Beraterin für Schreibtisch-Ordnung "Büchertürme und alte Kaffeetassen haben nichts mit Kreativität zu tun"

Sie kümmert sich um das Chaos auf Schreibtischen: Bürocoach Christine Hoffmann zeigt Menschen, wie sie effizienter arbeiten - indem sie aufräumen.


Büchertürme, Papierberge, alte Tassen, dazwischen Fotos von den Liebsten: Viele Mitarbeiter sehen an ihren Büroarbeitsplätzen die Tischplatte vor lauter Kram nicht mehr - und reden sich ein, das Durcheinander befördere ihre Kreativität.

Christine Hoffmann, Beraterin für Büroorganisation, sieht das anders. Sie hilft Angestellten aus ganz unterschiedlichen Branchen dabei, ihre Schreibtische in Ordnung zu bringen - und ihre Arbeitsweise.

Zur Person
  • Helen Nicolai
    Christine Hoffmann ist Beraterin für Arbeits- und Büroorganisation, Personaltrainerin für Vorstands- und Chefassistentinnen und gibt Workshops zu den Themen Kundenorientierung, Konflikt- und Zeitmanagement.

SPIEGEL ONLINE: Frau Hoffmann, Sie helfen Menschen, die mit der Unordnung auf ihren Schreibtischen hadern. Wie schlimm sieht es denn da aus?

Hoffmann: Die Schreibtische sind meist vollgestellt mit allen möglichen Gegenständen, die nichts mit der Arbeit zu tun haben. Da türmen sich Ordner, Taschentücher fliegen herum, und neben der alten Kaffeetasse liegen Handcreme und Nagelfeile.

SPIEGEL ONLINE: Was stört Sie an Handcreme und Nagelfeile?

Hoffmann: Das sind private Gegenstände. Sie gehören deshalb entweder in die Handtasche oder in die Schublade.

SPIEGEL ONLINE: Aber private Gegenstände können doch auch für eine Wohlfühl-Atmosphäre am Arbeitsplatz sorgen.

Hoffmann: Klar, aber zu viele private Gegenstände lenken ab. Ich rate meinen Kundinnen und Kunden daher, nicht mehr als drei aufzustellen. Das können ein, zwei nette Bilder von der Familie sein oder eine Vase mit frischen Blumen. Eine Kundin von mir war leidenschaftliche Reiterin. Die hatte ein kleines Plastikpferd auf ihrem Tisch stehen. Am effektivsten ist der Schreibtisch jedoch, wenn er möglichst leer ist.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt bei Ihnen leer?

Hoffmann: Das heißt: Abgesehen von der Sache, an der ich gerade arbeite, und den Arbeitsutensilien, die ich dafür brauche, liegt nichts vor mir. Auf dem Schreibtisch gibt es lediglich ein Grundsortiment: Stifte und Papier, Locher und Tacker. Gut ist auch ein Kalender. Der muss aber nicht unbedingt auf dem Tisch stehen, sondern kann auch an der Wand hängen.

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Schreibtische der Macht und Muße: Tischmanieren

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit dem Handy aus?

Hoffmann: Wer viel über Handy kommuniziert, sollte dies natürlich ebenfalls griffbereit haben. Wichtig ist, dass wir die Dinge, die wir täglich brauchen, nicht lange suchen müssen. Das heißt, dass wir ein klares Ordnungssystem haben und wissen, wo was liegt. Alles andere kostet nur Zeit und ist nicht effizient. Herumfliegende Zettel und mit Post-its vollgeklebte Bildschirme sollte man vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Aber Notizzettel können doch wichtig sein. Sie erinnern Menschen daran, was sie noch erledigen wollten.

Hoffmann: So weit die Theorie. Klebezettel sind dafür denkbar ungeeignet. Sie geben keinen Überblick über Prioritäten und Zeitaufwand, und am Ende gewöhnt man sich an die Zettel und vergisst, woran sie einen erinnern sollten. Aufgaben, die ich erledigen muss, gehören in eine To-do-Liste, beispielsweise in eine Excel-Tabelle auf den Computer oder in einen Schreibblock. So habe ich alles im Blick, und das Abhaken der erledigten Dinge verschafft mir ein Erfolgserlebnis.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie ihren Kunden, die in Papierbergen versinken?

Hoffmann: Wenn Papier auf dem Tisch liegt, muss geklärt werden, was ich selbst tun muss und was ich weitergeben kann. Bei allem, was ich selbst tue, lege ich einen Zeitpunkt fest, an dem es erledigt werden muss. Was ich weitergebe, kommt direkt in die entsprechenden Postfächer. Wir neigen dazu, Dinge, die wir nicht so gerne machen oder die unklar sind, ein bisschen weiter wegzuschieben oder sie gleich ganz in Schubladen zu legen. Das ist aber keine Methode zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Klingt alles vernünftig, aber ist zum Kreativsein nicht auch etwas Chaos nötig?

Hoffmann: Wer meint, er kann nur effektiv arbeiten, wenn er seinen Schreibtisch mit einer Generation Schlümpfe dekoriert, kann das natürlich machen. Bei Aspekten wie Kreativität ist jeder Mensch anders. Ich persönlich halte das aber nicht für sinnvoll. In vielen Firmen wird es auch nicht gerne gesehen. Ein Schreibtisch, auf dem sich Bücher türmen und der vollgestellt ist mit alten Kaffeetassen, der hat für mich nichts mit Kreativität, sondern mit Unordnung zu tun.

