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Studie Je höher die Position, desto mehr sexuelle Belästigung

Wissenschaftler befragten knapp 27.000 Frauen auf drei Kontinenten - und kamen zu einem eindeutigen Ergebnis: Chefinnen sind noch häufiger von Belästigungen betroffen als andere weibliche Angestellte.
Weibliche Vorgesetze sind am Arbeitsplatz häufiger von sexueller Belästigung betroffen

Weibliche Vorgesetze sind am Arbeitsplatz häufiger von sexueller Belästigung betroffen

Foto: baona/ Getty Images

Eine Führungsposition schützt Frauen nicht vor sexueller Belästigung - das Gegenteil ist der Fall. Chefinnen erfahren laut einer kürzlich veröffentlichten Studie  häufiger unangenehme, sexuell konnotierte Situationen als andere weibliche Angestellte. Für die Studie werteten Wissenschaftler die Aussagen von insgesamt 26.828 Frauen aus.

"Eine weibliche Führungskraft ist einer neuen Gruppe von potenziellen Tätern ausgesetzt. Sie kann sowohl von ihren Angestellten als auch von höher gestellten Managern belästigt werden", sagte Mitverfasserin Johanna Rickne, die als Wirtschaftsprofessorin am Schwedischen Institut für Sozialforschung arbeitet.

Für die Studie werteten die Wissenschaftler Daten aus den USA, Japan und Schweden aus. In allen drei Ländern ergab sich ein ähnliches Bild: Weibliche Führungskräfte berichteten zwischen 30 und 100 Prozent häufiger, dass sie belästigt würden.

"Eigentlich war unsere Erwartung, dass Frauen mit weniger Macht am Arbeitsplatz mehr Belästigung erfahren"

Die unterschiedlichen Zahlen ergeben sich aus der Art der Befragung: In einigen Teilen der Untersuchung mussten Frauen subjektiv einschätzen, ob sie am Arbeitsplatz schon einmal sexuell belästigt wurden. In anderen wurde abgefragt, welche konkreten Situationen die Studienteilnehmerinnen erlebt hatten - ob sie etwa jemand schlechter behandelte, nachdem sie ein Angebot zum Sex ausgeschlagen hatten, oder ob sie jemand wiederholt ins Restaurant eingeladen hatte, obwohl sie immer wieder "Nein" sagten.

Mussten die Frauen nur beantworten, ob sie schon einmal sexuelle Belästigung erfahren hatten, lag die Rate in Japan und den USA 100 Prozent höher als bei anderen weiblichen Angestellten. In Schweden wurde dieser Wert nicht erfasst. "Eigentlich war unsere Erwartung, dass Frauen mit weniger Macht am Arbeitsplatz mehr Belästigung erfahren. Tatsächlich haben wir das Gegenteil herausgefunden", so Rickne.

Hatten die Frauen ein "hauptsächlich männliches" Team, waren sie besonders betroffen. In allen untersuchten Ländern erfuhren sie im Schnitt 30 Prozent mehr sexuelle Belästigung als Chefinnen, die "hauptsächlich weibliche" Angestellte hatten.

Jeder elfte deutsche Arbeitnehmer hat schon sexuelle Belästigung erlebt

Die Situation in Deutschland wurde in der Studie nicht untersucht, doch die aktuelle Forschung zeigt: Unangemessene Witze oder Berührungen hat jeder elfte deutsche Arbeitnehmer in den vergangenen drei Jahren erlebt. Frauen waren dabei mehr als doppelt so häufig betroffen wie Männer, wie eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes  zeigt.

Im vergangenen Jahr fragte Der SPIEGEL seine Leserinnen: "Was haben Sie erlebt?" Und erhielt darauf viele Zuschriften von Frauen, die schon einmal an ihrem Arbeitsplatz belästigt wurden. Eine Leserin schrieb: "Ich habe nichts dazu gesagt. Die Scham aber war groß, weil ich es einfach nur ertragen habe."

lmd
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