostenlosen Jobbens verklagte sie ihren Arbeitgeber auf den entgangenen Lohn. Und bekam nun vor dem Arbeitsgericht Bochum 17.281,50 Euro zugesprochen (Az: 2 Ca 1482/13).

"Meine Mandantin hat über acht Monate unentgeltlich gearbeitet, insgesamt 1728 Stunden - in einem ganz normalen Supermarkt-Job. Sie räumte Regale ein, saß an der Kasse, sortierte im Lager. Allein im Mai letzten Jahres arbeitete sie 247 Stunden", so Martin Ackermann, Anwalt der Klägerin.

Die Ausbeutung hatte System: Wurde Kerstin V.* im Oktober 2012 mit einem einmonatigen Schnupperpraktikum angestellt, verlängerte der Supermarkt dieses mehrfach um einen Monat, immer ohne Bezahlung - und immer mit dem Köder der Lehrstelle. Nach gut vier Monaten, am 6.3.2013, schlossen Kerstin V. und die Bochumer Rewe-Filiale einen Ausbildungsvertrag: Gültig ab 1.9.2013. Bis dahin sollte sie weiter unentgeltlich arbeiten.

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Im Juli 2013 reichte es der Dauerpraktikantin - und sie suchte sich Hilfe beim Anwalt. Obwohl sie wusste, dass dies wohl das Aus für die künftige Lehrstelle bedeuten würde. Sie war an einem Punkt, wo sie die Ausbeutung nicht länger ertragen wollte und sich in diesem Betrieb auch nicht mehr als Auszubildende sehen konnte, sagt sie heute.

"Bei diesem Praktikum stand keineswegs der Ausbildungszweck im Vordergrund, wie bei einem Praktikum üblich", so Anwalt Ackermann. "Der Arbeitgeber wollte eine reguläre Arbeitsleistung, um Arbeitskosten zu sparen. Somit war der Vertrag sittenwidrig." Der Anwalt orientierte sich in seiner Klage an den branchenüblichen Stundensätzen und forderte zehn Euro pro Stunde für die geleistete Arbeit.

Diese, plus Zinsen, sprach das Gericht der jungen Frau zu. Einen vom Gericht vorgeschlagenen Vergleich in Höhe von 13.000 Euro hatte der Supermarktbetreiber vorher als überzogen abgelehnt.

Genaue Dokumentation entscheidend für Erfolg

Kerstin V.s Vorteil war, dass sie Buch geführt hatte über ihre Dienstzeiten. Nur mit präzisen Angaben ist es möglich, Klage einzureichen. Bei einer Abgrenzung zwischen Praktikum und Job geht es vor allem um die Frage, ob jemand eine vollwertige Arbeitsleistung erbracht hat - was für einen Job spricht. Oder ob er betreut und angeleitet wurde und es jemanden gab, der sich um ihn gekümmert hat - typisch im Praktikum.

Im Bochumer Rewe-Markt soll es noch weitere Praktikanten geben, die unentgeltlich reguläre Arbeit leisten, von vier unter zwölf Mitarbeitern ist die Rede. Keine unübliche Praxis, so Anwalt Ackermann: "Man hat den Eindruck, manche Betriebe laufen nur so." Ob es zu weiteren Klagen kommen wird, ist offen: Die anderen Praktikanten hatten nicht so genau Buch geführt über ihre Arbeitszeiten wie die Klägerin - was die Beweisführung wesentlich schwerer macht.

* Name geändert

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