In Kooperation mit

Job & Karriere

Der Liebe wegen nach Singapur "Wer zuerst einen Job findet, zieht um"

Lutz Rahe wollte online Englisch üben - und verliebte sich in seine Chatpartnerin aus Singapur. Hier erzählt der Informatiker, wie er mit 56 Jahren sein Leben umgekrempelt hat.
Aufgezeichnet von Verena Töpper
Lutz Rahe hat seine große Liebe übers Internet kennengelernt

Lutz Rahe hat seine große Liebe übers Internet kennengelernt

Foto: Lutz Rahe

"Wer zuerst einen Job findet, zieht um. Das war die Abmachung zwischen meiner Freundin und mir. Zweimal hatten wir uns für jeweils zwei Wochen in der Heimat des anderen getroffen; in Hamburg und Singapur. Dann stand für uns fest: Wir wollen ein gemeinsames Leben wagen. Eine weitreichende Entscheidung, denn zu diesem Zeitpunkt waren wir beide noch verheiratet. 

Wir haben uns im Internet kennengelernt, in einem internationalen Freundschaftsforum, bei dem ich mich eigentlich nur angemeldet hatte, um mein Englisch aufzubessern. Als Informatiker hatte ich zwar beruflich viel mit Englisch zu tun, aber sich mit jemandem zu unterhalten, ohne auf Google Translate zurückzugreifen, ist ja schon etwas anderes. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich der Liebe wegen bald nach Singapur auswandern und von morgens bis abends Englisch sprechen würde, hätte ich ihn wohl für verrückt erklärt. Aber schon nach meinem ersten Besuch in Singapur war klar: Das ist mehr als eine Brieffreundschaft.

Auch die Stadt hat mir auf Anhieb gefallen. Es ist super sauber hier, geraucht werden darf auch im Freien nur auf bestimmten Plätzen, der Nahverkehr ist wahnsinnig effizient und es gibt Wasser und Wind - das ist mir als Norddeutscher wichtig. Außerdem liebe ich asiatisches Essen, für mich darf es gern richtig scharf sein. Kulinarisch ist Singapur deshalb für mich ein Traum. An jeder Ecke gibt es leckeres Essen, das sogar günstiger ist, als wenn man es selbst zubereiten würde.

Fotostrecke

"Manchmal vermisse ich das Hamburger Schmuddelwetter"

Foto: Lutz Rahe

Ich bin Cloud Architect, das ist derzeit weltweit ein gefragter Beruf, weil gerade viele Firmen ihre Onlineangebote in eine Public Cloud verlagern. Ich habe auf LinkedIn passende Unternehmen in Singapur angeschrieben und mich bei einer Firma während meines Urlaubs persönlich vorgestellt. Noch vor meinem Rückflug nach Hamburg hatte ich den Vertrag in der Tasche, und so stand also fest: Ich werde derjenige sein, der umzieht.

Die folgende Zeit war nicht schön, weder für meine Freundin noch für mich, denn wir mussten ja beide durch eine Scheidung. Als ich dann im Dezember 2018 den Aufkleber in meinem Pass hatte: 'keine Adresse in Deutschland mehr', war das schon ein mulmiges Gefühl. Aber ich wusste, es ist der richtige Schritt.

Meine Kinder sind erwachsen; sie wollen uns hier besuchen, sobald die Corona-Situation es zulässt. Meine Freundin hat einen neunjährigen Sohn, er wohnt jede zweite Woche bei uns und hat sogar schon ein paar deutsche Wörter gelernt. Kinder werden in Singapur sehr leistungsbezogen erzogen, auch in der Freizeit heißt es ständig: 'Das musst du schaffen.' Einfach mal Herumspielen oder Nichtstun ist nicht vorgesehen. Das finde ich schade, aber ich will mich da nicht einmischen, denn kürzerzutreten oder mal eine Pause zu machen, ist hier auch in der Arbeitswelt nicht vorgesehen.

