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Werberin über zwölf Jahre Sexismus im Job "Knöpf mal ein bisschen die Bluse auf"

Die Grafikerin Ashley Winkler hat in ihrem Leben oft Sexismus erlebt. In einem langen Twitter-Thread verschaffte die Österreicherin sich Luft. Dafür bekam sie viel Zuspruch - und Penisbilder.
Screenshot des Twitter-Account von Ashley Winkler

Screenshot des Twitter-Account von Ashley Winkler

"Wenn Du nur 8-10h am Tag arbeiten willst, dann such Dir doch was anderes. Putzen oder so." Oder: "Planst Du in den nächsten 3 Jahren schwanger zu werden? Wir können nämlich niemanden einstellen, der länger ausfällt." Oder: "So viel Hose für so schöne Beine". Oder: "Kleines! Fräulein! Mausi!"

Die Grafikerin Ashley Winkler aus Graz hat Ende November auf Twitter fast 50 solcher Sprüche veröffentlicht, um auf Sexismus aufmerksam zu machen. "Sexistischer Bullshit der Arbeitswelt. Ein Thread" hat sie die Aufzählung überschrieben . Daraufhin haben ihr viele Frauen, aber auch Männer geschrieben und von ihren Erfahrungen berichtet. Die Folge war aber auch: noch mehr Sexismus.

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE in Wien erzählt sie, wie sie Feministin wurde und warum sie ihre Erfahrungen öffentlich gemacht hat.

Zur Person
Foto: Ashley Winkler/ melaphelia

Ashley Winkler, 30, ist freiberufliche Grafikerin und lebt in Wien. Sie ist gebürtig aus Graz und hat dort auch studiert. Nach Jahren in der Werbebranche arbeitet sie jetzt vor allem als Webdesignerin und Gestalterin in unterschiedlichen Bereichen. Außerdem engagiert sie sich in der Flüchtlingshilfe.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Vorfälle, die Sie bei Twitter aufzählen, allesamt Ihnen zugestoßen?

Winkler: Das habe ich zu 99 Prozent selbst erlebt. Da, wo ich etwas schildere, was ich von einer anderen Frau gehört habe, mache ich das kenntlich.

SPIEGEL ONLINE: Was hat den Anstoß zur Veröffentlichung gegeben?

Winkler: Mit dem Gedanken, das publik zu machen, trage ich mich seit Beginn der #MeToo-Debatte. Vor vier, fünf Wochen habe ich schon mal so einen Thread veröffentlicht. Da ging es um die Erfahrungen, die Frauen bei der Wohnungssuche machen. Jetzt wollte ich aufschreiben, was ich als Frau in der Arbeitswelt erlebe. Das ist wirklich arg. Ich finde, wir müssen die Täter an den Pranger stellen und nicht die Schuld bei den Opfern suchen. Nur so lernen die Menschen, dass das nicht in Ordnung ist.

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SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Sprüche, die Sie sich anhören mussten, über all die Jahre notiert?

Winkler: Ja, ich führe seit Jahren Buch darüber, schon als Schülerin. Ich habe sozusagen sexistische Aussagen gesammelt. Ich schreibe auch Tagebuch.

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SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie dazu gebracht, sich schon als Kind mit Feminismus zu beschäftigen?

Winkler: Als Kind, vielleicht acht oder neun Jahre alt, habe ich einen Artikel über die Vergewaltigung einer Frau gelesen. Die Hälfte des Textes ging darum, was sie anhatte und wie sie eine Mitschuld trug an der Tat. Sie hätte ja etwas anderes, weniger Aufreizendes anziehen können, stand da. So etwas verankert sich natürlich im Kopf eines Kindes. Ich habe erst Jahre später begriffen, wie falsch das ist. In meiner Kindheit war Feminismus ja schon sehr ausgeprägt. Ich hatte Poster von den Spice Girls an der Wand, von Alice Schwarzer und Nina Hagen. Gleichzeitig hieß es: Du musst Kinder kriegen und eine Familie gründen. Das widersprach sich, fand ich. Ich war sehr punkig und musste mir von meinen Verwandten anhören: So kriegst du nie einen Mann.