Und jetzt kommen Sie
  • Getty Images
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  • Mein Schreibtisch@spiegel.de

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie bei Ihren Kundinnen und Kunden konkret vor?

Hoffmann: Einmal hat mich ein Chef angerufen und gebeten, einem seiner Mitarbeiter zu helfen, der würde in seinem Chaos ersticken, wenn man nichts unternähme. Mit dem bin ich dann seine Papierstapel durchgegangen: Was wird besser eingescannt, was kann weg? Ich schaue mir an, wie die jeweilige Arbeitsweise ist und wie man sie verbessern kann. Die Kundinnen und Kunden müssen aber auch wollen. Es geht ja darum, Dinge anders zu machen - und Veränderungen sind immer schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Lassen sich Ihre Kundinnen und Kunden denn bereitwillig vom Aufräumen überzeugen?

Hoffmann: Die meisten schon. Aber klar, es gibt auch welche, die beratungsresistent sind. Das sind dann die Kandidaten, die im Grunde nichts verändern wollen. Frei nach dem Motto "Wasch mich, aber mach mich nicht nass". Solche Fälle kommen glücklicherweise nur selten vor.

SPIEGEL ONLINE: Kontrollieren Sie, ob Ihre Arbeit Erfolg hatte?

Hoffmann: Oft meldet sich die Firma von selbst, wenn es gut funktioniert. Manchmal habe ich aber auch mehrere Termine und spreche mit den Mitarbeitern, ob sie mit der neuen Arbeitsweise zurechtkommen. Das kann dann auch mal bis zu vier Monate dauern.



insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
dasfred 28.03.2019
1. Räum dein Zimmer auf. Ja Mutti
Musste ich sofort dran denken. Aufräumen ist relativ. Jeder hat individuelle Einstellungen. Erst wenn man zum Schreibtischmessi wird, muss wirklich jemand eingreifen. Ich fühle mich unwohl in einem nackten Büro vor leerem Schreibtisch. Dafür habe ich aber selbst bei hunderten Dingen um mich herum noch den Überblick. Diese ganzen Berufsaufräumer die derzeit durch alle Medien geistern, gehen mir auf den Keks. Ein wohlfühl Umfeld ist für effektives Arbeiten wichtiger als dieser Minimalismus.
loepi 28.03.2019
2. Jaja, immer die gleiche Leier...
Wer einen unordentlichen Schreibtisch hat, der hat auch unordentliche Gedanken. So oder so ähnlich heißt es doch. Was aber nicht stimmt. Ein jeder Mensch ist unterschiedlich und arbeitet nach einem anderen Motto. Man kann nicht alle in ein Schema pressen. Auch bei uns in der Firma haben wir solche Gleichmacher. Die schauen sich aber gar nicht an, wie jemand arbeitet oder was er leistet, sondern urteilen nur über den Arbeitsplatz. Das ich einer der Highperformer im Team bin und teilweise das dreifache an Arbeit erledige, die mein Kollege und Vertreter macht, wissen sie nicht. Aber nach Einschätzung des Arbeitsplatzes war ihnen wohl klar, dass ich nichts gebacken bekomme. Und der aufgeräumte Schreibtisch des Kollegen ließ sie nur zur Schlussfolgerung kommen, dass dort ein produktiver Mitarbeiter sitzt.
Hans-Dampf 28.03.2019
3.
Es gibt "Beraterin für Schreibtisch-Ordnung"? Das ist ja fast so ein ominöses Geschäftsmodell wie "Farbberatung" oder "Feng-Shui-Beratung". Sei's drum, wer solche Services in Anspruch nimmt, muss wohl echt hilflos sein. Als ich noch ausbildete, gab ich den Azubis an die Hand, den Schreibtisch stets aufgeräumt zu halten, vor der Mittagspause und vor Feierabend alles ordentlich reinigen und verstauen. Der Schreibtisch war in diesem Fall eine Werkbank, aber der Effekt ist derselbe: man hält seine unmittelbare Arbeitsumgebung ordentlich. Nicht umsonst hing über der Eingangstür "SOS - Sicherheit, Ordnung, Sauberkeit". Und siehe da: die ehemaligen Azubis haben die Werkbank verlassen und haben nun einen Schreibtisch, der ebenso tip-top aufgeräumt ist. Haben solche Chaoten, wie im Artikel beschrieben, keine Ausbildung absolviert oder ein kleines bisschen Selbstachtung?
static_noise 28.03.2019
4.
Entweder ist das Interview grausam geführt und verkürzt oder die Dame arbeitet noch a'la 80er Jahre (das ist 30+ Jahre her, eine Ewigkeit in Digitalisierung und Veränderung der Arbeitswelt) Sehr interessant ist der Ausblick auf die implizite Darstellung der Arbeitswelt, welche die Dame im Kopf zu haben scheint. Der/die Sachbearbeiter/in mit aktuellen Vorgängen auf dem Tisch (vermutlich Leitzordner, damit man auch noch Tacker und Locher benötigt) und eine Excel Liste ist der Gipfel der Digitalisierung für Task Management. Das mitschwingen von Zucht und Ordnung (Chefs sehen das nicht gern, aufgeräumt weil gehört sich nicht...)
curiosus_ 28.03.2019
5. Albert Einstein:
"Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was sagt dann ein leerer Schreibtisch über den Menschen, der ihn benutzt aus?"
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