In Kooperation mit

Job & Karriere

Carmen Michaelis

Tipps von der Karriereberaterin Schadet es mir, eine Beförderung abzulehnen?

Carmen Michaelis
Ein Gastbeitrag von Carmen Michaelis
Ein Gastbeitrag von Carmen Michaelis
Seine Chefin will Niklas zum Gruppenleiter machen – aber der fühlt sich noch nicht so weit. Kann er das Angebot ablehnen, oder wäre das das Karriereende?
Funktion als Leiter: Nicht für jeden zu jedem Zeitpunkt das Richtige

Funktion als Leiter: Nicht für jeden zu jedem Zeitpunkt das Richtige

Foto: Matthieu Spohn / Getty Images

Niklas, 29 Jahre, fragt: »Meine Chefin hat mir die Funktion eines Gruppenleiters angeboten. Perspektivisch möchte ich gerne eine Führungsfunktion übernehmen. Zurzeit fühle ich mich aber noch nicht so weit. Kann ich das Angebot ablehnen und wenn, wie mache ich das, ohne dass es mir schadet?«

Zur Autorin

Carmen Michaelis war zehn Jahre Führungskraft in einem Unternehmen, zuletzt stellvertretende Geschäftsführerin. Seit 2004 arbeitet sie selbstständig als Coach, Trainerin und Moderatorin für Unternehmen. E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de schreiben   Stichwort Carmen Michaelis 

Lieber Niklas,

zunächst möchte ich Ihnen Respekt zollen, dass Sie nicht der Versuchung erlegen sind, gleich blind zuzugreifen. Natürlich tut es gut, wenn Ihre Chefin es Ihnen zutraut. Und Statusgewinn nebst Eitelkeit haben schon manchen verführt, so ein Angebot anzunehmen, ohne zu prüfen, ob es wirklich passt.

Ja, lieber Niklas, Sie können das Angebot ablehnen. Sie benötigen dafür eine nachvollziehbare Begründung und einen Vorschlag, was Sie brauchen, um so weit zu sein – und was Sie tun werden, um dorthin zu gelangen. Doch nehmen Sie sich die Zeit und gehen Sie zunächst einen Schritt zurück, bevor Sie absagen.

Vollziehen Sie Ihre Entscheidung noch einmal bewusst und schriftlich nach. So sind Sie gleich auch inhaltlich sowie mit einer klaren Haltung optimal auf das Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten vorbereitet. Gleichzeitig ermöglicht Ihnen die Auseinandersetzung mit der Entscheidung die Chance, weitere Optionen zu entdecken, etwa

  • die Teamleitung im Tandem,

  • ein verlängertes Onboarding auf der Position mit einer integrierten Qualifizierung,

  • ein begleitendes Coaching,

  • die Übernahme einer Projektleitung zur Erprobung.

Es kann einen Weg zwischen Ab- oder Zusage geben, den Sie bisher nicht sehen konnten.

Diese drei Ansätze können helfen, sich zu klären und Ihre Begründung zu schärfen:

Prüfen Sie Ihre Entscheidung

Gehen Sie zunächst jeweils für die Optionen »Absagen« und »Zusagen« diese fünf Fragen durch und notieren Sie sich Ihre Antworten:

  1. Was ist das Schlimmste, das passieren könnte?

  2. Was könnte ich tun, um zu verhindern, dass das Schlimmste eintritt?

  3. Wie wahrscheinlich ist es dennoch, dass das Schlimmste eintritt?

  4. Was könnte ich tun, selbst wenn das Schlimmste einträfe?

  5. Welche Bedeutung hätte es für mich und mein weiteres Leben, wenn das Schlimmste einträte?

Nutzen Sie Ihre Antworten zur konkreten Vorbereitung Ihres Gesprächs.

Prüfen Sie Ihre Motivation

Konkretisieren Sie für sich:

  • Was heißt es für mich, »noch nicht so weit« zu sein?

  • Wann und unter welchen Umständen und Rahmenbedingungen
    wäre ich bereit?

  • Finden Sie für sich heraus, was Sie brauchen, um motiviert arbeiten zu können. Dazu können Sie die sogenannten »Moving Motivators«  nutzen.

Gleichen Sie das Anforderungsprofil ab

Ermitteln Sie für sich:

  • Was macht für mich eine gute Führungskraft aus? Nutzen Sie zur Beantwortung das Jobprofil und Fachliteratur wie »Der bewusste Leader« von Nicholas Pesch oder Fredmund Malik: »Führen, Leisten, Leben«.

  • Auch ein Persönlichkeitstest kann Ihnen Anhaltspunkte liefern, wo Ihre Lernfelder sind. Vielleicht bietet die Personalabteilung so etwas an, oder Sie wenden sich an entsprechende Anbieter.

Notieren Sie dann:

  • Was bringe ich dafür schon mit?

  • Was fehlt mir noch?

  • Wie kann ich die fehlenden Fähigkeiten erwerben?

Das Gespräch mit der Chefin

  • Machen Sie deutlich, dass Sie das Angebot wertschätzen und es für Sie eine wünschenswerte Perspektive ist, eine Führungsaufgabe zu übernehmen.

  • Teilen Sie Ihrer Chefin Ihre Bedenken mit.

  • Zeigen Sie auf, was Ihnen noch fehlt (Erfahrung, Know-how…).

  • Machen Sie einen Vorschlag, wie Sie die fehlende Kompetenz erwerben können (Coaching, Fortbildung, Mentoring…).

  • Und vor allem: Klären Sie für sich, wie final Ihre Entscheidung ist. Entsprechend ist Ihre Gesprächseröffnung geschlossen oder offener formuliert.

Mögliche Formulierung für eine offenere Gesprächseröffnung:

»Vielen Dank, dass Sie mir diese Stelle anbieten und mir diese Rolle zutrauen. Für mich ist die Übernahme einer Führungsfunktion ein nächster großer Schritt, den ich gut vorbereiten möchte. Wenn ich jetzt ins kalte Wasser springe, habe ich Sorge, dass... Ich benötige noch etwas Zeit, um… zu lernen. Ich kann mir gut vorstellen, mir durch Maßnahme… die Kompetenzen anzueignen.«

Stellen Sie sich darauf ein, dass Ihre Chefin verhandelt. Sie möchte Sie für die Funktion und wird Ihre Erklärung vermutlich nicht so einfach durchwinken, sondern eher ausloten, was noch möglich ist.

Formulierung bei einer finalen Entscheidung:

»Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen und das Angebot. Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht und sie sorgfältig geprüft. Ich bin zu der Entscheidung gekommen, dass ich das Angebot derzeit nicht annehmen kann. Ich möchte vorher noch… Ich würde mich sehr freuen, wenn sich dann eine Chance ergäbe, eine Führungsaufgabe zu übernehmen. Ich hoffe, Sie können meine Entscheidung nachvollziehen.«

Lieber Niklas, eine Garantie dafür, dass Ihre Entscheidung keine negativen Folgen hat, gibt es leider nicht. Stellen Sie für sich die innere Stimmigkeit Ihrer Motive in den Vordergrund. Nur, wenn Sie sich bereit fühlen und sich die Aufgabe zutrauen, können Sie andere führen. Ich wünsche Ihnen alles Gute!