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Jobprotokoll So sieht der Berufsalltag eines Schuldnerberaters wirklich aus

Mahnungen, Gläubiger, Inkassounternehmen: Wenn Menschen die Geldnöte über den Kopf wachsen, hilft der Schuldnerberater. Für seinen Job braucht er Einfühlungsvermögen - und warnt vor wohlmeinender Verwandtschaft.
Von Danielle Dörsing
Schuldnerberater sind mit den Existenzängsten ihrer Klienten konfrontiert

Schuldnerberater sind mit den Existenzängsten ihrer Klienten konfrontiert

Foto: iStockphoto/ Getty Images

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Eines vorweg: Mein Leben als Schuldnerberater ist nicht so, wie es die RTL-Sendung 'Raus aus den Schulden' darstellt. Wenn Menschen zu mir kommen, wissen sie oft nicht weiter. Da sind es nicht die unbezahlten Handyrechnungen, die den Ausschlag geben.

Ich kann den Menschen zwar auch kein Geld geben, dafür aber die Hoffnung darauf, dass sich ihr Leben wieder verbessern wird.

Ich versuche zuerst, die Situation meiner Klienten kennenzulernen. Dafür braucht es oft viel empathisches Gespür, denn viele Menschen kommen in großen, für sie oft ausweglosen Situationen und mit Existenzängsten zu mir. Meine erste Frage an alle meine Klienten lautet immer: 'Was hat Sie zu mir gebracht?' Es gibt immer einen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Den versuche ich immer als Erstes zu finden. Dann gucke ich mir das ganze Fass an - das ist meistens, anders als oft angenommen, auch gar nicht bodenlos.

Zurück zu den Prioritäten

Meine Hauptaufgabe als Schuldnerberater liegt in meinen Augen nicht darin, mit Gläubigern zu sprechen, sondern den Menschen die Angst zu nehmen. Ich erinnere die Menschen an Prioritäten, denn die verschieben sich bei meinen Klienten oft. Auf einmal sind es nicht mehr die Familie und Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung oder ein Dach über dem Kopf, die ihr Leben bestimmen, sondern die Angst vor den Gläubigern. Da kommt es immer wieder vor, dass Väter, statt Unterhalt zu zahlen, das Geld lieber ihren Gläubigern geben.

Die Menschen, die zu mir kommen, sind nicht dumm und haben auch nicht, wie Peter Zwegat es den Fernsehzuschauern weismachen möchte, unkontrolliert gekauft. 80 Prozent der Menschen, die ich berate, sind normale Leute - oft mit schwierigen Schicksalen wie Krankheit, Arbeitslosigkeit oder einfach einer sehr geringen Rente. Auch die Berufe sind durchmischt: Von Ärztinnen, Freiberuflern, Angestellten über Anwälte habe ich so gut wie alles in meiner Kartei. Auch Promis - aber die Arbeit mit denen ist oft sehr undankbar.

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Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Im Großen und Ganzen sind auch die Gläubiger an einer Lösung interessiert. Sobald unser Anliegen in der Rechtsabteilung eines Unternehmens gelandet ist, versuchen meistens alle Beteiligten, eine Lösung zu finden. Oft sind es die Sacharbeiter, also die direkten Ansprechpartner, die nicht mit sich reden lassen. Auch gibt es häufig lange Wartezeiten, denn die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam.

Über Geld und Schulden zu sprechen, fällt vielen Menschen schwer. Meine Klienten haben oft das Gefühl, dass sie stigmatisiert werden. Viele möchten nicht, dass Familie, Nachbarn oder Freunde von ihrer Situation wissen.

Tipps von Freunden nicht immer hilfreich

Vielleicht auch deswegen, weil viele Verwandte und Freunde sich in die Angelegenheiten einer verschuldeten Person einmischen. Das erlebe ich immer wieder. Viele möchten dann helfen und leihen meinen Klienten Geld, damit sie Teile der Schulden tilgen können. Aber auch wenn sie mit guter Absicht Geld verleihen, werden sie zum Gläubiger. Das bedeutet im Umkehrschluss: noch mehr Schulden für meinen Klienten. Das verstehen viele Angehörige aber nicht.

Dazu sehen sich viele berufen, Finanztipps zu geben, obwohl sie sich überhaupt nicht auskennen. Da fallen dann oft Kommentare wie 'Verpfände dein Auto!' oder 'Führe doch ein Haushaltsbuch!' Das finde ich sehr anmaßend.

