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Job & Karriere

Rückkehr nach der Elternzeit »Meine Kollegen sprechen mich nur noch als Mutter an«

Manchmal sind nur der Schreibtischstuhl oder die Stiftbox weg – in anderen Fällen der Leitungsposten. Die Rückkehr nach der Elternzeit kann wunderbar sein, aber auch grausam. Berufstätige Mütter erzählen.
Mutter mit Kleinkind

Mutter mit Kleinkind

Foto: d3sign / Moment RF / Getty Images

Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin kommt aus der Elternzeit zurück. Überraschend wird der Posten ihres langjährigen Chefs frei. Sie bewirbt sich und kriegt eine Absage. Den Zuschlag bekommt ausgerechnet ihre Elternzeitvertretung; ein junger Kollege mit wenig Berufserfahrung. Sie ist fassungslos. 

Solche und ähnliche Geschichten erreichen uns in der Redaktion immer wieder – als Leserbriefe, aus dem Freundes- und Bekanntenkreis. Sind das bedauerliche Einzelfälle oder steckt mehr dahinter?  

Wie schwer die Jobsuche mit Kleinkind ist, dazu ist schon viel geforscht worden. Aber wie ergeht es Frauen, die einen unbefristeten Arbeitsvertrag haben und nach der Elternzeit wie geplant zurückkommen: Wie erleben sie ihre Rückkehr? Hat sich ihr Aufgabenfeld verändert? Sind sie glücklich in ihren neuen alten Jobs? 

Erstaunlicherweise scheint dieses Thema in der Wissenschaft ein blinder Fleck zu sein. Der SPIEGEL hat vergeblich nach repräsentativen Umfragen unter Rückkehrern aus der Elternzeit gesucht. Eine interessante Fragestellung sei das, aber leider habe man keine Daten dazu, hieß es immer wieder. 

Psychologin Martina Lackner und drei Kolleginnen haben sich dem Thema mit einer qualitativen Studie genähert . Ihre Kernfrage: Warum schaffen es so wenige Frauen an die Spitze von Unternehmen? Sie interviewten 30 Frauen im Alter zwischen 25 und 55 Jahren, knapp die Hälfte von ihnen Mütter, bis auf eine hatten alle einen akademischen Abschluss. »Es sind Frauen, die noch Karriere machen wollen, auf dem Weg nach oben sind oder schon höchste Ehren erlangt haben«, wie Lackner es formuliert. »Wir wollten ausschließlich Frauen mit hohem Karrierebewusstsein und entsprechendem Ehrgeiz interviewen, um wirklich zu erfahren, was ihr berufliches Fortkommen befeuert oder auch verhindert.« 

1,5 bis zwei Stunden dauerten die Gespräche, bei denen immer zwei der vier Forscherinnen anwesend waren, um auch Nichtgesagtes, Andeutungen, Umschreibungen und emotionale Zeichen der Frauen zu erfassen.  

Das Fazit von Martina Lackner nach den 30 Interviews: »Unsere Arbeitswelt ist durchdrungen von subtil wirkender Angst«. Denn fast alle Frauen hatten Szenen miterlebt, in denen Frauen, und zwar vor allem Mütter, diskriminiert wurden. Die Spanne der Erfahrungen reicht dabei von unpassenden Bemerkungen über das Abklemmen wichtiger Projekte bis zur Versetzung auf unbedeutende Posten im Unternehmen.  

»Frauen werden verbal und nonverbal so lange unterminiert, weichgespült und manipuliert, bis sie aufgeben, in die Verweigerung gehen oder auf Führungspositionen verzichten«, sagt Lackner. Ihre bittere Erkenntnis: »Der Widerstand der Frauen, in Führung zu gehen und Toppositionen anzustreben, ist die Antwort auf den Widerstand eines gewalttätigen Systems.« 

Ihre Studie erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität. Interessant sind die Geschichten der Befragten aber allemal, wir haben sie um Zitate aus dem Bekanntenkreis ergänzt.

Die Rückkehr nach der Elternzeit kann schrecklich sein, aber auch wunderbar. Lesen Sie selbst.