Einen richtigen Feierabend gibt es nicht

44 Arbeitsstunden pro Woche sind Standard, und einen Freizeitausgleich für Überstunden gibt es nicht - genauso wenig wie einen richtigen Feierabend. Auch am Wochenende oder um 22 Uhr schreiben Kollegen oder Kunden noch WhatsApp-Nachrichten und erwarten, dass man sofort antwortet. Ich mache das notgedrungen mit, habe mir aber ausgehandelt, dass ich zumindest im Urlaub mein Diensthandy ausmachen darf und nur in Notfällen erreichbar bin.

Obwohl alle sehr stolz darauf sind, möglichst viel zu arbeiten, ist die Arbeitsweise erstaunlich ineffizient. Singapurer sind meiner Beobachtung nach verrückt nach Meetings. Meine Freundin arbeitet in der Lebensmittelindustrie und hat sogar noch mehr Meetings als ich. Aber herumkommt dabei wenig.

Es gibt keinen Kaffee, keine Kekse und nur wenige Diskussionen, stattdessen endlose Monologe, zu denen alle freundlich nicken. Das empfinde ich auch als Redner als schwierig - man weiß nie, wie die eigene Präsentation ankommt und ob man die Erwartungen erfüllt. Nachfragen kommen höchstens von den Chefs, und das auch nur sehr selten.

Befruchtende Diskussionen gibt es eigentlich nur mit den Kollegen im Team. Aber bis die eigentliche Arbeit losgeht, werden noch weitere Arbeitsstunden vertrödelt. Denn in der Regel kriegt man nach einem Meeting noch 500 E-Mails, in denen alle das Gesagte noch mal in eigenen Worten zusammenfassen, und nach zwei Tagen hat dann auch der Letzte den Überblick verloren.

Meine anfängliche Scheu, Kundengespräche auf Englisch zu führen, ist schnell verflogen. An ausländische Akzente sind hier alle gewöhnt, weil sehr viele Expats aus aller Welt in Singapur arbeiten. Dabei ist es für einheimische Firmen gar nicht so einfach, Ausländer einzustellen. Sie müssen nachweisen, dass kein Einheimischer für den Job infrage kommt, dürfen eine bestimmte Ausländerquote nicht übersteigen und müssen für 2000 Dollar einen Pass für die potenziellen Mitarbeiter beantragen.

Einen solchen Pass habe ich nun. Sollte mir gekündigt werden, hätte ich nur vier Wochen Zeit, um mir einen neuen Job zu suchen, andernfalls müsste ich das Land verlassen. Das empfinde ich schon als belastend, obwohl meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt ja gut sind. Eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung könnte ich bekommen, wenn ich meine Freundin heirate. Wir haben uns schon mal erkundigt, welche Formalitäten es da gibt, aber eine Hochzeit ist noch nicht geplant. Ich versuche jetzt erst mal, einen Status als 'Permanent Resident' zu erlangen. Mit Universitätsabschluss und gefragtem Beruf müssten meine Chancen für die Genehmigung dieses Antrags ganz gut sein.

Hier ist brutto gleich netto

Mein jetziges Gehalt ist mit dem in Deutschland vergleichbar - allerdings ist brutto hier gleich netto. Was im Vertrag steht, landet auch auf dem Konto; nur einmal im Jahr müssen Steuern abgeführt werden, und der Betrag ist im Vergleich zu Deutschland ein Witz.

Sehr teuer sind hier allerdings die Wohnkosten: Für die ersten Monate hatte ich mir ein Zimmer gemietet - für 1100 Singapur-Dollar im Monat (rund 700 Euro), und das war noch das untere Preissegment. In schickeren Gegenden zahlt man für ein Zimmer um die 2000 Singapur-Dollar im Monat (rund 1260 Euro). Und wer eine Wohnung kaufen will, muss ganz schnell mit eineinhalb Millionen Singapur-Dollar oder mehr rechnen. Offenbar gibt es aber genug Menschen, die sich das leisten können - Wohnungen sind hier immer sehr schnell weg.

