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Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz "Viele wollen das Problem lösen - wissen aber nicht, wie"

Ein aufdringlicher Kollege, ein grabschender Chef? Arbeitsrechtsanwältin Kaja Keller verrät, wie man sich wehren kann.
Ein Interview von Franca Quecke
Wer auf der Arbeit ungewollt angemacht oder angefasst wird, kann sich an die Beschwerdestelle im Betrieb wenden - sofern es eine gibt

Wer auf der Arbeit ungewollt angemacht oder angefasst wird, kann sich an die Beschwerdestelle im Betrieb wenden - sofern es eine gibt

Foto: mediaphotos/ Getty Images

Mit den Auftaktplädoyers startet der Prozess gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein, dem zahlreiche Frauen Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe vorwerfen, nun inhaltlich. Dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz allerdings nicht nur in der Filmbranche vorkommt, zeigte erst vor wenigen Monaten eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Demnach wurde in den vergangenen drei Jahren jeder elfte Arbeitnehmer im Job sexuell belästigt. Frauen waren mehr als doppelt so oft betroffen wie Männer, am häufigsten erlebten die Befragten verbale Belästigungen wie sexualisierte Kommentare oder unangemessene Witze. Was Betroffene im Zweifelsfall tun können, wie Vorgesetzte häufig reagieren und mit welchen Konsequenzen Täter rechnen müssen, verrät Arbeitsrechtsanwältin Kaja Keller.

SPIEGEL: Frau Keller, viele behaupten, in Folge der #MeToo-Debatte verunsichert zu sein: Wo liegt im Büro die Grenze zwischen Flirt und sexueller Belästigung?  

Kaja Keller: Sexuelle Belästigung fängt bei zweideutigen Kommentaren oder anzüglichen Witzen an, die Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen herabsetzt, etwa der Chef, der über den Körper oder die Kleidung seiner Mitarbeiterinnen Sprüche reißt. Mit subtilen Äußerungen, Einschüchterungen oder Handgreiflichkeiten testen viele Arbeitgeber oder Kollegen ihre Grenzen aus und spielen damit. Kurzum: Wenn eine Handlung unerwünscht ist und sich eine Betroffene unwohl oder entwürdigt fühlt, ist es kein Flirt - egal, wie der Beschuldigte es nun nennen mag. 

Zur Person
Kaja Keller, Jahrgang 1977, arbeitet als Arbeitsrechtsanwältin für „Gansel Rechtsanwälte“ in Berlin.

Kaja Keller, Jahrgang 1977, arbeitet als Arbeitsrechtsanwältin für „Gansel Rechtsanwälte“ in Berlin.

Foto: Gansel Rechtsanwälte

SPIEGEL: Sie sprechen von männlichen Tätern und weiblichen Opfern? 

Keller: Ich spreche oft von Tätern in der männlichen Form, denn meiner Erfahrung nach trifft es fast immer Frauen oder marginalisierte Gruppen. Aber natürlich sind auch Männer von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffen.  

SPIEGEL: Nehmen wir an, ein Kollege fasst eine Kollegin an, obwohl sie das nicht möchte. Wie sollte sie reagieren?  

Keller: Am besten äußert man sofort deutlich, dass man das nicht möchte - obwohl man in solchen Situationen natürlich perplex ist. Man kann zum Beispiel sagen: „Hier ist für mich eine Grenze überschritten, das hat am Arbeitsplatz nichts zu suchen“ und dann den Raum verlassen. Als zweites sollte man sich jemandem anvertrauen. Wenn man sich im Betrieb noch nicht gleich öffnen will, kann man sich an Beratungstelefone oder die Antidiskriminierungsstelle des Bundes wenden. Mit Kolleginnen und Kollegen sollte man nur sprechen, wenn man ihnen vertrauen kann.  

Angst vor arbeitsrechtlichen Konsequenzen oder Schikanen

SPIEGEL: Was können Betroffene nach einem Vorfall noch tun? 

Keller: Ein Gedächtnisprotokoll kann helfen. Denn je detaillierter man eine Situation wiedergeben kann, desto glaubwürdiger wirkt man. Wenn man sich schnell einer anderen Person anvertraut, sind die Details auch noch ganz frisch. Die Kollegin kann dann bestätigen, dass der Beschuldigte an dem Tag wirklich eine grüne Jacke anhatte. Grundsätzlich sollte man einen Vorfall so schnell wie möglich melden. Sonst muss man sich mitunter anhören, dass es ja nicht so schlimm gewesen sein könne, wenn man so lange gewartet hat.  

SPIEGEL: Solche Kommentare sind wahrscheinlich ein Grund, warum Betroffene sich schwer tun, Belästigung am Arbeitsplatz zu melden.  

