Studie zu sexueller Belästigung im Job Grapschen, Sprüche, schlechte Witze

Jeder elfte Arbeitnehmer wurde in den vergangenen drei Jahren im Job sexuell belästigt. Das zeigt eine neue Studie. Die Täter sind meistens männlich - und in einer Branche ist das Risiko für Angestellte besonders hoch.

Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist alltäglich
Getty Images/iStockphoto

Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist alltäglich


Unangemessene Witze, Belästigungen, Berührungen: Jeder elfte Arbeitnehmer (9 Prozent) hat in den vergangenen drei Jahren sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. Frauen waren dabei mehr als doppelt so häufig betroffen wie Männer, zeigt eine neue Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Dafür wurden mehr als 1000 Beschäftigte zum Ausmaß sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und zu ihrem Umgang damit befragt. Demnach waren die Befragten mit 62 Prozent am häufigsten von verbalen Belästigungen wie sexualisierten Kommentaren oder unangemessenen Witzen betroffen. Dahinter folgten Belästigungen durch Blicke und Gesten, unerwünschte Berührungen oder körperliche Annäherungen.

Bei den meisten Erfahrungen handelte es sich der Studie zufolge nicht um einmalige Vorfälle - acht von zehn der Befragten wurden mehr als einmal belästigt. Darüber hinaus gaben mehr als 80 Prozent der Betroffenen ausschließlich oder überwiegend Männer als Täter an.

"Sexuelle Belästigung im Job ist ein gravierendes Problem und kann für die Betroffenen schwerwiegende Folgen haben", sagte Bernhard Franke, kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle. Es liege im Interesse der Unternehmen, hier durch klare Richtlinien und Maßnahmen einzugreifen - zum Beispiel durch feste Ansprechpersonen und verpflichtende Schulungen für Führungskräfte.

Übergriffige Kunden

Der Studie zufolge ging mehr als die Hälfte der Übergriffe von Dritten aus (53 Prozent) - von Kunden, Patienten, Klienten. Bei 43 Prozent der belästigenden Personen handelte es sich um Kollegen, bei einem Fünftel waren es Vorgesetzte oder höhergestellte Personen.

Grundsätzlich besteht in allen Branchen das Risiko, sexuell belästigt zu werden, so die Studie. Dennoch zeigt sich: Am stärksten waren Mitarbeiter in Berufsgruppen betroffen, die täglich mit Kunden in Kontakt kommen. So arbeiteten Betroffene vor allem in bestimmten Branchen:

  • Gesundheits- und Sozialwesen: 29 Prozent
  • Handel: 12 Prozent
  • Verarbeitendes Gewerbe: 11 Prozent
  • Erziehung und Unterricht: 10 Prozent

"Wenn Kundinnen und Kunden belästigen, müssen Arbeitgeber sofort einschreiten, um ihre Beschäftigten zu schützen", sagt Bernhard Franke. "Das kann bis zu einem Lokal- oder Hausverbot führen und darf beispielsweise im Gastronomiebereich oder Einzelhandel nicht als 'Berufsrisiko' bagatellisiert und ignoriert werden."

Die Studie zeige nämlich, dass die Betroffenen sexuelle Belästigung vielfach als erniedrigend und abwertend sowie als bedrohlich empfinden.

  • So sagten 48 Prozent der betroffenen Frauen, sie hätten sich durch die Belästigung mittel bis sehr stark erniedrigt und abgewertet gefühlt. Bei den Männern waren es 28 Prozent.
  • Von mittelstarken bis sehr starken psychischen Belastungen berichteten 41 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer.
  • 30 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer empfanden die Situation als mittel bis stark bedrohlich.

Während zwei Drittel der Befragten angaben, sich unmittelbar nach der Belästigung mit Worten gewehrt zu haben, wandten sich vier von zehn Betroffenen erst später an Dritte, zum Beispiel an:

  • Kolleginnen und Kollegen: 47 Prozent
  • Vorgesetzte: 36 Prozent
  • Freunde oder Familie: 15 Prozent
  • Beratungsstellen oder therapeutische Einrichtungen: 11 Prozent

Dabei wissen rund 40 Prozent der Beschäftigten nicht, ob es in ihrem Betrieb überhaupt eine eigene Beschwerdestelle gibt - obwohl Arbeitgeber gesetzlich dazu verpflichtet sind, solche Stellen einzurichten und Mitarbeiter darüber zu informieren.