Ein Fall ist mir hier besonders in Erinnerung geblieben. Eine 18-jährige Frau kam mit ihrer Großmutter zu mir, um sich beraten zu lassen. Ihr Vater war bei einem Wohnungsbrand umgekommen, die Mutter bestand darauf, dass sie das Erbe ihres Vaters antrat - inklusive seiner Schulden. Die Mutter nahm sich dann ein paar Monate später das Leben, womit auch ihre Schulden auf die Tochter übergingen. Diese junge Frau war nun hoch verschuldet, die Bank ließ jedoch nicht mit sich reden. Sie musste durch die Privatinsolvenz - war danach aber schuldenfrei.

Eine allgemeine Ausbildung gibt es nicht

Über mein Gehalt zu sprechen, ist mir nicht unangenehm - schließlich rede ich den ganzen Tag über Geld. Ich verdiene um die 3500 Euro im Monat, wobei mein individuelles Gehalt danach berechnet wird, um wie viele Gläubiger ich mich pro Mandant kümmern muss.

Ich bin gelernter Bankkaufmann. Mit dieser Ausbildung bin ich jedoch in der Branche eine Seltenheit. Oft sind es Sozialpädagogen oder Ökotrophologen, die in dem Bereich arbeiten. Denen fehlt oft das Wissen über Steuer-, Insolvenz- und Erbrecht. Dazu kommt, dass es heute sehr schwierig ist, Schuldnerberater zu werden. Eine allgemeine Ausbildung gibt es nicht - viele arbeiten bei Wohlfahrtsverbänden wie beispielsweise der Caritas.

Unseriöse Beratung keine Seltenheit

Leider gibt es in der Branche auch viele schwarze Schafe. Besonders die sogenannten Schuldnerfabriken mit ihren Callcenter-Hotlines gehören dazu, denn die nehmen oft übertriebene Honorare. Leider wenden sich viele Klienten zuerst dorthin.

Früher sagte man in der Branche: Wer Geld für die Beratung nimmt, ist unseriös. Mittlerweile distanzieren sich die meisten von dieser Aussage, wichtiger ist jetzt die staatliche Anerkennung. Die bekommt man aber nur, wenn man mindestens zwei Jahre bei einem Wohlfahrtsverband tätig gewesen ist. Die bieten auch Workshops und Weiterbildungen an, bei denen man das Handwerk lernt.

Mein Leben als Investmentbanker: "So viel Geld tut jungen Menschen nicht gut"
Foto: � Ki Price / Reuters/ REUTERS

100-Stunden-Wochen, Ritalin, Koks, hohe Boni und Geschäfte mit Waffenherstellern: Hier erzählt ein junger Investmentbanker von seinem Job - und wie viel die Serie "Bad Banks" mit der Realität zu tun hat. 

Wenn ich mich mit einer bekannten Figur vergleichen müsste, dann wäre es Dr. House. Er findet immer eine Lösung. Als Schuldnerberater kann ich meistens auch helfen, oft auch in letzter Sekunde. Wie Dr. House haben aber auch viele Menschen in meiner Branche mit Depressionen zu kämpfen, denn die Schicksale, mit denen wir konfrontiert sind, beschäftigen einen auch oft nach der Arbeit. Zum Ausgleich habe ich vor fünf Jahren das Imkern angefangen. Das hilft mir abzuschalten.

Schuldenfrei sein bedeutet mehr, als nur einen positiven Schufa-Eintrag zu haben - die Menschen sollen nicht mehr voller Angst den Briefkasten öffnen müssen. Viele Klienten kommen mit großer Furcht vor einer schlechten Schufa-Bewertung zu mir, da deren Bedeutung immer wieder betont wird - beispielsweise beim Anmieten einer neuen Wohnung. Hier wird in meinen Augen unverständlich viel Druck ausgeübt, den sich die Betroffenen oft sehr zu Herzen nehmen.

Für eine Sache bin ich Peter Zwegat dankbar: Durch ihn und die Medien fangen viele Menschen an, freier über ihre Schulden und Schicksale zu sprechen. So können wir besser helfen, denn der erste Schritt muss immer vom Klienten selbst kommen."

Im Video: Verschuldete Republik - Unterwegs mit Schuldenberatern

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