Lena G. arbeitet als Pressesprecherin in einer Strategieberatung:  

»Meine Erlebnisse in und nach der Elternzeit waren sehr positiv. Meine Auszeit war vorher gut geplant, und ich habe den Anschluss nicht verloren. Meine Chefin und mein Arbeitgeber haben mich unterstützt. Gefühlt war die Freude groß, als ich zurückkam. Was mich anfangs eher irritiert hat, waren die Fragen mancher Kollegen, was ich denn jetzt mit meinem Kind mache. Große Anerkennung habe ich dafür wahrgenommen, dass mein Mann den zweiten Teil der Elternzeit übernimmt.«

Martina D. arbeitet als Produktmanagerin bei einem Unternehmen im Rheinland:

»Nach meiner ersten Elternzeit bin ich mit einer halben Stelle zurückgekommen. Ich arbeitete kaum noch in Projekten, die nah am Kunden waren, und war nicht mehr die Hauptansprechpartnerin. Ein Dreivierteljahr später war ich wieder schwanger. Diesmal kam ich mit 75 Prozent zurück, bekam eine neue Position und von meinem Chef sogar Prokura. Wenn man seine berufliche Rolle so gestaltet, dass sie zur Lebenssituation passt, dann ist auch nach einer Elternzeit im Job unglaublich viel möglich.«

Monika K. ist in einem Medienhaus tätig:

»In meiner Elternzeit hatte es keine Vertretung für mich gegeben. Als ich wiederkam, begrüßten Chef und Kollegen mich unisono mit den Worten ›Gott sei Dank, dass du wieder da bist, wir ersticken hier in Arbeit‹. Nach einem Monat war ich schon wieder total erschöpft und durchgearbeitet.«

Helena D. ist Redakteurin:

»Ich hatte mich auf den ersten Arbeitstag nach der Elternzeit gefreut und fühlte mich gut vorbereitet: Mit meiner neuen Chefin hatte ich meine neuen Aufgaben besprochen und wo ich nun sitzen würde. Aber als ich ins Büro kam, stand ich vor einem leeren Tisch. Kein Rechner, keine Monitore, nichts. Und mein Laptop, den ich vor meiner Elternzeit, wie damals gewünscht, in einem Schrank eingeschlossen hatte, war unauffindbar. Als dann der gerufene Techniker fragte, ob ich denn überhaupt schon mal einen Firmen-Laptop besessen hätte, wäre ich am liebsten wieder nach Hause gegangen.« 

Julia S. ist Lehrerin an einer Mittelschule in Bayern:

»Vor meiner Elternzeit hatte ich eine Klassenleitung. Die hatte zwischenzeitlich natürlich jemand anderes übernommen, außerdem wollte ich erst mal nur mit 50 Prozent zurückkehren, das wäre mit einer Klassenleitung schwer vereinbar gewesen. Also schlug mein Direktor vor, erst mal als Springerin zu arbeiten – immer, wenn jemand krank wurde aus dem Kollegium, sollte ich in dessen Klasse einspringen. Erst fand ich dieses Angebot unattraktiv und fühlte mich degradiert, inzwischen macht es mir richtig Spaß: Die Kollegen sind total dankbar, wenn ich ihre Stunden übernehme, und die Kinder sind meist ganz entspannt, weil wir auch mal einen Film gucken und ich in der Regel ja kaum Hausaufgaben gebe. Ich lebe von Tag zu Tag, bin gut im Improvisieren. Und für mich ist es auch viel entspannter, weil ich über die Unterrichtsstunden hinaus kaum Mehrarbeit habe: keine Elternabende, keine Klassenfahrten, keine Konferenzen.«    

Zitate aus Lackners Studie:

Susanne T. ist Leiterin einer Personalabteilung in einem Konzern:  

»Als ich zu meinem Chef ging, um ihm mitzuteilen, dass ich schwanger bin, war sein erster Kommentar: Oh, ich hatte gehofft, sie hätten sich nur unglücklich angezogen.« 

Lisa R. arbeitet im Marketing: 

»Eine meiner Kolleginnen ist zweifache Mutter. Während der Arbeitszeit rief eine Erzieherin aus der Kita an: Ihre Tochter war krank und musste abgeholt werden. Nachdem sie weg war, kam unser Chef herein und sagte zu mir, er verstehe nicht, wie man als Mutter überhaupt arbeiten könne. Seine Frau kümmere sich zu Hause um die Kinder. Wörtlich sagte er: ›Alles andere würde ich auch nicht dulden.‹« 

