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Job & Karriere

Ein Scheidungsanwalt erzählt Der Rosenkrieger

Streit, Tränen, Drohbriefe: Bei vielen Trennungen eskaliert die Auseinandersetzung. Im Jobprotokoll berichtet ein Scheidungsanwalt von seiner 70-Stunden-Woche - und von schmutzigen Unterhosen in der Post.
Von Larissa Kikol

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll"erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Eine Scheidung stellt eine hochemotionale Lebensphase dar. In jedem vierten Fall empfehle ich meinen Mandanten eine Gesprächs- oder Verhaltenstherapie. Die besonders Leidtragenden sind aber meistens die Kinder, gerade dann, wenn Eltern nicht mehr bereit sind, sich an einen Tisch zu setzen.

Nach meinem Empfinden wird die Gesellschaft immer egoistischer: Mütter sprechen von 'meinen Kindern', Väter von 'meinem Geld'. Kinder werden traumatisiert, ihre Beziehungsfähigkeit leidet. Ich scheide irgendwann ja auch die nächste Generation, also Kinder von ehemaligen Mandanten, die das Verhalten ihrer Eltern wiederholen. Eine gesunde Trennung dagegen braucht viel Loyalität und Fairness.

Ich arbeite seit 35 Jahren im Familienrecht, in einer Kanzlei in einer Stadt mit etwas mehr als 100.000 Einwohnern in Nordrhein-Westfalen. Schon als Student half ich als Lektor für die 'Zeitung für Familienrecht' aus. Die anderen Gebiete waren mir zu trocken. Als Jurist wollte ich das Leben kennenlernen, mich sozial engagieren und Menschen durch schwierige Zeiten führen.

300 laufende Scheidungen auf dem Schreibtisch

Das Familienrecht ist menschenbezogen, der persönliche Kontakt ist wichtig für mich. Daraus ziehe ich immer wieder meine Motivation. Durchschnittlich habe ich eine 70-Stunden-Woche. Fast jeden Vormittag muss ich zu Gerichtsterminen, nachmittags empfange ich Mandanten. Meistens sind das vier Gespräche à 90 Minuten.

Abends und am Wochenende, auch sonntags, erledige ich den Rest: Briefe an Gegner und Gerichte schreiben und die weitere Aktenarbeit. Jeden Monat kommen 15 bis 20 neue Scheidungen zu den 250 bis 300 laufenden Scheidungsverfahren hinzu. Ich hatte aber auch schon 400 Scheidungsfälle gleichzeitig. Im Monat verdiene ich zwischen 8000 und 15.000 Euro brutto. Für meine eigenen Kinder hatte ich wenig Zeit. Heute bin ich 66 Jahre alt und würde es anders machen, also weniger Geld verdienen und dafür als Vater mehr Zuhause sein.

In der Regel bleiben die Kinder nach der Scheidung bei der Mutter. Es gibt ein gemeinsames Sorgerecht. Das heißt, dass Entscheidungen bezüglich Taufe, Kindergarten, Schulen oder der Krankheitsfürsorge gemeinsam getroffen werden müssen. Den persönlichen Kontakt zwischen Vätern und Kindern regelt dann das Umgangsrecht: Die Wochenenden alle 14 Tage, jeden zweiten Hochfeiertag und die Hälfte der Ferien.

Das ist sozusagen das Minimum. Einigen sich die Eltern auf mehr Besuche, ist das immer erfreulich. Es kommt aber oft vor, dass Mütter dagegenarbeiten. Ich hatte einen Fall, da hat ein Vater seine Frau wegen einer Neuen verlassen. Beide hatten ein gemeinsames Kind. Die Mutter war verletzt und befürchtete, dass die neue Freundin auch eine neue Mutterrolle einnehmen würde.

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Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Daher hat sie die Besuchswochenenden oft damit verhindert, dass sie behauptete, das Kind sei krank und müsse zu Hause bleiben. An ein ärztliche Attests ist sie leicht gekommen, gewisse Ärzte schreiben die schnell aus. Der Vater kann dann dagegen nichts machen, da ein Attest vor Gericht gilt.

Die Urlaube hat die Mutter ebenfalls oft zu verhindern gewusst: Als ihr Kind ihr sorglos und freudig von den Urlaubsplänen 'mit Papa' erzählte, buchte sie schnell einen eigenen Urlaub mit ihrem Kind und kam dem Vater so zuvor. Das Resultat nach einigen Jahren war, dass zwischen Vater und Kind keine stabile Beziehung mehr vorhanden war. Die Mutter hat den Vater für das Verlassen der Ehe abgestraft. Und in Wirklichkeit ihr Kind getroffen.

In einem anderen Fall, auch hier habe ich den Vater vertreten, trennte sich die Mutter wegen eines neuen Mannes. Das Kind litt schon vorher unter einer psychischen Störung und hatte ein enges, für es wichtiges Verhältnis zum Vater. Noch während des Sorgerechtsverfahrens wurde es der Mutter zu langwierig und sie zog mit ihrem Kind und dem neuem Mann von NRW nach Brandenburg.