Besonders beliebt sind Condos, Apartments in von Mauern umschlossenen Wohnblöcken mit Pool und Fitnessstudio, aber da sind die Mieten kaum bezahlbar. Meine Freundin und ich leben jetzt in einer Hochhaussiedlung im 11. Stock. Da haben wir zwar keinen Pool, aber eine tolle Aussicht, und die Insekten fliegen nicht so hoch.

Auf Radfahrer wird mehr Rücksicht genommen

Klar gibt es auch Momente, in denen mir Singapur auf den Keks geht. Es ist hier immer warm und sonnig, aber deshalb hat man auch nie das Gefühl: Boah, heute ist schönes Wetter, jetzt gehen wir raus. Sogar das Hamburger Schmuddelwetter fehlt mir dann. Aber solche Momente gehen wieder vorbei.

Ich bin leidenschaftlicher Rennradfahrer, und durch mein Hobby habe ich schnell Anschluss gefunden. Mit bis zu 60 Leuten radeln wir spät abends oder früh morgens, wenn es noch nicht so heiß ist, durch die Stadt. Der Straßenverkehr ist kein Problem, hier nehmen Autofahrer mehr Rücksicht auf Radfahrer, aber das Landschaftsbild ist immer gleich: Häuser, Häuser und noch mehr Häuser. Ich würde gern mal wieder über Land radeln, durch eine Allee. Aber dafür muss man schon nach Malaysia.

In Deutschland bin ich sehr gern ins Kino gegangen, hier macht das wenig Spaß, denn alle Filme sind mit chinesischen Untertiteln versehen. Man hat also ständig die Schriftzeichen im Bild.

Kulturschock
Foto: epa efe Lacerda/ dpa

Sind Sie auch ausgewandert, leben nun Tausende Kilometer entfernt von Deutschland und würden gern Ihre Geschichte erzählen?
Dann schreiben Sie uns hier. 

Von der in Singapur berüchtigten Strenge der Polizei bekomme ich wenig mit, höchstens auf Facebook, wenn Expats ausgewiesen werden, weil sie trotz der Corona-Verbote zusammen auf öffentlichen Plätzen Bier getrunken haben. Mit solchen Leuten habe ich aber wenig Mitleid. Die Regeln werden klar kommuniziert, zweimal am Tag verschickt das Singapurer Gesundheitsministerium per WhatsApp aktuelle Fallzahlen. Und dann muss man sich eben daran halten. Wer gegen Mindestabstand oder Maskenpflicht verstößt, muss 300 Singapur-Dollar (rund 190 Euro) Strafe zahlen. Beim zweiten Verstoß kostet es 1000 Singapur-Dollar (rund 630 Euro) und beim dritten Mal muss man in den Knast - oder wird eben des Landes verwiesen.

Bevor man Geschäfte oder Restaurants betritt, muss man sich mit einer Corona-Warn-App einloggen. Singapurer ohne Handy gibt es nicht, auch 80-Jährige haben hier alle ein Smartphone. Manche haben sogar zwei, damit sie besser Pokemón Go spielen können. Es gibt auch Apps zum Denunzieren von Mitbürgern: Wenn jemand zum Beispiel mit einem E-Scooter zu schnell fährt, kann man das per App dokumentieren und den Fahrer melden. Und vor vielen Einkaufszentren hängen Tafeln, auf denen steht, wann dort der letzte Ladendiebstahl stattfand.

Wenn ich in Rente gehe, wollen meine Freundin und ich zurück nach Europa. Nicht unbedingt nach Deutschland, das wäre für sie wegen der Sprache schwierig, aber vielleicht in die Niederlande, da kommt man mit Englisch weiter. Aber die nächsten zehn Jahre bleiben wir sicherlich noch hier."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.