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Seeleute in der Pandemie SOS an Heiligabend

Weihnachten ist für Seeleute immer eine harte Zeit. Im Corona-Jahr 2020 ist sie katastrophal. Knapp 400.000 Seeleute sind weltweit gestrandet. Wann sie nach Hause kommen: ungewiss.
Seeleute in der Coronakrise: Einsam am anderen Ende der Welt – und vielleicht in Quarantäne

Seeleute in der Coronakrise: Einsam am anderen Ende der Welt – und vielleicht in Quarantäne

Foto: piola666 / E+ / Getty Images

Der Seemann war an einem Herzinfarkt gestorben, nicht an Covid-19. Sein Leichnam aber durfte nicht in den Hafen gebracht werden, weil es die Behörden verboten. Er kam deshalb in den Kühlraum des Frachters. Nicht für eine Woche. Für mehrere Wochen. Wie ein Stück Fleisch.

Von dieser Episode berichtet nicht etwa eine Gewerkschaft oder eine NGO für Seeleute. Sondern der Präsident des Verbandes Deutscher Reeder (VDR), Alfred Hartmann, in einem Vorwort seiner Verbandszeitschrift. Das Verhältnis von traditionell sparsamen Reedern zu Seeleuten gilt ansonsten als schwierig. Hier aber schreibt sich Hartmann für die Seeleute in Rage, das sei ein »Skandal«, der in ihm »tiefe Sorge« auslöse, es könne so »nicht länger weitergehen«.

Weihnachten bedeutet für Seeleute traditionell eine harte Zeit. Fernab der Heimat zu sein, weit weg von der Familie und den Kindern, irgendwo in einem Hafen oder auf See – das setzt zu Weihnachten jedem zu. Egal welchen Seefahrer man spricht, und sei er ein noch so hartgesottener Kapitän – kommt das Thema Heiligabend zur Sprache, werden sie alle weich. »Dann war ich auf der Brücke auch als Therapeut gefordert«, sagte etwa Charly Behrensen, ein alter Trawlerkapitän aus Cuxhaven. »Die Stimmung war dann immer auf Tiefseeniveau.«

In diesem Jahr ist die Situation nicht nur melancholisch. Sie greift die psychische Gesundheit der Seeleute an. Mehr als 400.000 sind nach Schätzungen von Gewerkschaften weltweit gestrandet. Sie sind in vielen Fällen schon doppelt so lange unterwegs wie in ihren Arbeitsverträgen vereinbart. Und sie kommen einfach nicht nach Hause.

Weil Behörden sie nicht an Land lassen und einige Länder die Grenzen geschlossen haben. Weil es keine Flüge gibt oder weil die Ablösung nicht kommt. Ganze Crews sitzen in billigen Hotels oder Seemannsheimen fest. Viele Seeleute haben ihre Familien seit knapp zwei Jahren nicht gesehen. Wann sie nach Hause können? Ungewiss.

Vereinte Nationen sprechen von »humanitärer Krise«

Dabei spitzt sich das Problem seit Beginn der Pandemie zu. Papst Franziskus hat mit einer zwei Minuten und 37 Sekunden langen Botschaft an »die Brüder und Schwestern auf See« schon im Juni auf das Thema aufmerksam gemacht (und nebenbei dafür gesorgt, dass die strenggläubigen Crews von den Philippinen nicht durchdrehen). Die Europäische Union äußerte massive Bedenken, ein Sprecher der Vereinten Nationen bezeichnete die Lage als »humanitäre Krise«.

Sogar die Chefs der Lebensmittelkonzerne Unilever und Procter & Gamble meldeten sich zu Wort. Sie trieb vermutlich weniger die Sorge um Arbeitnehmerbelange, sondern die Furcht um unterbrochene Warenströme um. Was passiert eigentlich, wenn Seeleute in einen Streik treten, wie manche Gewerkschafter fordern?

Etwa 90 Prozent aller Güter werden über den Seeweg transportiert. Wie es den Menschen geht, die auf den Schiffen arbeiten, ist aber geschätzt 99 Prozent der Empfänger egal. Seeleute haben keine Lobby. Was sie erleben, das bleibt hinter dem Horizont verborgen. Deutsche Seeleute sind, seit die meisten Schiffe unter Billiglohnflaggen laufen, sowieso eine Ausnahme. Vom Freddy-Quinn-Klischee des Seemanns, der in jedem Hafen eine andere Braut hat, ist in der Realität nur ein Billiglöhner übrig, der beim kurzen Landgang nicht nach schneller Liebe, sondern nach günstigem Wi-Fi sucht.

Dabei wäre es in der Corona-Zeit nicht mal schwierig, diesen Leuten zu helfen: Sie als »systemrelevant« einzustufen (was auch sonst?), würde bürokratische Formalitäten vereinfachen, etwa bei der Einreise oder der Visaerteilung. Bei der Verteilung von Impfstoff würden sie bevorzugt, was sie auch von der Angst befreite, auf See und fernab medizinischer Betreuung an Covid-19 zu erkranken. Sie mit Charterfliegern nach Hause zu bringen, vermeiden manche Reedereien aus Kostengründen. Stattdessen heißt es: weiter warten.

Andreas Latz, Seemannspastor in Bremerhaven, dem zweitgrößten deutschen Hafen, berichtet von der Begegnung mit einem jungen Syrer, der während seines Seefahrtstudiums praktische Erfahrung an Bord sammelt. Drei Monate später traf er ihn wieder – und erkannte ihn kaum noch: Der junge Mann wirkte abgemagert und komplett übermüdet.

»Die kurzen Vierstundenwachen lassen keinen geregelten Schlafrhythmus zu«, sagt Latz. Vier Stunden Arbeit, vier Stunden Freizeit – das geht spätestens nach einigen Wochen an die Substanz. Manche Seeleute klagen über Sehprobleme. Bei Untersuchungen im Hafen stellt sich heraus, dass mit den Augen alles in Ordnung ist. Das Problem: chronische Erschöpfung.

Klaus Ricke, ein alter Seemann aus Hamburg-Finkenwerder, viele Jahre Kapitän und Lotse, hat für die »moderne« Seefahrt nur einen Begriff übrig: Er nennt sie »menschenverachtend«.

Anfang des Jahres veröffentlichten die NGO Seafarers Trust und die Yale-Universität eine Studie, an der sich mehr als 1500 Seeleute beteiligten. Ein Viertel der Befragten gab an, unter Depressionen zu leiden. Jeder Fünfte erwähnte Selbstmordgedanken. Und das war, wohlgemerkt, vor der Corona-Zeit.

»Einer der Seeleute hat mir erzählt: Wenn ein Kollege über Bord gegangen ist, dann gucken sie als Erstes, ob die Schuhe noch an Deck stehen. Wenn sie noch da sind, war es Suizid. Wenn sie nicht mehr da sind, ist er runtergespült worden«, sagt Fiete Sturm, Seemannsdiakon in Hamburg-Altona. »Dass sie ein solches Zeichen haben, zeigt, dass Suizide keine Seltenheit sind.«

Die Mission an der Hafenkante ist derzeit bis auf den letzten Platz gefüllt. Sturms Team betreut obendrein mehrere Crews von Kiribati, für die eine Reederei eine Jugendherberge anmietete.

Am Heiligabend läuft ein Schiff aus Afrika in Hamburg ein. Die Seeleute haben seit Monaten kein Land betreten. Sie müssen aber, so will es die behördliche Vorschrift, für 14 Tage in strenge Quarantäne, Zweimannkammer, kein Ausgang.

»Es wird ein sehr schwieriger Heiligabend«, sagt Fiete Sturm.