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Job & Karriere

Mein Leben als Investmentbanker "So viel Geld tut jungen Menschen nicht gut"

100-Stunden-Wochen, Ritalin, Koks, hohe Boni und Geschäfte mit Waffenherstellern: Hier erzählt ein junger Investmentbanker von seinem Job - und wie viel die Serie "Bad Banks" mit der Realität zu tun hat.
Londoner Bankenviertel (Symbolbild)

Londoner Bankenviertel (Symbolbild)

Foto: � Ki Price / Reuters/ REUTERS

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Menschen, die hektisch in der Gegend herumrennen oder vor großen Bildschirmen mit Zahlen sitzen. Die Tabletten nehmen, um länger wach zu bleiben. Die arbeiten bis zum Umfallen und die über Leichen gehen für den eigenen Erfolg. Dieses Bild haben sicher viele von der Arbeit eines Investmentbankers. Die Serie "Bad Banks" finde ich hilfreich, um es zu erweitern. Auch wenn die Darstellung im TV wesentlich dramatischer ist als die Erfahrungen, die ich in der Realität gesammelt habe.

Ein Burn-out ist unter Investmentbankern weit verbreitet. Aber ich glaube nicht, dass es nur am Arbeitspensum liegt. Der hohe Verdienst und der damit verbundene innere Druck, seinen Lebensstandard rasant zu erhöhen und halten zu wollen, ist aus meiner Sicht die Ursache für das Ausbrennen. Jungen Menschen tut ein Einstiegsgehalt von 70.000 Euro und mehr im Jahr einfach nicht gut. In den vergangenen zwei Jahren habe ich in London von keinem Suizid unter Bankern gehört. Aber hier haben sich im Bankenviertel durchaus schon einige in die Tiefe gestürzt.

Ich habe 2015 mit 22 Jahren als Investmentbanker angefangen, also zwei Jahre nach dem Tod des deutschen Praktikanten Moritz Erhardt. Er arbeitete mehrere Tage durch, brach dann in der Dusche zusammen. Seitdem passen die Banken besser auf, gerade auf ihre Praktikanten. In der Regel müssen sie bis um Mitternacht das Büro verlassen haben und haben mindestens die Hälfe der Wochenenden frei.

Als Banker muss man vor allem entspannt sein, denn eigentlich kann man nur scheitern. Von Anfang an. Es ist fast unmöglich, einen Praktikumsplatz zu bekommen. Auf 200 Praktikumsplätze kommen 6000 Bewerbungen, die Akzeptanzrate von Bewerbungen in den großen, namhaften Banken liegt bei unter einem Prozent.

Ich habe Politikwissenschaft studiert. Während meines Studiums in London erzählte mir eine Freundin von der Möglichkeit, auch ohne betriebswirtschaftlichen Hintergrund ins Investmentbankingeinzusteigen.

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Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Mein Praktikum dauerte zehn Wochen. Eine Woche davon hatte ich ein Training. Mir wurden Grundlagen der Buchhaltung und der Marktwirtschaft erklärt. Großes Vorwissen ist nicht nötig, die Bank möchte vor allem junge Menschen, die sie formen kann. Wichtig ist vor allem die Motivation der Praktikanten und ihre Leistungsbereitschaft.

Nach dem Praktikum wurde mir ein Vertrag als Analyst in einer großen internationalen Investmentbank angeboten. Mit Mitte 20 gehörte ich schon zu den älteren, viele meiner Kollegen waren 21 oder 22 Jahre alt. Ich habe im sogenannten Middle Office gearbeitet. Was viele nicht wissen: Die Arbeitsbereiche teilen sich in drei Levels. Im Front Office, das auch in "Bad Banks" gezeigt wird, arbeiten Leute, die mit Kunden sprechen. Hier wird ab neun Uhr morgens bis nachts um zwei oder länger gearbeitet, oft auch am Wochenende. Ein Bekannter, der im Front Office tätig ist, erzählte mir, dass er in dieser Woche 100 Stunden gearbeitet hat. Das ist dort Normalität.

