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Bestsellerautor Dobelli über kluge Entscheidungen »Mit Intuition liegt man zu 50 Prozent falsch«

Auf das eigene Bauchgefühl hören? Völliger Quatsch, findet Bestsellerautor Rolf Dobelli – da könne man genauso gut einen Affen fragen. Wie man wirklich gute Entscheidungen trifft, verrät er im Interview.
Ein Interview von Astrid Maier
Rolf Dobelli

Rolf Dobelli

Foto: Lumen Photo / VISUM
Zur Person

Der Bestsellerautor Rolf Dobelli, Jahrgang 1966, »Die Kunst des klugen Handelns«, studierte Philosophie und BWL; er arbeitete danach als Finanzchef und Geschäftsführer verschiedener Tochtergesellschaften der Swissair. Aus seiner Firma getAbstract, einem Verlag für Buchzusammenfassungen, zog er sich vor zehn Jahren zurück, um selbst Bücher zu schreiben. Zuletzt erschienen: »Die Kunst des digitalen Lebens. Wie Sie auf News verzichten und die Informationsflut meistern.«

Frage: Sie haben Bestseller wie »Die Kunst des guten Lebens« und »Die Kunst des klugen Handelns« geschrieben. Halten Sie sich bei wichtigen Entscheidungen an Ihre eigenen Ratschläge?

Dobelli: Ich versuche es, aber es gelingt natürlich nicht. Die Denkfehler, die ich in meinen Büchern beschreibe, sind fest verdrahtet in unserem Hirn. Die kommen aus unserer Evolutionsgeschichte und sind 60.000, 70.000 Jahre alt. Daher versuche ich, wichtige Entscheidungen sehr rational zu treffen und eine Checkliste durchzugehen, um Denkfallen zu erkennen und zu vermeiden.

Frage: Was sind Ihre drei häufigsten Denkfehler?

Dobelli: Der Vater aller Denkfehler ist der confirmation bias: Er beschreibt, dass wir hauptsächlich Informationen aufnehmen, die zu dem passen, was wir sowieso schon denken. Evidenzen, die nicht zu unserer Denkstruktur passen, filtert das Hirn automatisch heraus. Deshalb ist es wichtig, gegen die eigenen Lieblingstheorien anzukämpfen. Das ergibt ein klareres Bild von der Welt.

Podcast Cover
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Frage: Wo laufen wir außerdem noch in Denkfallen?

Dobelli: Wenn wir viel Zeit in etwas investieren zum Beispiel. Dann schreiben wir einer Sache automatisch mehr Wert zu. Das nennt sich effort justification. Wir berechnen den Aufwand mit ein. Der survivorship bias trifft uns, wenn wir andere Menschen anschauen und denken: Die müssen alles richtig gemacht haben. Dabei ist Erfolg immer eine Mischung zwischen Skills und Zufall. Die Zufallskomponente blenden wir jedoch meist aus. Manche Gründer scheitern, obwohl sie gut sind, andere sind schlechter und schaffen es.

Frage: Viele Menschen hat die Pandemie aufgerüttelt, sie überlegen ihren Job zu wechseln, ein Sabbatical zu wagen oder Ihre Partner zu verlassen. Sollten wir nach einer so aufwühlenden Zeit überhaupt große Entscheidungen treffen?

»Wer ständig in sich reinhorcht, hört Hunderte verschiedene Stimmen, die sich ständig widersprechen.«

Rolf Dobelli

Dobelli: Die Pandemie ändert nichts. Wenn es um Lebens- und Karriereentscheidungen geht, lohnt es sich immer, klar zu denken. Und das bedeutet nicht, in sich reinzuhören. Es gibt nicht diese eine goldene Stimme irgendwo im Kopf, die einem genau sagt, was man tun soll. Wer ständig in sich reinhorcht, hört Hunderte verschiedene Stimmen, die sich ständig widersprechen. Diese Stimmen sind abhängig davon, was du geträumt hast, wen du getroffen hast, was du gegessen hast. Die Wünsche oder Träume fürs eigene Leben kommen und gehen, sie verändern sich.

