In Kooperation mit

Job & Karriere

Fotostrecke

Testflug mit "Tante Ju": Die Faszination des Alten

Foto: Bernd Wüstneck/ dpa

Piloten der "Tante Ju" Tuckern über den Wolken

Zurück zu Propeller und Handschwengel: Für Piloten kann das ein Sprung auf der Karriereleiter sein. Auf eine Lizenz für die 76 Jahre alte "Tante Ju" bewerben sich 170 Flugkapitäne. Wer den Test schafft, darf sich in ein enges Cockpit quetschen und mit einem Lenkrad aus Holz steuern.

Zu dritt kauern sie im Cockpit vor zwei hölzernen Lenkrädern: Pilot, Co-Pilot und Bordingenieur. Benno Herrmann, 49, fliegt normalerweise einen Airbus 320. Tauschen möchte er an diesem Tag aber nicht. Er ist einer von 25 Piloten, die eine Lizenz zum Fliegen der 1936 gebauten Junkers 52 haben. Ein begehrter Job: Auf eine Stelle als "Tante-Ju"-Pilot bewerben sich 170 Flugkapitäne.

Die alte Maschine gehört zur Oldtimer-Flotte der Lufthansa und startet jedes Jahr zu etwa 600 Trainings-, Foto- und Rundflügen in Deutschland, viele Termine sind schon Wochen zuvor ausgebucht. Mehr als 200.000 Touristen sind im letzten Vierteljahrhundert mit "Tante Ju" geflogen.

Die 25 zugelassenen Piloten müssen jedes Jahr ihre Lizenz für die dreimotorige Verkehrsmaschine erneuern. Mehr als eine Stunde lang üben sie mit ihrer Crew, allesamt erfahrene Flieger, diverse Manöver, vom Durchstarten nach der Landung bis zum simulierten Motorenausfall.

Treibstoff pumpen mit Handschwengel

Über Funk gibt der Tower des kleinen mecklenburgischen Flugplatzes Lärz die Erlaubnis zum ersten Testflug von "Tante Ju" in dieser Saison. Pilot Benno Herrmann drückt auf den Starter und lässt die drei 3,33 Meter großen Propeller nacheinander durchlaufen. Mit einem Handschwengel wird Treibstoff in die 660 PS-Motoren gepumpt, erst dann zünden sie. Flugingenieur Miguel Bollinger erhöht die Drehzahl; es dauert einige Minuten, bis die Maschine auf Betriebstemperatur ist. Dann rollt sie auf die Startbahn, Herrmann gibt Vollgas, und nach 400 Metern hebt "Tante Ju" zum Flug nach Neubrandenburg ab.

Größere Sicherheitsprobleme habe es bislang nicht gegeben, sagt Gorg Kohne, Flugbetriebsleiter von der Deutsche Lufthansa Berlin-Stiftung. "Unregelmäßigkeiten erkennen wir fast immer schon am Boden." Ein fünfköpfiges Technikerteam checkt die Maschine täglich. Und jeden Winter wird "Tante Ju" in Hamburg fast komplett auseinandergenommen, damit jedes Teil mit Spezialtechnik untersucht und, wenn nötig, ausgetauscht werden kann.

Museumsreif sei die "Tante Ju" nur auf den ersten Blick, sagen die Piloten. In ihrem Innern verbirgt sich längst moderne Navigations- und Kommunikationstechnik, die zum Beispiel auch den Instrumentenflug ermöglicht. Ein neues Gerät soll sogar Segelflugzeuge erfassen und rechtzeitig vor drohenden Kollisionen warnen.

Geflogen wird bis zum 100. Geburtstag

Die Junkers 52 war seinerzeit das erfolgreichste Verkehrsflugzeug. Sie wird bis zu 250 Stundenkilometer schnell und kann bis zu vier Stunden und 20 Minuten nonstop in der Luft sein. Die Rundflüge dauern in der Regel aber nur zwischen 15 und 100 Minuten - und kosten so viel wie ein Linienflug: Einen einstündigen Rundflug über Berlin gibt es für 372 Euro.

Insgesamt wurden etwa 4800 Maschinen dieses Typs gebaut, sie flogen für 30 Fluggesellschaften in 25 Ländern. Derzeit gibt es weltweit nur noch acht flugfähige Maschinen.

Wer die "Tante Ju"-Lizenz bekommt, darf den Flieger bis zum Alter von 65 Jahren steuern. Die Maschine selbst muss länger auf ihren Ruhestand warten: Der fliegende Oldtimer wurde letztes Jahr 75 und soll voraussichtlich noch bis zum 100. Geburtstag in die Luft gehen.

Benno Herrmann hofft, dass er in diesem Jahr wieder möglichst viele Traditionsflüge übernehmen darf. Schon sein Vater ist die "Tante Ju" begeistert geflogen. Zunächst aber startet der Lufthansa-Pilot mal wieder mit dem Airbus zum Linienflug nach Lissabon.

Ralph Sommer, dapd/vet
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.