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SPIEGEL ONLINE: Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

Winkler: Wir brauchen Gleichberechtigung. Wir müssen sie so lange fordern, bis es sie wirklich gibt. Es muss sich viel stärker ein Verständnis dafür bilden, was in Ordnung ist und was nicht. Feminismus wird ja leider immer noch als eine Art radikale Bewegung gesehen. Feministinnen gelten als Mannsweiber, als hässliche Frauen, die nach Aufmerksamkeit suchen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass Frauen und Männer gleichbehandelt werden, egal wo.

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SPIEGEL ONLINE: In der #MeToo-Debatte kamen auch Stimmen auf, Typen wie Harvey Weinstein seien eine Ausnahme, in Wahrheit sei alles gar nicht so schlimm. Aber jetzt dürften Männer nicht einmal mehr Komplimente machen. Wie sehen Sie das?

Winkler: So vieles wird immer noch als Kavaliersdelikt abgetan. 'Es war doch nur ein Klaps auf den Hintern', heißt es dann. Viele sehen das Ausmaß ihrer Taten nicht und was sie damit anrichten. Jeder und jede bekommt natürlich gerne Komplimente. Aber es ist ein himmelweiter Unterschied, ob mir jemand sagt: 'Du siehst heute gut aus' oder 'Hallo, heut' sehen wir aber heiß aus'. Neulich habe ich einen Tweet gelesen, in dem es sinngemäß hieß: Wenn Männer sich darüber aufregen, dass ihre sexuellen Belästigungen nicht als Komplimente wahrgenommen werden, dann sollten sie mal über ihre Komplimente nachdenken. Das sehe ich genauso.

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SPIEGEL ONLINE: Ihre Tweets schildern Erlebnisse aus Ihrer Berufswelt. Sie sind Grafikerin und arbeiten in der Werbewelt. Ist es dort besonders schlimm?

Winkler: Ich kann nicht für andere Branchen sprechen, aber meine ist sicherlich schwierig. Bei der Einstellung werden Frauen nach ihrer Familienplanung gefragt. Dabei ist das gesetzlich verboten und geht niemanden etwas an. Wie will man sich dagegen wehren? Bei manchen Meetings zählt die Stimme einer Frau weniger. Wenn sie technische Dinge erklärt, traut man ihr nicht. Wenn ein Mann anschließend das gleiche sagt, glaubt man ihm sofort. Frauen werden zum Kaffeeholen oder Aufräumen in die Küche geschickt. Und was glauben Sie, bekommen Frauen zu hören, die ungeschminkt und in T-Shirt und Jeans zur Arbeit kommen? Bei einem Mann ist das natürlich ganz anders.

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SPIEGEL ONLINE: Welche Reaktionen haben Sie auf Ihren Thread bekommen?

Winkler: Einer schrieb mir, er würde mich bestimmt nicht einstellen, weil ich ihn ja anzeigen würde, wenn er mir nur auf den Hintern klopft. Viele Frauen und auch Männer schrieben mir von ihren Erfahrungen. Davon, dass sie Angst haben, etwas zu sagen, weil sie fürchten, ihre Jobs zu verlieren. Leider kamen auch viele Beleidigungen, sexuelle Anspielungen und Penisbilder.

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SPIEGEL ONLINE: Was machen solche Erfahrungen mit Ihnen? Sind Sie abgehärtet?

Winkler: Ich bin zwar hart im Nehmen, aber solche Taten kleben an einem. Ich kann jede Situation, in der ich sexistische Übergriffe erlebt habe, genau beschreiben. Das vergisst man nicht. Das Schlimme ist der Alltagssexismus. Die Täter merken nicht einmal mehr, dass sie etwas Falsches tun. Mein Glück ist: Ich bin sehr vorlaut und kann mich wehren, indem ich Probleme anspreche.

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SPIEGEL ONLINE: Ist Alltagssexismus eigentlich vergleichbar mit Alltagsrassismus?

Winkler: Beides kommt aus einer ähnlichen Richtung. Menschen haben Angst, etwas zu verlieren. Bei Sexismus fürchten Männer um ihre Rolle als Patriarch. Beim Rassismus geht es um die Angst, die eigene Kultur zu verlieren oder den Job. Aus diesem Gefühl heraus gehen sie in den Angriff.