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04. März 2015, 09:48 Uhr

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

"Pornobilder im Büroverteiler gelten als normal"

Ein Interview von

Am Arbeitsplatz ist Sexismus Alltag, zeigt eine aktuelle Studie. Die Netzfeministin Anne Wizorek erklärt, wie man auf Belästigung im Büro am besten reagiert. Und wo die Grenze zum Flirt verläuft.

KarriereSPIEGEL: Frau Wizorek, sexuelle Belästigung gibt es überall im Alltag. Wieso ist das Büro ein Sonderfall?

Anne Wizorek: Weil es hier ein eindeutiges Machtgefälle gibt. Gerade wer in der Ausbildung ist, einen befristeten Vertrag hat, nur Teilzeit arbeitet, steht unter dem Druck, still zu halten: Der Chef sitzt nun einmal am längeren Hebel.

KarriereSPIEGEL: Bei der aktuellen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle sagten 50 Prozent der Befragten: Ja, Zoten, anzügliche Bildchen, Berührungen, kennen wir vom Arbeitsplatz. Aber nur ein Bruchteil fühlte sich davon belästigt. Wieso?

Wizorek: Das beweist zunächst, wie alltäglich diese Situationen sind. Es wird als normal empfunden, pornografische Bilder über den Büroverteiler rumzuschicken. Okay, wenn das nur ein paar Bürokumpels machen, ist das vielleicht was anderes. Aber dass das Bewusstsein für die Facetten sexueller Belästigung fehlt, hat ganz unterschiedliche Gründe: Frauen wird suggeriert, dass sie selbst schuld sind. Und Männer wollen dem Bild des harten Kerls entsprechen, es wird erwartet, dass sie Zoten und Co. auch noch gut finden.

KarriereSPIEGEL: Aber wenn es kaum jemand problematisch findet, ist es doch eigentlich nicht so schlimm?

Wizorek: Wenn es nur daran liegt, dass sich niemand offen zu reden traut, dann schon. Den gesetzlichen Rahmen gibt es ja. Allerdings fehlt ein gesellschaftliches Klima, das es erlaubt, solche Erfahrungen zu thematisieren. Auch bei der Arbeit.

KarriereSPIEGEL: Ein Dilemma: Ich fühle mich belästigt, will aber nicht als Querulantin dastehen, die das Arbeitsklima vergiftet. Was tun?

Wizorek: Es ist ja bereits ein Unterschied, ob das einmal vorkommt oder man zehn solcher Situationen im Monat erlebt. Bei einer kontinuierlichen Belästigung ist die psychische Belastung enorm. Man könnte sich Verbündete im Kollegenumfeld suchen, die Ähnliches erlebt haben. Als Gruppe ist man sofort weniger angreifbar. Außerdem können externe Beratungsstellen helfen, besser einschätzen zu können, wie man weiter vorgeht.

KarriereSPIEGEL: Vor allem wenn man keine Zeugen hat.

Wizorek: Ja, man sollte die einzelnen Vorkommnisse genau dokumentieren. So wie es sich auch für andere Mobbingfälle empfiehlt.

KarriereSPIEGEL: 60 Prozent der befragten Personaler und Betriebsräte wissen nicht, wie der eigene Laden mit sexueller Belästigung umgeht. Wieso sind Arbeitgeber so schlecht vorbereitet?

Wizorek: Vermutlich herrscht die Furcht, es wäre wie ein Eingeständnis, dass im Haus etwas nicht okay ist, wenn sie eine zentrale Ansprechperson für solche Fälle benennen. Zudem muss sich eine bestimmte Hierarchieebene erst einmal dafür entscheiden, Maßnahmen zu ergreifen, etwa Trainings zu organisieren, um Mitarbeiter und auch die Chefetage für Diskriminierungen zu sensibilisieren.

KarriereSPIEGEL: Hier und da werden inzwischen Unisex-Toiletten für mehr Geschlechtergerechtigkeit installiert: Ist das in diesem Fall nicht kontraproduktiv?

Wizorek: Es ist nicht erwiesen, dass das der Fall ist. Im Gegenteil: In Großbritannien hat eine Schule sogar Unisextoiletten explizit eingeführt, damit es weniger Bullying und Übergriffe gibt. Auch in Skandinavien sind sie schon viel verbreiteter, ohne dass von solchen Problemen berichtet wird.

KarriereSPIEGEL: In Ihrem Buch "Weil ein Aufschrei nicht reicht" sagen Sie, manchmal müsse man besser Ressourcen schonen, statt zu diskutieren. Gilt das auch fürs Büro?

Wizorek: Am Ende muss die betroffene Person selbst einschätzen, was der beste Weg ist. Manchmal mag ein knackiger Spruch Linderung verschaffen. Aber man sieht die Kollegen ja nicht nur einen Tag, sondern die ganze Woche.

KarriereSPIEGEL: Also doch einfach keine kurzen Röcke mehr anziehen, damit der Kollege seine Hand nicht erneut auf mein Knie legt oder wie?

Wizorek: Nein, das ist ja keine Garantie dafür, dass es keine Übergriffe mehr gibt. Und schließlich sollen nicht die Frauen ihr Verhalten ändern, sondern die Täter.

KarriereSPIEGEL: Und wie reagieren Sie?

Wizorek: Sexuelle Belästigung selbst habe ich bei der Arbeit nie erlebt, aber unterschiedliche sexistische Sprüche bekam ich schon zu hören, die ganz klar markierten, dass ich die Frau im Raum bin. Ich drücke in diesen Fällen demjenigen einfach einen Spruch hin, damit ist der Fall dann meist erledigt. Besser und nicht so nervig wäre trotzdem, wenn diese Bemerkung gar nicht erst gefallen wäre.

KarriereSPIEGEL: Da verwischt aber die Grenze zum Flirten.

Wizorek: Flirten passiert auf Augenhöhe, Belästigung nicht. Es ist eigentlich ganz einfach, ein bisschen Empathie und ein Gespür für Mimik und Gestik reichen. Dreht sie sich weg? Dann bin ich vielleicht auf dem falschen Dampfer und sollte nicht auch noch weiterbaggern. Alles, was eine Seite als unerwünscht empfindet, ist zu viel. Das heißt ja nicht, dass alle zwischenmenschlichen Kontakte eingestellt werden müssen.

KarriereSPIEGEL: Kurz: Ein absolutes Minenfeld.

Wizorek: Nun, das hat auch damit zu tun, wie wir sozialisiert sind: Frauen müssen nett sein, allen alles recht machen, bloß keine Kritik üben. Und viele Männer denken, alle Aufmerksamkeit ist von Frauen erwünscht. Von diesen Geschlechterstereotypen müssen wir weg und wacher werden für Vorurteile, die tief in uns allen verwurzelt sind. Der Mann ist der Jäger und die Frau die Prinzessin auf der Burg, die erobert werden will? Diese Zeiten sind vorbei. Sexismus ist für alle schlecht.

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