Zum Middle Office gehören etwa die Rechtsabteilung und die Berater der Trader. Im Backoffice ist zum Beispiel die Technologie angesiedelt. Im Middle und Backoffice ist das Arbeitspensum nicht so hoch. Mein Arbeitstag ging in der Regel von 8 bis 19 Uhr. Ich hatte 25 Tage Urlaub im Jahr, die ich alle nehmen konnte. Das ist im Front Office nicht möglich. Ich habe einen Freund, der dort arbeitet. Er hatte sich sieben Tage Urlaub genommen, um seine Familie in Asien zu besuchen. Aber selbst dort musste er jeden Tag in die Dependance der Bank. Die restlichen 18 Urlaubstage konnte er nicht nehmen.


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Mein Arbeitsbereich war die Handelsfinanzierung von Unternehmen, wobei ich mich vor allem mit ethischen Fragen beschäftigt habe: Sollen wir einem Unternehmen einen Kredit gewähren, das unter anderem auch Waffenproduziert? Ist es ethisch vertretbar, mit russischen Ölfirmen Geschäfte zu machen? In solchen Fragen habe ich die Banker im Front Office beraten. Theoretisch hatte ich ein Vetorecht, aber die meisten Deals gingen durch.

Die Auswirkungen der Finanzkrise habe ich allerdings deutlich gespürt: Es herrscht eine andere Mentalität zum Risiko als vorher. Und vor allem die Jüngeren haben den anderen Anspruch, ihre eigene Arbeit kritisch zu hinterfragen.

So massive Intrigen wie bei "Bad Banks" habe ich persönlich noch nicht erlebt. Damit sich die einzelnen Mitarbeiter nicht gegeneinander ausspielen können, wissen die Kollegen untereinander auch nicht, woran die anderen gerade arbeiten. Aber es gibt schon große Konkurrenz, vor allem, wenn es um die Verteilung der Boni geht.

Das Grundgehalt eines durchschnittlichen Einsteigers im Front Office liegt bei 60.000 Pfund im Jahr. Banker im Middle und Backoffice verdienen 45.000 bis 50.000 Pfund. Hinzu kommt ein Einstiegsbonus von 6000 Pfund. Jedes Jahr wird dann ein weiterer Bonus ausgezahlt, der bei jungen Mitarbeitern zwischen 5000 und 30.000 Euro liegt.

Im Trading wird der Bonus nach Leistung vergeben: Der Managing Director bekommt eine Summe, die er an sein Team verteilen kann. Je mehr Gewinn die Transaktionen erzielen, desto höher fällt der Bonus für den Mitarbeiter aus, der den Deal an Land gezogen hat. Wer wie viel Boni bekommt, bleibt allerdings geheim. Das entscheidet allein der Managing Director - und untereinander reden die Banker darüber nicht. Es kommt allerdings häufig vor, dass Mitarbeiter die Bank verlassen, weil sie der Meinung sind, ihre Boni seien zu gering ausgefallen.

Viele meiner Kollegen treiben Sport um abzuschalten. Aber ich brauche vor allem mentale Ablenkung. Mein Rezept: Spazieren gehen, lesen, entschleunigen. Ich achte genau darauf, dass ich während der Pause nicht in die Arbeit verstrickt bin. Ich esse immer außerhalb, nie an meinem Arbeitsplatz und lasse mein Handy für die halbe Stunde des Tages in meiner Tasche. Ich treffe mich mit Bekannten zum Mittag und knüpfe Kontakte. Die digitale Welt schalte ich dabei aus. Banker werden mit Daten überflutet, jeden Tag von morgens bis abends. Das hat beim Mittagessen nichts zu suchen.

Nach drei Jahren wechseln die meisten zum Beispiel in Hedgefonds, die sind weniger arbeitsintensiv. Aber ich kenne auch Investmentbanker, die schon 15 Jahre dabei sind. Manchmal frage ich mich: Wie machen die das nur?

Ritalin und solche Medikamente werden schon genommen und Kokain auch. Allerdings habe ich das selbst nie mit eigenen Augen gesehen, so etwas passiert hinter verschlossenen Türen. Ich schätze, dass etwa die Hälfte der Banker im Front Office Aufputschmittel oder Drogen nehmen, im Middle und Backoffice aber kaum jemand.

Meine Arbeit in der Bank lasse ich gerade ruhen, für ein Masterstudium an einer Eliteuniversität. Aber ich kann mir gut vorstellen, wieder ins Investmentbanking einzusteigen, durch das Studium dann in einer höheren Position.

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