Unternehmertum Nur jeder vierte Deutsche möchte selbstständig arbeiten

Die Zahl der Erwerbstätigen, die berufliche Selbstständigkeit anstreben, hat sich in den vergangenen 20 Jahren halbiert. Das Wirtschaftsministerium zeigt sich besorgt, der Verband der Gründer kritisiert die Politik.

Bei jungen Menschen ist der Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit noch vergleichsweise groß
Maskot/ Getty Images

Bei jungen Menschen ist der Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit noch vergleichsweise groß


Der Unternehmergeist der Menschen in Deutschland schwindet - die wenigsten wollen inzwischen ihr eigener Chef sein. Nur ein Viertel der Erwerbsbevölkerung hatte 2018 den Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit, wie aus einer Umfrage der staatlichen Förderbank KfW hervorgeht.

Das ist der niedrigste Wert seit der erstmaligen Erhebung im Jahr 2000. Damals hatte sich fast jeder Zweite eine selbstständige Tätigkeit gewünscht.

Die guten Bedingungen am Arbeitsmarkt und eine alternde Gesellschaft seien wichtige Gründe für den schwindenden Unternehmergeist, heißt es in der Studie. Bei Menschen unter 30 Jahren ist der Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit allerdings noch vergleichsweise stark. Mehr als jeder Dritte habe sich 2018 eine Selbstständigkeit vorstellen können. Mit steigendem Lebensalter nehme das Gründungsinteresse jedoch ab - vor allem aufgrund stärkerer familiärer und beruflicher Abhängigkeiten.

Offenbar habe außerdem die internationale Finanzkrise die Einstellung der Menschen zur Selbstständigkeit negativ beeinflusst, heißt es in der Studie. In Deutschland habe die Bereitschaft zur selbstständigen Tätigkeit zwischen 2009 und 2012 deutlich abgenommen - von über 40 auf 30 Prozent.

Das Wirtschaftsministerium äußerte sich besorgt über die schwindende Bereitschaft zur Selbstständigkeit: "Neugründungen und Start-ups sind Treiber von Innovationen insbesondere des digitalen Wandels. Deutschland braucht deshalb Gründerinnen und Gründer", teilte eine Sprecherin mit. Fehlten heute die Gründer, leide morgen die Wettbewerbsfähigkeit.

"Gründerfeindliche Gesetze"

Der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) sieht die Schuld hingegen bei der Politik: Die geringe Gründungsbereitschaft der Deutschen sei auch "die Folge einer ganzen Serie gründerfeindlicher Gesetze", sagte VGSD-Chef Andreas Lutz.

Unter anderem nennt er die herrschende Rechtsunsicherheit beim Thema Scheinselbstständigkeit. "Hinzu kommen handwerklich schlecht gemachte Gesetze wie die Umsetzung der Datenschutz-Grundverordnung, die für viel Unsicherheit und bürokratischen Aufwand sorgen", so Lutz.

Die Zahl der Existenzgründungen hat im vergangenen Jahr ein Rekordtief von 547.000 erreicht, wie aus dem "Gründungsmonitor" der Förderbank KfW hervorgeht. Allerdings sank der Wert zuletzt weniger stark: Im vergangenen Jahr ging er um lediglich zwei Prozent zurück. In den Jahren zuvor hatte es noch Rückgänge mit jeweils zweistelligen Raten gegeben. Der VGSD erwartet für das laufende Jahr noch niedrigere Gründungszahlen. "Die politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen haben sich nicht geändert. Eine Trendwende ist aus unserer Sicht daher unwahrscheinlich", sagt VSGD-Chef Lutz.

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faq/dpa

insgesamt 48 Beiträge
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quark2@mailinator.com 15.08.2019
1.
Da ich selbst selbständig bin, kann ich nur sagen, daß ich volles Verständnis für diese Entwicklung habe. Die Politik stärkt die großen Unternehmen systematisch und sorgt dafür, daß es für die Kleinen immer schwerer wird, durch all die Ringe zu springen, die ständig neu erfunden werden (und für die der Kunde nicht zahlt). Man wird an diversen Stellen schlechter gestellt als Arbeitnehmer, von auch nur passiver Unterstützung ganz zu schweigen. An dieser Stelle würde ich jetzt anfangen, eine Unmenge an einzelnen Beispielen zu bringen, aber wer will das Gejammer groß hören :-) ? Letztlich fährt man ein ziemliches Risiko, hat den großen Vorteil, Herr seiner Zeit zu sein und sollte in der Lage sein, sich mental vor Stress zu schützen, sonst kann das auf die Gesundheit gehen.
Freidenker10 15.08.2019
2.
Selbständigkeit ist politisch auch nicht gewollt! Wer einmal selbständig war und ist weiß wie hoch die Hürden sind. Da sind hohe Krankenkassenkosten, das ständige Damoklesschwert wenn man zu lange für einen Auftraggeber arbeitet scheinselbstständig zu sein, ein kompliziertes Steuerrecht das einen regelrecht zwingt einen Steuerberater zu bezahlen und ein Finanzamt das einem ab dem 2 oder 3 Jahr schon Steuervorauszahlungen abknöpft die man auch erst mal auf der Seite haben muss. Habs mir 4 Jahre selbst angetan, aber dann auch entnervt aufgehöert und mich wieder ins politisch gewollte Angestelltendasein zurückgezogen.
dragondeal 15.08.2019
3. Tja
Mein Vater war selbstständig, das Geld reichte für zwei und meine Mutter konnte den Papierkram machen. Ich war selbstständig, das Geld reichte so gerade für mich selbst und dank etwas Vorbildung konnte ich den Papierkram so grad noch selber machen. Heute reichen weder Zeit noch Geld und für den Papierkram brauchst du eh eine Fachkraft. Mit Risikokapital sah es in Deutschland eh schon immer mau aus, also läßt man es halt bleiben.
sj_comment 15.08.2019
4. Ich habe das Procedere
gerade durchlaufen zwecks Firmenübernahme. Es ist unfassbar schwierig wenn Fördergelder miteinfließen müssen. Die Verhandlungen, die Hürden, die Beratungen und die zunächst privaten Kosten steigen nach über einem Jahr ins unerträgliche. Viele viele schlaflose Nächte, ich kann die verstehen, die das ganze eher scheuen. Das zunächst zur Hausbankmodell ist eine Katastrophe, weil es unendlich lange dauert und Geld kostet und man erst am Ende weiß ob die Förderbank überhaupt mitspielt. Es geht, aber es ist nicht leicht!
hamburger62 15.08.2019
5. Anti-Selbständigkeit
Selbständige werden immer mehr zum Spielball der großen Kräfte. Gesetzgebung mit Scheinselbständigkeit, verpflichtender gesetzlicher Rentenversicherung, Mindestbeitrag bei Krankenversicherung auch bei nachweislich deutlich geringeren Gewinnen, teils erpressender Markt, ruinöser Wettbewerb, Abmahnungsrisiken.. die Liste der Unwegbarkeiten lässt sich beliebig verlängern. So bin ich nach fast 20 Jahren Selbständigkeit von 2 Jahren wieder in den sicheren Hafen der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung eingelaufen und bereue es keine Sekunde. Keine Akquisition, keine Existenzsorgen, machen, was mir Freude bereitet und sogar Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.. wunderbar.
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