Mehr zur Studie
Wer hat die Umfrage in Auftrag gegeben?
Die Studie "Strategien im Umgang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz – Lösungsstrategien und Maßnahmen zur Intervention" wurde von Juni 2018 bis Mai 2019 im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes durchgeführt. Autoren sind Monika Schröttle vom Institut für empirische Soziologie an der Universität Erlangen-Nürnberg (IfeS) und Henry Puhe vom SOKO Institut in Bielefeld.
Welche Daten wurden erhoben?
Die Studie beruht auf mehren Datensammlungen: einer vom Bielefelder SOKO Institut durchgeführten Telefonbefragung von 1531 Personen, einem qualitativen Studienteil mit Vertiefungsinterviews von Betroffenen, Fokusgruppendiskussionen mit verschiedenen Akteuren (darunter Vorgesetzte, Kollegen, Betriebsräte, Frauenbeauftragte und Anwälte) sowie auf ausgewerteten Rechtsfällen und einer systematischen Literaturanalyse.
Wie aussagekräftig sind die Ergebnisse?
Die Telefonbefragung ist nach Aussage der Autoren repräsentativ.

Die Autoren der Untersuchung sehen deshalb vor allem Vorgesetzte in der Verantwortung: Die müssten bei sexueller Belästigung konsequent und zeitnah intervenieren sowie Verpflichtungserklärungen, Maßnahmen und Sanktionen festlegen. Außerdem sollten sie regelmäßig die Mitarbeiter befragen, ob und welche Probleme es im Betrieb in Bezug auf sexuelle Belästigung gibt.

Denn der Studie zufolge leitete nur ein Prozent der Betroffenen selbst rechtliche Schritte ein. Als Gründe nannten sie unter anderem mangelnde Informationen, Angst vor zu wenig Anonymität und negativen Folgen sowie den Versuch, das Problem selbst zu lösen.

Eine ähnliche Befragung durch die Antidiskriminierungsstelle hatte zuletzt im Jahr 2015 ergeben, dass jede sechste Frau und jeder 14. Mann am Arbeitsplatz schon einmal ein Erlebnis hatte, das von ihr oder ihm selbst als "sexuelle Belästigung" eingestuft wurde.

Was haben Sie erlebt?
    Wer sexuell belästigt wird, ist oft zu perplex, um souverän zu reagieren und den verbalen oder auch körperlichen Angriff abzuwehren. Manchmal klappt es aber doch: Wie haben Sie reagiert? Schreiben Sie uns von schlagfertigen Antworten, die Sie im richtigen Moment platzieren konnten.
  • Schreiben Sie uns eine E-Mail.
Mit einer Einsendung erklären Sie sich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.

faq

insgesamt 134 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bondurant 25.10.2019
1. Aha
Der Studie zufolge ging mehr als die Hälfte der Übergriffe von Dritten aus (53 Prozent) - von Kunden, Patienten, Klienten. Bei 43 Prozent der belästigenden Personen handelte es sich um Kollegen, bei einem Fünftel waren es Vorgesetzte oder höhergestellte Personen. 53% "Dritte", hieße eigentlich 47% Betriebsangehörige. Aber, o Wunder: da kommt man auf 63% (43% Kollegen, 20% Vorgesetzte und "höhergestellte Personen"(?). In summa 116%. Was hat man denn da wieder mehrfach gezählt? Die Vermutung ist, dass die Vorgesetzten schon mal bei den Kollegen mitgezählt wurden. Ist das so? Und merkt das keiner vor Veröffentlichung?
charly05061945 25.10.2019
2. Früher
Ich habe in 55 (Menschen aus meinem Geburtsjahr begannen ihr Arbeitsleben mit 14 oder 15 Jahren, mit 70 habe ich mich "zur Ruhe gesetzt") Berufsjahren mit Frauen als Kollege, Vorgesetzter und Untergebener problemlos zusammengearbeitet. Machte man früher einer Dame ein Kompliment betreffs Outfit oder Aussehen hat das Freude ausgelöst, heute würde ich mir derartige Komplimente verkneifen um nicht in den Verdacht des Sexismusses zu geraten.
sternfeldthommy 25.10.2019
3. ich bin überrascht
das auch Männer von anderen Männern am Arbeitsplatz sexuell belästigt werden, ist ja nichts neues... aber das dies derart oft vorkommt, erstaunt mich wirklich
ThomasCW 25.10.2019
4. Belästigung durch Blicke
Ich finde es irritierend wie wichtige und ernsthafte Themen durch solche Albernheiten verwässert werden.
dirkhs 25.10.2019
5. Ich kann es nicht verstehen
Vielleicht bin ich nicht repräsentativ, vielleicht liegt es auch an meinem 2 Beruf - Fotograf - würde ich einen blöden Spruch oder was auch immer tun wäre ein Shooting zu ende, bzw. gibt es keine guten Ergebnisse , aber eigentlich hat man(n) sowas zu unterlassen. Das kann doch nicht so schwer sei, sich vernünftig zu verhalten
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.