Margarete S. arbeitet im Marketing:

»Als meine Kollegin aus der Elternzeit zurückkam, wurde ihr ein Schreibtisch in der hintersten Ecke unseres Büros zugeteilt. An ihrem alten Platz saß mittlerweile ein neuer Kollege. Und tatsächlich hatte ich das Gefühl, dass sie wirklich in die Ecke geschoben wird. Plötzlich war zum Beispiel ihre E-Mail-Adresse aus einem wichtigen Mailverteiler verschwunden. Offenbar sollte sie wichtige Entscheidungen gar nicht mehr mitkriegen. Mich hat das schockiert.« 

Swantje U. ist Leiterin einer Personalabteilung:

»Drei Monate nach der Geburt meiner Tochter kam ich Vollzeit zurück ins Büro. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer: Ich liebe meinen Job und wusste, dass sich mein Mann und meine Mutter bestens um die Kleine kümmern. Womit ich nicht gerechnet hatte, war die Ablehnung, die mir ausgerechnet von anderen Frauen entgegenschlug. Kolleginnen und sogar Freundinnen fanden, ich sei eine Rabenmutter. ›Das arme Kind‹, hieß es ständig. ›Also, ich könnte das ja nicht.‹ Das hat mich zermürbt, und letztlich auch Freundschaften gekostet.« 

Elisabeth S. arbeitet bei einem Personaldienstleister: 

»Von uns wird erwartet, dass wir zu allen frisch gebackenen Müttern Kontakt halten. Das sieht auf den ersten Blick fürsorglich aus, ist es aber gar nicht. Denn unserem Chef geht es vor allem darum, dass wir auf die Frauen einreden, dass sie nur in Teilzeit zurückkommen. Er hat Angst, dass sie sonst einfach zu oft fehlen und nicht die volle Leistung bringen. Tatsächlich funktioniert die Masche: Wenn man nur oft genug fragt, ob sie sich denn wirklich einen Vollzeitjob mit Kleinkind zutrauen, knicken die meisten irgendwann ein.«

Luisa T. arbeitet bei einem Personaldienstleister: 

»Nach der Geburt meines zweiten Kindes hatte ich eigentlich vor, wieder 30 bis 40 Wochenstunden zu arbeiten. Aber mein Chef gab mir durch die Blume zu verstehen, dass das nicht in seinem Sinn ist. Eine Weiterbildung, die ich unbedingt machen wollte, wurde abgelehnt. Wichtige Mails kamen nicht mehr bei mir an, in Meetings wurde ich weitgehend ignoriert. Ich habe meine Arbeitszeit jetzt auf zwölf Stunden reduziert. Das ist absolut irre, wenn man bedenkt, was für eine qualifizierte Ausbildung ich habe.« 

Carola M. ist Leiterin einer Marketingabteilung: 

»Als ich meinem Chef mitgeteilt habe, dass ich noch ein Kind erwarte, ist sein Gesicht erstarrt. Er schien völlig perplex, damit hatte er wohl nicht gerechnet, und ich konnte förmlich sehen, wie er mich innerlich vom Tableau der Führungsriege und als Kandidatin für seine Nachfolge gestrichen hat.«  

Hilde O. hat eine Führungsposition in einem Transportunternehmen: 

»Mir wurde gesagt, es hätten sich Kollegen über mich beschwert, dass ich nach 18 Uhr nicht mehr zu erreichen sei. Das ist völliger Blödsinn; mein Mann holt die Kinder nachmittags ab, und ich bin immer sehr lang im Büro. In Wahrheit ging es darum, mich loszuwerden – und als mehrfache Mutter liegt so ein Vorwurf wohl nahe.« 

Magdalena Z. arbeitet bei einem mittelständischen Maschinenbauer: 

»Seit ich ein Kind geboren habe, sprechen mich meine Kollegen nur noch als Mutter an. Ständig werde ich nach meinem Befinden und dem des Kindes gefragt – und nicht mehr nach dem Stand der Arbeit, wie das bei allen anderen der Fall ist.«