Frage: Aber wie finde ich dann zu meiner Entscheidung und einer Karriere, die zu mir passt?

Dobelli: Man muss sich darauf fokussieren, Dinge zu tun, die man überdurchschnittlich gut kann. Ich bin überzeugt, dann kommen auch Erfolg und Freude an der Arbeit. Seinen purpose findet man nicht heraus, indem man permanent in sich hineinlauscht, sondern indem man sein Leben möglichst objektiv anschaut. Vielleicht sogar mit einem externen Beobachter, einem Freund, einer Freundin, einem Coach.

Frage: Get out of your comfort zone, diesen Rat haben wir in der vergangenen Jahren oft gehört. Nur wer Herausforderungen annehme, könne auch wachsen. Es klingt, als seien Sie da ganz anderer Meinung.

Dobelli: Warum soll ich mich ständig aus der Komfortzone heraushieven? Das macht doch keinen Sinn. Wenn man einmal seinen Kompetenzkreis gefunden und definiert hat, sollte man nur noch in diesem Bereich arbeiten – und dabei immer besser werden. Es ist nicht so wahnsinnig wichtig, wie groß dieser Kreis ist. Es ist wichtiger, die ungefähre Grenze dieses Kreises zu kennen und sich in diese Richtung vorzuarbeiten.

»Ich bin aus meiner Konzernkarriere ausgestiegen, weil ich keinen Chef ertragen konnte.«

Rolf Dobelli

Frage: Sie haben sich mehrfach neu erfunden. Sie waren Finanzchef und Geschäftsführer verschiedener Tochtergesellschaften der Swissair. Danach gründeten Sie getAbstract, das Start-up für Buchzusammenfassungen. Jetzt schreiben Sie Bücher. Und Sie sagen, Sie sind in Ihrer Komfortzone geblieben?

Dobelli: Ich bin aus meiner Konzernkarriere ausgestiegen, weil ich keinen Chef ertragen konnte. Man könnte jetzt analysieren, was da im Kopf los ist. Aber ich musste mein eigener Chef sein. Seitdem ich mich selbstständig gemacht habe, gibt es einen roten Faden, der alles verbindet: Das Komprimieren von Wissen, das habe ich mit getAbstract getan, das tue ich in meinen Büchern. In diesem Bereich möchte ich wirklich der Beste der Welt sein. Das ist mein Anspruch und Kompetenzkreis.

Frage: Aber was ist mit dem berühmten Bauchgefühl?

Dobelli: Mit Intuition liegt man zu 50 Prozent richtig und zu 50 Prozent falsch. Da kann man auch einen Affen befragen. Aufs Bauchgefühl würde ich mich nicht verlassen, außer in Fällen, wo du wieder in deinem Kompetenzkreis bist und viele Dinge gar nicht mehr durchdenken musst. Wenn es dagegen um grundlegende neue Entscheidungen geht oder um Krisen, sollten wir uns Zeit nehmen, um nachzudenken und die Denkfallen durchzugehen.

Frage: Im Grunde raten Sie, anhand von Daten eine klare Entscheidung zu treffen. Wird uns künstliche Intelligenz künftig dabei helfen, bessere Entscheidungen zu treffen?

Dobelli: Ich denke schon – so unromantisch es klingt. KI denkt nun mal objektiver, ohne Wünsche, ohne Emotionen. Ich glaube daher, die Qualität von Entscheidungen wird steigen durch künstliche Intelligenz – auch im Privatleben.

Dieses Interview können Sie in voller Länge hören: Im Führungspodcast »Team A« sprechen die Chefredakteurinnen Antonia Götsch (Harvard Business manager) und Astrid Maier (Xing News) alle zwei Wochen mit ihren Gästen über Führung, Strategie und Management. (Die aktuelle Folge mit Rolf Dobelli finden Sie oben auf dieser Seite.)

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

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