Keller: Fast immer geht es auch um eine gewisse Scham, die Betroffene empfinden, wenn sie kleine Aufmerksamkeiten des Anderen am Anfang noch dulden - und schließlich merken, dass es unangenehm wird. Die Angst vor den arbeitsrechtlichen Konsequenzen oder Schikanen am Arbeitsplatz kommt dann noch dazu. Deshalb müssen Vorgesetzte klar machen: Du kannst dich an uns wenden und du hast nichts zu befürchten.  

"Hier ist das System lückenhaft"

SPIEGEL: Wie viel Glauben wird Betroffenen in der Praxis geschenkt?  

Keller: Meiner Erfahrung nach verharmlosen viele Beschuldigte die Situation eher, als dass sie den Vorwurf komplett abstreiten. Auch Arbeitgeber unterstellen in den seltensten Fällen üble Nachrede oder gehen sogar so weit, Betroffenen zu kündigen. Die meisten wollen den Vorwurf eher schnell aus der Welt schaffen, um beispielsweise auf Internetplattformen nicht schlecht bewertet zu werden. Manche sind auch erschrocken, wie das in ihrem Unternehmen passieren konnte. Viele wollen das Problem lösen, wissen allerdings nicht wie. Das ist die größere Herausforderung.  

SPIEGEL: Wie kann das sein?  

Keller: Laut des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) sind Arbeitgeber verpflichtet, Beschwerdestellen einzurichten und diese bekannt zu geben - immer und immer wieder. Das kann ein Mitglied des Betriebsrates sein oder auch der oder die Gleichstellungsbeauftragte. In der Praxis hakt es allerdings häufig daran, dass es diese Stellen nicht gibt oder nicht bekannt ist, wer dafür verantwortlich ist. In sehr kleinen Betrieben kann auch der Chef selbst der Ansprechpartner bei Belästigungen sein.  

SPIEGEL: Und was, wenn die sexuellen Anspielungen vom Chef kommen?  

Keller: Hier ist das System lückenhaft. Denn eigentlich ist der Arbeitgeber ja verpflichtet, sexuelle Belästigung zu verhindern und sich um seine Mitarbeiter zu kümmern – übrigens auch im Fall von übergriffigen Kunden. Ist er allerdings die Ursache für das Problem, bleiben Betroffenen nur externe Stellen.  

SPIEGEL: Nehmen wir an, es gibt eine Beschwerdestelle im Unternehmen. Wie sollte die bei einem Vorwurf vorgehen?  

Keller: In der Regel wird erst mit der Betroffenen gesprochen, danach mit dem Beschuldigten. Auch der Arbeitgeber muss informiert werden. Die Verantwortlichen versuchen dann herauszufinden, ob Grenzen überschritten wurden - was natürlich schwierig ist, wenn man selbst nicht dabei war.  

SPIEGEL: Mit welchen Konsequenzen müssen Beschuldigte rechnen?  

Keller: Das kommt ganz auf den Vorfall an. In der Regel wird jemand erst ermahnt, dann abgemahnt, versetzt, ganz am Ende steht schließlich die Kündigung. Allerdings halte ich eine Versetzung arbeitsrechtlich für schwierig, schließlich könnte der Beschuldigte am neuen Arbeitsplatz weitermachen wie bisher. Damit Betroffene ihre Ruhe haben, kommen sie oft auch erst einmal in eine andere Abteilung oder werden für eine bestimmte Zeit freigestellt.  

SPIEGEL: Das klingt wie eine Strafe.  

Keller: Meiner Erfahrung nach wollen viele Betroffene erst einmal nichts mit dem Täter zu tun haben, geschweige denn, ihn täglich auf der Arbeit sehen. Als Führungskraft sollte man sich deshalb bemühen, die Opfer an allen Entscheidungen teilhaben zu lassen. Um das zu gewährleisten, sollten die Verantwortlichen nicht nur rechtlich geschult sein, sondern auch sensibel moderieren können. Arbeitsrechtlich ist es natürlich nicht möglich, dass eine Abteilungsleiterin plötzlich zur Pförtnerin degradiert wird.  

SPIEGEL: Am besten wäre es ja, wenn es in jedem Betrieb präventive Maßnahmen gäbe, damit es erst gar nicht zu sexueller Belästigung kommt.  

Keller: Auch die schreibt das AGG vor, auch das ist in der Praxis leider nicht überall gegeben. Ich rate: Jeder Betrieb sollte Belästigungen und Grenzüberschreitungen bereits im Vorfeld definieren. Außerdem sollten Führungskräfte die Werte eines Unternehmens in Schulungen klar festhalten. Wovon ich nichts halte: Sämtliche Beziehungen am Arbeitsplatz zu verbieten - das funktioniert einfach nicht. 

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