Zu Besuch bei einem Schäfer Das Treiben der Lämmer

Er nennt seine Schafe "Banditen" und bezeichnet sich als Dirigenten der Herde: Martin Winz ist seit 50 Jahren Schäfer in Sachsen-Anhalt. Eine Begegnung auf der Weide.

DPA/ Detlef Finger/ BauernZeitung

Martin Winz stützt sich auf seinen hölzernen Stab. Er steht bequem, das knubbelige Ende klemmt in der rechten Achselhöhle, das Schäufelchen vorn steckt halb im Boden. Sein Blick streift über hartes Süßgras und wilde Orchideen. Es regnet. Das Wasser tropft ohne Unterlass von der braunen Hutkrempe auf seine Hände.

"Schafe fressen nicht gern bei Regen", sagt er, ohne den Blick von der hügeligen Landschaft abzuwenden. Von der Herde dringt dennoch das Geräusch des reißenden Trockengrases herüber. Sie zupfen, ziehen, beißen - 420 hungrige Schafe inmitten des Naturparks "Unteres Saaletal" in Sachsen-Anhalt. Es ist zehn Uhr.

Winz ist Schäfermeister. Ein drahtiger Mann, dem seine 66 Lebensjahre nicht anzusehen sind. Er ist ein wacher Geist. Seine Haut wirkt ledern, Falten findet man fast keine. 50 Jahre ist er schon Schäfer - ein halbes Jahrhundert zwischen blökenden Paarhufern, faszinierenden Landschaften und Einsamkeit an der frischen Luft.

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Längst hat er das Rentenalter überschritten, ans Aufhören hat er noch nie gedacht. "An trockenen Tagen bestimme ich, wo es langgeht, bei schlechtem Wetter tun es die Schafe", sagt er. "Sie fressen bei Nässe schon nicht gut, da kann ich sie nicht auch noch von A nach B scheuchen. Aber sonst bin ich der Dirigent in diesem Unternehmen." Er lächelt.

Heute sind die Schafe die Bestimmer. Weil es seit Stunden regnet, haben sie sich für Ruhe und Gelassenheit entschieden. Ihre kurzen, breiten Köpfe halten sie gesenkt, manche schütteln sich wegen des Regens wie nasse Hunde. "Sie fressen, bis der Pansen voll ist. Dann beginnt das Wiederkäuen", sagt der Schäfermeister, der schon viele Wettbewerbe wie das Bundesleistungshüten gewonnen hat.

Stillstand kommt trotzdem nicht infrage. "Wir müssen schon ein bisschen ziehen", sagt Winz. "Überall, wo die gelatscht sind, fressen die nicht mehr." Festgetrampeltes oder mit Kot übersätes Weideland ist nicht gut. Alles immer frisch, lautet die Devise.

Lump und Simpel laufen 90 Kilometer am Tag

Die Hütehunde Lump und Simpel haben die Herde im Blick. Winz dirigiert die zwei Gelbbacken mit einfachen lauten Kommandos wie "Steh!" und "Raus!" oder indem er den Schäferstab hebt. Sie halten die Schafe auf der Fläche, die gerade beweidet werden soll. An den Enden dieses "Planquadrats" rennen die Hunde hin und her. Erschöpfung Fehlanzeige. "Sie machen an einem Tag 80 bis 90 Kilometer", sagt der Schäfermeister.

Zusammen mit seinen Söhnen Christian, 35, und Michael, 33, hat er das Kommando über 1500 Mutterschafe und Zuchtböcke, 50 Ziegen und mehrere Esel. Sie sind Mitarbeiter des Landguts Krosigk nördlich von Halle/Saale, das neben Feldbau und einem Pferdehof auch eine Schäferei betreibt.

Für die Weidegebiete sind die Schafherden wie Landschaftspfleger. Sie erhalten die geschützten Heide-, Trocken- und Halbtrockenrasen mit ihren seltenen Pflanzen und Tieren. Ohne die sanfte Beweidung würden niedrigwüchsige Pflanzenarten schnell von hochwüchsigen Gräsern und Stauden überwachsen und verdrängt. Außerdem wird Zucht betrieben und die Schafwolle verkauft. Der Wollertrag deckt nicht einmal den Schurlohn, sagen die Schäfer.

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Zu DDR-Zeiten habe es in der Region gut 75 Schafherden gegeben, sagt Winz, die je im Wechsel von bis zu drei Schäfern betreut wurden. Heute seien es noch fünf Herden, um die sich ein Schäfer kümmert - drei Herden haben allein Winz und seine Söhne. "Viele hüten nicht mehr, die koppeln nur", sagt der Schäfer. Soll heißen: Die Schafe weiden in einem eingezäunten Bereich. Kein Schäfer, keine Hunde. Die drei Herden von Winz sind von März bis Dezember draußen. Nachts stehen sie in einem Pferch, der jeden Tag neu aufgebaut wird. Tagsüber ziehen sie umher. Wie früher.

Seit Jahren gehen die Zahlen der Berufsschäfer und der Schafe zurück. Im Vergleich zu Rind, Schwein oder Geflügel ist die Schafhaltung nur ein kleiner Zweig der Nutztierhaltung. In Sachsen-Anhalt, dem Heimatland von Winz, hat sich die Zahl der Schafe von 2000 bis 2013 nahezu halbiert, aktuell gibt es dort etwa 74.000, sagt das Statistische Landesamt. Parallel zu dieser Entwicklung trennen sich auch immer mehr landwirtschaftliche Betriebe von der Schafhaltung. "Wir sind Auslaufmodelle", kommentiert Schäfer Winz.

In Sachen Nachwuchsarbeit macht dem Landgut Krosigk und seiner Schäferei aber keiner was vor. Winz' Sohn Christian war 2005 als 26-Jähriger der jüngste Schäfermeister Deutschlands. "Mein Vater hat niemals irgendeinen Zwang auf mich und meinen Bruder ausgeübt", sagt er. "Aber was hätten wir werden sollen? Wir bekamen es in die Wiege gelegt." Heute hat jeder seine eigene Herde an unterschiedlichen Orten. Christian Winz nennt seine Schafe "Mädels", der Vater "Banditen".

18 Uhr. Der Regen hat aufgehört. Martin Winz steht genauso entspannt auf seinen Stab gestützt wie vor acht Stunden - nur an anderer Stelle. Was wünscht sich ein Mann, dem sein Beruf zur Lebensaufgabe geworden ist? "Dass ich hier draußen bei den Schafen irgendwann meine letzte Ruhe finde", sagt er.

Sabrina Gorges,dpa/ant

insgesamt 3 Beiträge
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zandros 03.10.2014
1. Schön
Finde es toll das es noch solche Menschen gibt.
nonomette 03.10.2014
2. Dass das noch gibt!
Vor ein paar Jahren traf ich einen Schäfer in der guten alten Lüneburger Heide- welch eine Ruhe und Klarheit einem da begegnet- wir sollten viel mehr richtige Schafe haben, dann könnte so manch einer nicht nur hüten sondern auch behütet sein.
vhe 05.10.2014
3.
Was verdient man denn so als Schäfer?
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