So wurde sie den Vater, der beruflich nicht einfach umziehen konnte, schnell los. Sie gründete eine neue Familie mit ihrem neuen Mann, in ihrem Idyll störte der biologische Vater. Oft sind es die Mütter, die ihre Kinder zur persönlichen Rache und zum eigenen Vorteil einsetzen. Andersherum ist es aber auch so, dass Frauen öfter meinem Rat zur Therapie folgen als Männer.

Neues Selbstbewusstsein der Väter

In den letzten Jahren habe ich trotzdem auch eine große Wandlung festgestellt. Väter sehen ihre Verantwortung nicht mehr bloß in der finanziellen, sondern auch in der emotionalen Versorgung ihrer Kinder. Sie nehmen häufiger finanzielle Einbußen in Kauf, um für ihre Kinder da zu sein. Dieses neue Vater-Selbstbewusstsein kommt den Kindern zugute und entlastet die Mutter, die sich dadurch auch im Berufsleben stärker verwirklichen kann.

Die Betreuung in der Familie wird dann besser aufgeteilt und nach Scheidungen gibt es zum Beispiel das Wechselmodell. Hier wohnen Kinder eine Woche bei der Mutter und eine Woche beim Vater, vorausgesetzt, die Eltern verstehen sich weiterhin und einigen sich in den Erziehungsfragen.

Einen meiner schlimmsten Fälle erlebte ich vor zehn Jahren. Im Sorgerechtsstreit vertrat ich die Mutter, die verhindern wollte, dass ihr Ex-Mann das gemeinsame Kind sieht. Ihr Grund war die gewalttätige Veranlagung des Vaters. Damit hatte sie vollkommen recht, wie sich herausstellte. Der Vater sprach Morddrohungen gegen sie und ihre Kinder aus, er drohte sogar, in der Schule des Kindes einen Amoklauf zu begehen.

Eine Geschichte, die hängen blieb

Sie bekam Polizeischutz und wurde in dieser Maßnahme vorübergehend mit ihrem Kind im Ausland versteckt. Die Polizei verhaftete den Mann, er wurde später in eine geschlossene Klinik eingeliefert. Mutter und Kind konnten nach Deutschland zurückkehren, aber das Kind litt in dieser Zeit enorm und wurde verhaltensauffällig. Mit dieser Mandantin traf ich mich öfters zu beratenden Gesprächen, unentgeltlich. Eine Zeichnung ihres Kindes hängt bis heute bei mir Zuhause. Ihre Geschichte ging mir unheimlich nahe.

In meinem 35-jährigen Berufsleben habe ich schon über 40 Drohbriefe bekommen. Ungefähr zehn Mal musste ich Bodyguards bezahlen, die mich auf dem Weg ins Gericht und zurück begleiteten. Geradezu harmlos ist es da, wenn mir Mandanten nur ihre schmutzigen Unterhosen zuschicken.

Einmal wurde ich vor Gericht geschlagen, ich vertrat die Frau. Ihr Ex-Mann war ein angesehener Arzt in einem Krankenhaus. Er sprang im Gerichtssaal über den Tisch und gab mir einen Handkantenschlag auf die Halsschlagader, so dass ich ohnmächtig umfiel. Natürlich hat er das Sorgerecht für die Kinder nicht bekommen. Jeden Tag, wenn ich mit dem Auto von der Kanzlei nach Hause fahre, prüfe ich meine Bremsen. Man weiß ja nie.

Ein Schloss am Kühlschrank

Es gibt aber auch abstruse Fälle: Die Frau eines Rentnerpaars kam zu mir, da ihr Mann ihr kein Taschengeld mehr zahlen wollte, worauf sie aber gesetzlich Anspruch hatte. Daher konnte sie sich keinen Wintermantel kaufen. Die Sache ging vor Gericht und endete damit, dass ein Teil seiner Rente zu Gunsten der Frau gepfändet wurde. Aus Rache hängte er dann ein Schloss zu Hause an den Kühlschrank. Das Paar wollte sich aber auf keinen Fall trennen, ihr Motto: "Bis dass der Tod uns scheidet!"

In einem anderen Fall konnten sich die zerstrittenen Eheleute nicht in der Haushaltsteilung einigen. Der Richter ordnete einen Ortstermin für uns alle an, Frau und Mann sollten zwei Haufen aus den umstrittenen Gegenständen bilden. Der Richter veranlasste dann Hölzchen-Ziehen, der mit dem längeren Streichholz durfte sich einen Haufen aussuchen. So wurde der andauernde Streit effizient beendet.

Meine Berufswahl bereue ich auf keinen Fall. Aber wenn Eltern das Teilen sowie eine gesunde Streitkultur verlernen und ihren Egoismus nicht zurückschrauben, dann schaden sie der nächsten Generation und damit unserer aller Zukunft."