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Verkürzte Arbeitszeiten: Sechs Stunden bis zum Feierabend

Foto: Anders Nilsen

Sechs-Stunden-Arbeitstag "Ich träume von einer Revolution"

Zwei Stunden weniger Arbeit am Tag bei vollem Lohnausgleich - das praktizieren Firmen in Schweden und Norwegen. Jetzt soll das Modell in einem Pilotprojekt in Göteborg sogar für städtische Angestellte eingeführt werden.

Haben Sie Lust auf weniger Arbeit und mehr Freizeit? Und wie fänden Sie es, wenn Sie dafür trotzdem genauso viel verdienen würden wie jetzt? Das Modell klingt nach dem Arbeitnehmerparadies - ist aber keine Utopie. Der einzige Haken: Sie müssten dafür nach Schweden auswandern. Dort wird bereits so gearbeitet, etwa im Team von Martin Banck.

Der große Autohändler aus Göteborg, bei dem er als Service-Chef beschäftigt ist, verkürzte vor elf Jahren die Arbeitszeiten der Angestellten - von acht Stunden täglich auf nur noch sechs. Mangelnde Kundenzufriedenheit hatte das Unternehmen auf die Idee gebracht. Viele Mitarbeiter schienen von dem harten Job erschöpft, der Krankenstand war hoch. "Wir erhoffen uns von einem kürzeren Arbeitstag, dass unser Personal länger in seinem Beruf tätig bleiben kann - schwere körperliche Arbeit zehrt ja schließlich am Körper", sagt Banck. Und tatsächlich: Seit Einführung der neuen Arbeitszeitregeln lief es besser. "Die Kurzzeitkrankschreibungen sind merklich zurückgegangen", so Banck.

Auch die Großmolkerei Tine arbeitet so. Das Unternehmen liegt nicht weit von Göteborg, im norwegischen Heimdal. Hier haben Unternehmen und Gewerkschaften gemeinsam im Jahr 2007 ein Projekt für verkürzte Arbeitszeiten gestartet - bei gleichbleibendem Lohn. Die Hoffnung, die Meiereichef Henning Martinsen mit dem Projekt verband, klang zu Beginn naiv bis dreist: Die Angestellten sollten in sechs Stunden ebenso viel produzieren, wie sie bisher in siebeneinhalb Stunden geschafft hatten. Das Ergebnis, das Martinsen nach sechs Jahren präsentierte, überrascht jedoch: "Die Effektivität stieg nicht um die 20 Prozent, die zum Ausgleich nötig gewesen wären, sondern sogar um 50 Prozent."

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Schwedische Offenheit: Wer verdient wie viel?

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Und genau wie beim Göteborger Autogroßhändler sank der Krankenstand: "Im Ausgangsjahr 2007 lagen wir bei elf Prozent, vier Jahre später bei 6,2. Das ist äußerst niedrig für einen Arbeitsplatz wie unsere Kühllagerhalle."

Das Modell soll in Schwedens zweitgrößter Stadt Göteborg auf kommunaler Ebene eingeführt werden. "Wir wollen, dass Göteborg dem Rest Schwedens einen Fingerzeig darauf gibt, dass man den Arbeitstag auf sechs Stunden verkürzen kann", sagt der Göteborger Kommunalpolitiker Mats Pilhem. Seine Partei, die linke Vänsterpartiet, ist Teil der rot-grünen Koalition, die derzeit in Göteborg regiert. Das Thema Sechs-Stunden-Tag steht bereits seit 2012 im Parteiprogramm - jetzt, vor den Kommunalwahlen im Herbst, macht die Vänsterpartiet damit Wahlkampf.

Pilhem und seine Koalitionäre beabsichtigen, an einem kommunalen Arbeitsplatz einen mindestens einjährigen Versuch durchzuführen. "Ein Altersheim könnte ein geeigneter Ort sein", sagt Pilhem. Er hoffe, dass ein sechsstündiger Arbeitstag zu einer angemesseneren Arbeitsverteilung in Berufen führen könne, die sehr anstrengend sind. "Das ist die beste Methode, um herauszufinden, mit welchen Vorteilen und eventuellen Nachteilen wir rechnen müssen."

Oppositionspolitiker wie die liberale Helene Odenjung halten Pilhems Plan für Populismus: "Gerade im Pflegesektor brauchen wir jede Hand. Da kann man doch nicht die Angestellten bei gleichem Lohn einfach früher nach Hause gehen lassen."

"Wir wollen den Sex-Stunden-Arbeitstag!"

Vor knapp hundert Jahren hatte ein jahrzehntelanger Arbeitskampf in Schweden mit einem Erfolg der Gewerkschaften geendet. Seitdem gilt in der modernen Arbeitswelt ein ehernes Gesetz: der Acht-Stunden-Tag. Anfang der siebziger Jahre kam die Fünf-Tage-Woche hinzu. Seitdem ist nicht viel passiert.

Nun bewegt sich wieder etwas. Neben eventuellen Produktivitätsgewinnen und Krankmeldungsstatistiken hat der Göteborger Vorstoß auch eine lebhafte Debatte über Arbeits- und Lebensqualität in schwedischen Medien in Gang gesetzt, die in einem Leitartikel des Stockholmer Massenblattes "Aftonbladet" zum Sechs-Stunden-Tag gipfelte. "Wir wollen Sex, wir wollen den Sex-Stunden-Arbeitstag!" titelte der Autor Fredrik Virtanen effekthascherisch - die Zahl sechs wird auf Schwedisch genau wie das Wort Sex buchstabiert. "Ich träume von einer Revolution", schreibt Virtanen, "ich träume von einem Schweden, das sich wieder an die Spitze der Entwicklung setzt und modernistisch und gut wird. Eine nachdenkliche Gesellschaft, in der die Freizeitlinie die Arbeitslinie besiegt." Und, fügt er hinzu: "Ein radikaler Neustart."

Aber so einfach ist es nicht: Kommunalpolitiker Mats Pilhem muss sich trotz aller Träume auf den Boden der Göteborger Stadtfinanzen holen und die Frage gefallen lassen, wer das alles bezahlen soll. Denn der Gewinn aus dem verringerten Krankenstand käme vor allem der staatlichen Krankenversicherung zugute - die Kommunen müssten zunächst draufzahlen, weil sie zum Ausgleich für verkürzte Schichten im Altersheim mehr Personal einstellen müssten. Pilhem hofft, dass die Versicherung ihre Gewinne zur Finanzierung des Modells zur Verfügung stellt. "Wir hoffen, dass die staatliche Krankenversicherung die nötigen Mittel überweisen kann." Schließlich würde man beim Krankengeld ja sparen.

Das neue Arbeitszeitmodell hat sich bereits bis in andere Regionen Schwedens herumgesprochen. Auch im sozialdemokratisch regierten Umeå im hohen Norden des Landes will man im Falle eines Wahlerfolgs kommunale Arbeitsplätze probeweise auf sechs Stunden täglich reduzieren. Das Argument ist auch hier der niedrigere Krankenstand.

KarriereSPIEGEL-Autor Niels Reise lebt und arbeitet seit 16 Jahren in Stockholm.


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